MESOPOTAMIA NEWS : GRÜN-LINKE HEXENJAGD IN PARIS

Grüne Hexenjagd in Paris : Wegen Matzneff-Affäre zum Rücktritt gedrängt

Von Jürg Altwegg, Genf – FAZ – -Aktualisiert am 30.07.2020-09:16

„Willkommen in Pädoland“: Proteste gegen Girard in Paris –  Der Pariser Kulturdezernent Christophe Girard wurde in den Strudel der Matzneff-Affäre gezogen und ist zurückgetreten. Seine Ankläger machen dabei keine gute Figur.

„Schande“, „Demission“ oder „Willkommen im Pädophilen-Land“ war auf Banderolen einer kleinen Demonstration vor dem Pariser Rathaus zu lesen. Organisiert hatten sie zwei Grünen-Politikerinnen, die Ende Juni ins Stadtparlament gewählt worden waren. Sie forderten den Rücktritt von Christophe Girard. „Schande, Schande, Schande“, schrie die junge grüne Abgeordnete Alice Coffin auch noch am Tag danach im Parlamentssaal, als der geforderte Rücktritt seit zwölf Stunden Tatsache war.

In der Pariser Stadtregierung war er für die Kulturpolitik zuständig. Ihm wird vorgeworfen, den pädophilen Schriftsteller Gabriel Matzneff hofiert und unterstützt zu haben. In seinen Werken beschreibt Matzneff seine Beziehungen zu Knaben und Mädchen, jahrelang war er eine Kultfigur des Literaturbetriebs, verlegt wurde er von Gallimard. Erst seit Anfang des Jahres wird die Affäre aufgearbeitet. Vanessa Springora, eines seiner Opfer, veröffentlichte eine Anklageschrift, die zum Bestseller wurde: „Le consentement“ (die Einwilligung). Gegen Matzneff wird wegen Vergewaltigung ermittelt. Bei Girard geht es um die finanzielle Unterstützung von Matzneff durch Pierre Bergé und die Fondation Yves Saint Laurent, bei der er tätig war, und unterschwellig um den Vorwurf „homosexueller Seilschaften“. Matzneff profitiert als „verdienstvoller Schriftsteller“ von kultureller Fürsorge (Wohnung, Rente).

Hexenjagden um untragbare Gewohnheiten der Vergangenheit aufzuräumen

Die dank den Grünen wiedergewählte sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo kündigte eine Klage an und forderte von ihrem Koaltionspartner den Ausschluss der Demo-Organisatoren aus der Partei sowie eine öffentliche Entschuldigung. Zur Entlastung des Pariser Kulturdezernent, wurde argumentiert, könne man nicht einmal die Unschuldsvermutung ins Feld führen: Die Justiz wirft Girard rein gar nichts vor. Die LGTB-Aktivistin Alice Coffin wies jegliche Kritik an ihrem Verhalten zurück. „Es ist ein Skandal, dass Girard abermals mit der Kultur betraut wurde“, rechtfertigt sie ihren Wutausbruch: „Ich lese die ,New York Times‘ und glaube, was in der Zeitung steht.“ Tatsächlich hat sich die „New York Times“ intensiver und kritischer mit Matzneff befasst als die französischen Zeitungen. Man habe, räumen diese etwas kleinlaut ein, die Recherchen der „New York Times“ im Lockdown nicht richtig zur Kenntnis genommen. Nach Girards Rücktritt legte das Pariser Infoportal Mediapart nach: Mehrmals hatte Girard auf Kosten der Steuerzahler Matzneff in keineswegs billigen Restaurants bewirtet. Ebenfalls publiziert wurde eine handschriftliche Widmung des Schriftstellers für seinen „cher ami“. Girard hatte geschwindelt, als er behauptete, Matzneff nur flüchtig und sein Werk gar nicht zu kennen.

Und Anne Hidalgo wusste es. Nach dem Artikel in der „New York Times“ wurde diskutiert, ob Girard als Kandidat auf der sozialistischen Liste noch tragbar sei. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Mit ihrer Unterstützung für Girard aber hat Hidalgo wider besseres Wissen die Öffentlichkeit düpiert. Der Umgang der Elite mit Matzneff und seinem Erbe bleibt eine Schande. Das Verhalten von Coffin und anderen feministischen Politikerinnen wird dadurch nicht besser. Aber offensichtlich sind Hexenjagden in Frankreich gegenwärtig die einzige Möglichkeit, mit den untragbaren Gewohnheiten der Vergangenheit aufzuräumen. Im Übrigen geht es auch für die Grünen um die Aufarbeitung und Bewältigung eines düsteren Kapitels. In früheren Zeiten hatten sie – im Einklang mit renommierten Intellektuellen – Matzneffs Forderungen vertreten: Straffreiheit für Kinderschänder.