MESOPOTAMIA NEWS : ACHILLE MBEMBE – DANIEL BARENBOIM UND ANDERE / BRIEF AN DIE DEUTSCHEN

Die Idee des Lebenden insgesamt

12.05.2020. Achille Mbembe schickt der taz einen sehr milden, versöhnlichen Text, in dem er ein bisschen weiter ausholt, um sein Denken zu erklären – eine Entschuldigung will er aber immer noch. Mbembe gehört auch zu den Unterzeichnern eines internationalen Aufrufs von Professoren, die erklären, nicht mehr in deutsche universitäre Kommissionen eintreten zu wollen, falls dort BDS-nahe Künstler oder Wissenschaftler unerwünscht sind. Im Tagesspiegel fragt Gerhart Baum: Wo war in der Stunde der Exekutive eigentlich die Legislative?

 

Achille Mbembe schickt der taz einen sehr milden, versöhnenden “Brief an die Deutschen”, in dem er zwar auf das Thema Israel eingeht, aber nicht direkt auf die Kritik an seinen Äußerungen (eine Entschuldigung verlangt er aber nach wie vor). Er versucht eher, sein Denken zu erklären, dass der Essenzialisierung von Identitäten und Differenzen zu entkommen suche. Gelernt habe er das, als er nach dem Vergleich der Erfahrungen der Apartheid und des Rassismus in Amerika verstanden habe, dass sie zu unterschiedlich seien, um daraus eine Philosophie der “Blackness” zu entwickeln: “Unter diesen Umständen ist es geboten, die Suche nach der Möglichkeit einer mit der Gesamtheit des Lebenden solidarischen Menschheit mit neuem Schwung aufzunehmen. Ich versuche, diese Rückkehr zur Idee einer ‘Menschenrasse’ mit der Idee des Lebenden insgesamt zu verknüpfen, mit der Integration der unteilbaren Biosphäre. Dies ist der Sinn der Kritik von Feindseligkeit in ‘Politiques de l’inimitié’ und anderen jüngeren Texten.”

377 internationale Künstler und Professoren erklären, nicht mehr in deutsche universitäre Kommissionen eintreten zu wollen, falls dort BDS-nahe Künstler oder Wissenschaftler nicht erwünscht sind, melden die Ruhrbarone. Im Text der Erklärung heißt es: “Die Unterzeichner verpflichten sich, nicht in Jurys, Preiskomitees oder universitäre Einstellungsausschüsse in Deutschland einzutreten, wenn es ‘klare Indikatoren gibt, dass ihre Entscheidungen ideologischer oder politischer Einflussnahme oder Lackmustests unterworfen” wird.” Zu den Unterzeichnern gehört auch Achille Mbembe, neben vielen der üblichen Verdächtigen wie Judith Butler, Etienne Balibar, Noam Chomsky. Der volle Text findet sich hier.

Ähnlich wie gestern der mazedonische Schriftsteller Nikola Madzirov (unser Resümee) ist auch Daniel Barenboim der Ansicht, dass Erinnerung nicht bedeuten darf, sich zum Sklaven der Vergangenheit zu machen: “Mit dem Erinnern muss ein zusätzlicher konstruktiver Aspekt verbunden sein, es muss ein aktives Erinnern stattfinden”, schreibt er in der FAZ. “Übertragen auf die Erinnerung an den Holocaust, bedeutet dies, dass der Erwerb von Wissen durch das Verstehen seines eigentlichen Wesens es uns ermöglicht, nicht Sklave einer Erinnerung zu sein, die wir nicht vergessen dürfen. Andernfalls wird es eine Rechtfertigung für undemokratische und militaristische Tendenzen bieten, welche Gegenwart und Zukunft sowohl der israelischen als auch der palästinensischen Gesellschaft ernsthaft gefährden.”

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