MESOPOTAMIA NEWS : EUROPA WIRD ZULETZT ENTDECKT ! Levy-Strauss ist nicht MACRON
/ Claude Levy Strauss über die „Vornehmheit“ und ihre Genealogie /
Die Partie der Kulturen
Damals glaubte der an Spieltheorie interessierte Anthropologe, daß die Gesamtheit der Gesellschaften und ihre Einwirkung aufeinander in einem mathematisch inspirierten Modell dargestellt werden könnten. Er sprach von einem Spiel, bei dem jede der Kulturen ihren Einsatz mitbringe und durch Kooperation mit anderen eine Strategie entwickeln könne, um den eigenen kulturellen Einsatz zu vervielfachen. Dieses Modell schien alle Gesellschaften zu Partnern zu machen, ohne das Glück des Tüchtigen ganz zu vernachlässigen. Zugleich wurde dadurch sichtbar, daß Verschiedenheit etwas höchst Wertvolles und durch nichts zu ersetzen war.
Der Kult der Differenz und der Nuance offenbarte jedoch jenseits der Mathematik eine loyale Verbindung zur Gesellschaft des alten Frankreich, in der die Differenz das Abzeichen der alten Aristokratie war. Auf der Fährte dieses Eindrucks beginnt man nun die Spuren einer unmodernen Vornehmheit zu erkennen, die Levi-Strauss durch sein scheinbar so kühles, rationales OEuvre gelegt hat. Die exotischen Stämme und ihre Angehörigen sind, wie auch die Fotografien der nackten und elenden Indianer am Amazonas belegen, vornehm in einem für uns verlorenen Sinn. Dazu paßt auch die Besessenheit von dem Genealogischen, von Verwandtschaft und Herkunft, das alle Erforscher früher Gesellschaften zeigen: die Vornehmheit der Anfänge. In gewisser Weise hat sich Claude Levi¬Strauss in den Faubourg Saint-Germain begeben, als er nach Brasilien aufbrach, und ist der Saint-Simon der Genealogen des Regenwaldes geworden.
So ist nicht ganz ohne Vorbereitung, daß die Entdeckung Europas am Ende des OEuvre von Levi-Strauss steht. Die Partie, welche die Kulturen miteinander spielen, setzt zu ihrem Gelingen voraus, daß die Werte der jeweils eigenen Kultur auch gewollt werden. Werden sie nicht nur von anderen, sondern auch von ihren eigenen Angehörigen zurückgewiesen, dann kann die Rechnung nicht aufgehen, und alle sind um ihre Chancen betrogen.
Der Ethnologe ist am Ende ein Spätheimkehrer. Vor etwa zehn Jahren hat Levi-Strauss sein Bekenntnis zur europäischen Identität eindringlich vorgetragen: „Ich habe zu einer Zeit nach-zudenken begonnen, als unsere Kultur andere Kulturen attackierte, zu deren Verteidiger und Zeugen ich mich dann aufgeworfen habe. Heute habe ich den Eindruck, daß die Bewegung sich umgekehrt hat und daß unsere Kultur angesichts äußerer Bedrohungen in die Defensive geraten ist. Und auf einmal empfinde ich mich als fest entschlossenen, ethnologischen Verteidiger meiner eigenen Kultur.”