THEO VAN GOGH WATCH: DIE VOLLENDS ENTFREMDETE MENSCHHEIT ALS BRAVE NEW WORLD RESETTET VOM EHEMALIGEN ERZKOMMUNISTEN DIETMAR DAGTH IN DER FAZ
Visionen zukünftiger Ernährung : Schöne futuristische Futterflausen
- Von Dietmar Dath FAZ – -Aktualisiert am 05.09.2023-11:23
In der unterschätzten Serie „The 100“ müssen geleeförmige Kalorienspeicher rasch verzehrt werden. Von „Yummi-Bällchen“ über „rauchiges Schweinefleisch und Weltall-Polenta nach Mos-Eisley-Art“ bis zum „Käsekuchen à la Marty McFly“: Was Science-Fiction-Visionen über künftige Ernährungsweisen wussten und wissen.
1. Essen, um zu wachsen?
Man kann sich an Phantasien über die Nahrung der Zukunft leicht überfressen. Will man das nicht, sollte man als Vorspeise vor anderen Gedankenmahlzeiten den Roman „The Food of the Gods and How It Came to Earth“ von H. G. Wells aus dem Jahr 1904 zu sich nehmen.
In diesem Buch, verfasst von einem der allerwichtigsten Ideen-Ingenieure der Frühzeit der Science-Fiction, der unter anderem die bis heute nicht übertroffenen Modelltexte fürs Erzählen über Zeitreisen und außerirdische Invasionen geschrieben hat, erfinden der Chemiker Bensington und der Physiologe Redwood die „Herakleophorbia“ (was so viel heißt wie: „Nahrung eines möglichen Herkules“), nachdem ihnen aufgefallen ist, dass sich das Wachstum gewöhnlicher Organismen in Schüben, Pausen und Sprüngen vollzieht.
Dieses Verfahren der Natur finden die beiden Wissenschaftler unordentlich.
Sie wollen Lebewesen deshalb auf die Überholspur der Entwicklung umleiten.
Das soll unter anderem Frühgeborenen und anderen Säuglingen mit Startnachteilen zugutekommen. Die neue Nahrung wird also auf einer Musterfarm getestet. Dummerweise haben die rückständigen Menschen, die diesen Versuch durchführen, aber noch weniger Sinn für Sicherheitsvorkehrungen als die heutigen Gen-Food-Begeisterten und Polymer-Panscher bei Nestlé, Cargill oder Monsanto.
Daher gerät der Wunderstoff in die Nahrungskette, wo er umgehend gigantische Wespen und Ratten hervorbringt. Die Begriffsstutzigkeit und Trägheit des bäuerlichen Milieus, die Wells hier karikiert, war ihm, einem demokratischen Sozialisten britischer Prägung, äußerst unsympathisch. Es ging ihm damit wie den beiden Erfindern des modernen Kommunismus, Marx und Engels, die sich über die „Idiotie des Landlebens“ ärgerten und die genannte ständige Bereitschaft agrarischer Gemeinwesen, an allerlei „waldursprünglichen Blödsinn“ zu glauben.
Die neue humanoide Spezies von Riesen jedoch, die bei H. G. Wells am Ende der Romanhandlung das Heft in die Hand nimmt, bricht den Widerstand jener Verschnarchten. Zum Schluss hält so ein Riese schließlich einen schwungvollen Vortrag darüber, dass tätige intelligente Geschöpfe im Grunde stets nur ausführende Organe der Selbstverwirklichung des Prinzips „Wachstum“ seien. Man werde, lehrt er, im Namen dieses Prinzips am Ende die Sterne erreichen. Das sagt er mit großer Geste, die gen Himmel weist.