MESOPOTAMIA NEWS : ERDOGAN & USA EINIG = KURDEN(PKK/PYD) SOLLEN WEG RICHTUNG EAST OF THE EUPHRATES

 

Nach Einnahme von Afrin : Das nächste Ziel ist schon ausgemacht

Von Michael Martens , Athen – FAZ – Aktualisiert am 19.03.2018-09:14  – Am Ende ging es schnell. Noch Anfang März sah es so aus, als müsse sich die türkische Armee bei ihrem zweiten Feldzug in Syrien auf einen langwierigen Kampf einstellen. Da waren schon knapp sechs Wochen seit dem Beginn der „Operation Olivenzweig“ verstrichen, doch die Streitkräfte der Türkei und ihre arabischen Hilfstruppen von der „Freien Syrischen Armee“ hatten nicht einmal die Vororte der Kantonshauptstadt Afrin erreicht. Manche Militärfachleute prophezeiten, es werde einen „blutigen Häuserkampf“ um Afrin geben.

Sie irrten. Am Sonntag haben die Türken und ihre Verbündeten Afrin eingenommen, ohne dabei auf schwere Gegenwehr zu stoßen. Die kurdischen „Volksschutzeinheiten“ (YPG) hatten sich zuvor offenbar weitgehend geschlossen zurückgezogen. Von ihrer viel gerühmten Kampfkraft, die sie im Krieg gegen die Terrorbande „Islamischer Staat“ (IS) oft demonstriert hatten, schien nichts geblieben. Freilich waren die Bedingungen in Afrin auch andere. Bei der erfolgreichen Verteidigung der kurdisch besiedelten nordsyrischen Stadt Kobane gegen die Belagerer vom IS im Jahr 2014 konnten sich die Kurden auf amerikanische Luftunterstützung verlassen, die nach anfänglichen Koordinationsmängeln immer treffsicherer wurde. Über Afrin aber schwieg der Himmel – und wenn er doch sprach, dann Türkisch.

Washington, von Ankara vor die Wahl gestellt, sich zwischen kurdischen Freischärlern und dem Nato-Partner Türkei zu entscheiden, griff in Afrin nicht ein. Die Begründung lautete, dass sich die amerikanisch-kurdische Koalition zur Bekämpfung des IS nie auf Afrin erstreckt habe. Das ist nicht falsch, denn im fast nur von Kurden besiedelten Afrin hatte es, anders als von Ankara behauptet, keine IS-Präsenz gegeben. Da die Amerikaner nicht eingriffen und auch Russland der türkischen Operation indirekt Rückendeckung gab, konnte die Türkei den Vormarsch gegen Afrin mit Kampffliegern unterstützen. Das machte einen großen Unterschied.

Mit der Einnahme Afrins hat der zweite Syrienfeldzug der türkischen Armee knapp zwei Monate nach seinem Beginn das erste wichtige Ziel erreicht: Der Kanton und sein Hauptort befinden sich nunmehr weitgehend unter militärischer Kontrolle der Türkei. Die türkische Armee verbreitete am Sonntag zum Teil sorgsam inszeniert wirkende Bilder, auf denen zu sehen ist, wie die Flagge der Türkei an verschiedenen Gebäuden in Afrin gehisst oder geschwenkt wird. Das passte nicht recht zu Ankaras Beteuerungen, die Türkei sei keineswegs als Besatzungsmacht in Afrin einmarschiert. Doch die Bilder waren für das Publikum in der Türkei inszeniert, wo die Kriegsbegeisterung genährt werden will.

Erdogan nimmt Amerika ernst, Europa nicht

Nach dem Fall (oder, je nach Sichtweise: der Befreiung) von Afrin ist Ankaras Albtraum, die kurdisch kontrollierten Gebiete im Norden Syriens könnten sich zusammenschließen, am Ende gar noch mit Zugang zum Mittelmeer, nun einstweilen gebannt. Doch die Türkei will mehr. Staatspräsident Tayyip Erdogan hat mehrfach angekündigt, dass er auch in der Stadt Manbidsch, nahe des Westufers des Euphrat, bewaffnete kurdische Kräfte nicht länger dulden wolle. Die YPG, die in Manbidsch eng mit den Amerikanern kooperieren, sollen sich an das Ostufer des Euphrat zurückziehen, lautet die Forderung. Darüber wurde auch verhandelt, als der damalige amerikanische Außenminister Rex Tillerson Mitte Februar in Ankara war. Weitere Verhandlungen in Washington folgten. Treffen die türkischen Mitteilungen über den Verlauf der Gespräche zu, dann vereinbarten Ankara und Washington einen von den Armeen beider Länder überwachten Abzug der YPG aus Manbidsch. Letzte Finessen des Plans hätten bei Verhandlungen, die eigentlich an diesem Montag geplant waren, zwischen Tillerson und seinem türkischen Gegenpart Mevlüt Cavusoglu persönlich geklärt werden sollen. Dann grätschte Trump mit der Entlassung Tillersons dazwischen. Die Türkei hat aber deutlich gemacht, dass der Personalwechsel in Washington den Plan nicht lange verzögern dürfe.

Immerhin verhandelt Ankara mit den Amerikanern, nimmt sie ernst. Für die EU hat Erdogan dagegen wie schon seit Jahren nur eine Mischung aus Hohn und Desinteresse übrig. Über eine Resolution des Europäischen Parlaments, das die Türkei in der vergangenen Woche aufforderte, ihre Militäraktion in Afrin zu beenden, konnte Erdogan nicht einmal in gewohnter Form in Rage geraten. Zumindest blieb er wutrednerisch unter seine Möglichkeiten, als er sagte, was das Parlament der Europäer zu sagen habe, gehe den Türken „zum einen Ohr herein und zum anderen wieder heraus.“ Er erinnerte auch daran, dass die Türkei das „Flehen“ der Europäer erhört und den Strom der Migranten nach Europa aufgehalten habe. In Afrin jedenfalls werde sein Land nun nach Gutdünken schalten und walten, machte Erdogan deutlich.

Welche Syrer meint Erdogan?

Am 26. März, bei dem EU-Türkei-Gipfel in der bulgarischen Schwarzmeerstadt Warna, soll Erdogan auf den europäischen Ratspräsidenten Donald Tusk, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und Bulgariens Ministerpräsidenten Boyko Borissow treffen. Bei dieser Gelegenheit wird Erdogan die Europäer wohl von den weiteren Plänen der Türkei in Syrien in Kenntnis setzen – mehr nicht. Die Türkei, sagt er schon jetzt, werde in Afrin bleiben, bis die Arbeit dort erledigt ist. Vor zehn Tagen hatte er angekündigt, „200.000 Syrer“ stünden wahrscheinlich vor der Rückkehr nach Afrin.

Doch welche Syrer hatte er im Sinn? Kurden? Oder aus anderen Gebieten Syriens vertriebene Araber, die derzeit noch als Flüchtlinge in der Türkei leben? An wen denkt Erdogan, wenn er sagt, die Türkei wolle Afrin „ihren wahren Besitzern“ zurückgeben? Und wie lange wird es dauern, bis die Türkei ihre Arbeit in Afrin erledigt hat? Als der Angriff auf Afrin begann, zog ein Berater Erdogans Vergleiche mit der türkischen Invasion Zyperns. Die fand 1974 statt, und türkische Soldaten sind noch immer auf der Insel. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Eine Mehrheit der türkischen Zyprer empfindet die Soldaten nicht als Besatzungs- sondern als Schutzmacht. Das werden viele Kurden in Afrin anders sehen – mit möglicherweise blutigen Folgen für dort stationierte türkische Soldaten.

www.mesop.de