| mein ehemaliger „Spiegel“-Kollege, der Theaterredakteur Wolfgang Höbel, hat vergangene Woche den Regisseur Frank Castorf aufgesucht und mit ihm über Leben und Arbeiten in der Corona-Welt gesprochen. Castorf war schlechter Laune, und wenn er schlechter Laune ist, macht er daraus keinen Hehl. Er habe keine Lust, sich von Angela Merkel vorschreiben zu lassen, wann er sich die Hände wasche, so fing das Interview an. Und in dem Stil ging es weiter.
Er wünsche sich mehr republikanischen Widerstand, erklärte Castorf, es gehe ihm gewaltig gegen den Strich, wie sich das Land den Dekreten von Virologieprofessoren und Politikern unterwerfe. „Die Welt wird irgendwann das Zeitliche segnen. Das ist traurig. Aber es wird passieren. Das Problem ist, dass wir in einer Welt leben, die glaubt, dass sie unsterblich sei.
So wie zu Zeiten der DDR von der Politik die sozialistische Menschengemeinschaft propagiert wurde, wird heute die gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor dem Tod propagiert.“
Kaum war der Text erschienen, brach ein Sturm der Entrüstung los. Verantwortungslos sei das, was Castorf da von sich gebe. Das Geplapper eines alten, eitlen Mannes. Dabei hat Castorf so mit Höbel geredet, wie er immer redet. Der Unterschied ist: Diesmal ging es nicht gegen den Kapitalismus oder den Kolonialismus, also Themen, für die er zuverlässig vom Feuilleton gelobt und verehrt wird, sondern gegen das Pandemie-Regime der Regierung. Da hört der Spaß plötzlich für viele auf.
Eine Erwartung an die Corona-Krise war, dass die politischen Lager verschwinden und Kategorien wie links und rechts ihre Bedeutung verlieren würden. Die Lager sind wieder sehr lebendig, ist mein Eindruck, und die Reihen diesmal sogar besonders fest geschlossen. Wer aus der Reihe tanzt, muss sich auf Einiges gefasst machen. Wo der Tod um die Ecke lauert, gilt jeder Scherz als frivol. Was eben noch als Provokation durchging, ist nun gefährliches Gerede. Das Lachen des Anarchismus? Hochverrat!
Castorf mag ein eitler, alter, weißer Fatzke sein, hochnäsig, eingebildet und selbstverliebt. Ich finde trotzdem, wir brauchen mehr Leute wie ihn.
Herzlicher Gruß
Ihr
Jan Fleischhauer |