THEO VAN GOGH : RUSSLANDS KRIEG ALS COUNTERINSURGENCY & KULTURKAMPF  / SERGEJ KARAGANOW (BERLINER ZEITUNG)

10.8.22 – “Im Ukraine-Krieg geht es nach Ansicht Sergej Karaganows nicht um die Ukraine. Die ukrainische Bevölkerung diene lediglich als Kanonenfutter, um die schwindende Vormachtstellung der westlichen Eliten aufrechtzuerhalten. Denn der Konflikt sei für die zunehmend das Vertrauen der eigenen Völker einbüßenden westlichen Eliten geradezu existenziell. Um die Aufmerksamkeit der Menschen von ungelösten inneren Problemen abzulenken, bedürfe der politische Westen eines konsolidierenden Feindbildes.

Russland eigne sich auch aus historischen Gründen hervorragend für die Rolle. Die aktuell herrschende westliche Elite werde aber diesen Konflikt nicht überdauern. Dennoch werden die – meisten (!) – westlichen Staaten, nachdem sie den ihnen in den späten 1980er-Jahren „aufgezwungenen liberalen globalistischen Imperialismus“ abgestreift haben, durchaus wieder gedeihen.

 

Im Gegensatz zum Westen stehe für Russland nicht nur das Wohlergehen der politischen Eliten, sondern das Überleben des Landes selbst auf dem Spiel. Aus diesem Grunde könne sich Moskau keine Niederlage leisten und werde deshalb siegen, zeigt sich Karaganow überzeugt.

 

Russland auf Distanz zum Westen

In der Entscheidung zugunsten einer vollumfänglichen Invasion der Ukraine und der daraus resultierenden Konsolidierung des Westens inklusive der Erweiterung der Nato um Finnland und Schweden sieht Karaganow weder eine schreckliche Fehlkalkulation des Kreml noch eine bittere historische Ironie. Nur der retrospektive historische Blick werde aufzeigen können, ob Russland die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt getroffen habe.

Womöglich hätte die Entscheidung früher kommen müssen und wurde lediglich durch die Pandemie hinausgezögert, so Karaganow.

Nachdem sich das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen seit anderthalb Jahrzehnten verschlechtert habe, sei für Moskau durch den Beziehungszusammenbruch der vergangenen Monate ohnehin „nichts mehr zu verlieren“ gewesen. Vielmehr sollte mit Blick auf den politischen, wirtschaftlichen und moralischen Verfall des Westens jedenfalls für die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte deutlich Distanz gewahrt werden. Nach einem teilweisen Elitenwechsel im Westen dürften sich die Beziehungen normalisieren. Keinesfalls verfolge Russland die selbstmörderische Entscheidung, sich vom Rest der Welt zu isolieren. Denn die Welt sei gerade dabei, sich von der westlichen Hegemonie endgültig zu befreien, und werde größer und freier.

Westliche Hochburg der Cancel Culture

Die internationale Abkehr von Russland wird nach Ansicht Karaganows vom Phänomen der sogenannten Cancel Culture eng begleitet. Die russische Kultur, ja alles Russische, falle im Westen jener verhängnisvollen Bewegung zum Opfer. Letzteres sei jedoch ein grundsätzliches Problem des Westens, welcher auch die eigene Geschichte, die eigene Kultur sowie die christliche Moral und Werte „cancele“. Doch letztlich habe die aggressive westliche Politik auch Vorteile. Diese säubere nämlich die russische Gesellschaft und die Eliten von den „Überresten prowestlicher Elemente“.

Russland als Hort des freien Denkens

Auch wenn die aktuelle Konfrontation mit dem Westen den Raum politischer Freiheit in Russland zunehmend einenge, habe das Land dennoch im direkten Vergleich zu vielen Staaten die Freiheit des Denkens und der intellektuellen Diskussion nach wie vor bewahren können. Jedenfalls seien in der Russischen Föderation Phänomene wie Cancel Culture oder auch die „erdrückende politische Korrektheit“ nicht zu finden. Russland verschließe sich nicht der europäischen Kultur, vielmehr werde man einer der wenigen Orte bleiben, die den Schatz der europäischen, westlichen Kultur und ihrer geistigen Werte bewahren. Auch werde man den mittlerweile politisch unkorrekten Ernest Hemingway nicht verraten, so Karaganow süffisant.

Aufteilung der Ukraine unausweichlich

Als Minimalkriegsziel Russlands bezeichnet Sergej Karaganow die Einnahme des Donbass sowie die Eroberung der gesamten Süd- und Ostukraine. Schließlich gelte es mit großer Wahrscheinlichkeit, das unter der Kontrolle Kiews verbliebene Gebiet politisch zu neutralisieren und vollständig zu entmilitarisieren.

Kampf für eine „gerechte und stabile Weltordnung“

Karaganow sieht die russische Führung vor eine unabdingbare Wahl gestellt. Sollte Russland die Chance auf Entwicklung als „stolzer und souveräner Staat“ gewahrt sehen wollen, sei die aktuelle Schlacht für eine zukünftige „gerechte und stabile Weltordnung“ zwingend fortzuführen. Ohne eine nennenswerte Bereitschaft der gesamten russischen Gesellschaft zum Verzicht könne der Kampf aber nicht gewonnen werden. Zwar habe er Verständnis für alle, die auf der Suche nach einem besseren Leben Russland verlassen, die meisten Emigranten seien jedoch über diese Entscheidung nicht glücklich und würden hoffentlich eines Tages zurückkehren.

„Zivilisation der Zivilisationen“

Insgesamt sei die Ukraine zwar ein wichtiger, jedoch nur ein kleiner Teil des umfassenden Prozesses des Zusammenbruchs der durch die Vereinigten Staaten weltweit aufgezwungenen „Weltordnung des globalen liberalen Imperialismus“. Der Lauf der Geschichte könne nicht umgekehrt werden. Die Welt bewege sich auf ein viel gerechteres und freieres System der Multipolarität sowie der Vielfalt von Zivilisationen und Kulturen zu. Eines der Zentren der kommenden Weltordnung werde in Eurasien entstehen, mit Russland in seiner natürlichen Rolle als „Zivilisation der Zivilisationen“ und des nördlichen Garanten der globalen Balance.”

https://www.berliner-zeitung.de/…/russland-nato-usa-die…