THEO VAN GOGH Sprachspiele: Unser Deutsch & Baerbock

feministisch

5-3-23 – Feministisch ist kein neutrales, wertfreies Wort wie mechanisch oder elektrisch. Es enthält eine programmatische Komponente, wie sie auch in sozialistisch und nationalsozialistisch, kommunistisch, materialistisch und vielen anderen Adjektiven auf –istisch zum Ausdruck kommt. Sie bilden Paare mit den entsprechenden Substantiven Sozialismus, Kommunismus, Materialismus usw., aus denen sie zumeist abgeleitet sind. In beidem kommt neben dem semantischen Kern auch ein Anspruch, die Behauptung einer moralischen Überlegenheit zum Ausdruck. Die bessere Regierung, das bessere System, ein Segen für die ganze Menschheit. Dieser Nebensinn steckt auch in dem Ausdruck Feministische Außenpolitik,

die am 1. März von der Bundesaußenministerin vorgestellt wurde. Ursprünglich, im Koalitionsvertrag der Ampelparteien, war noch von feminist foreign policy die Rede. Das deutsche Pendant soll die FDP abgelehnt haben. Nun ist es doch in die Amtssprache der Bundesregierung eingegangen. Mit ihr auch das programmatische Gendern, das sich die Grünen schon in ihrem Wahlprogramm auf die Fahnen geschrieben hatten. In den Leitlinien ist von Bürger*innen und Partner*innen, von Friedensaktivist*innen, Mediator*innen und LSBTIQ* -Personen die Rede. Damit mischt sich das Bundesaußenministerium dezidiert und einseitig in die Genderdebatte ein.

Es ist schade, dass damit das Ziel einer frauengerechten Politik, für welche bereits im Jahre 2000 eine UNO-Resolution eingetreten ist, dass die Forderung nach gleichen Rechten, Repräsentation und Ressourcen (das „3-R-Modell“) mit dem Attribut feministisch unter ein umstrittenes Fahnenwort gestellt wird. Wie strittig Begriff und Sache sind, zeigt die Debatte in Skandinavien, von der die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift ‚Vorbild Schweden‘ am 1. 3. berichtet. Den englischen Ausdruck hatte die schwedische Außenministerin Margaret Wallström 2014 geprägt und 2018 in einem Handbuch umfassend begründet. Nach einem Regierungswechsel hat der neue schwedische Außenminister, Tobias Billström, die feministische Außenpolitik für beendet erklärt. Nun habe die norwegische Außenministerin, Anniken Huitfeldt, Wallströms Staffelstab übernommen. Berichtet wird auch von Konflikten mit der Regierung von Saudi-Arabien. Das wirft die Frage auf, wie die deutsche Bundesregierung ihr feministisches Programm mit den traditionellen Aufgaben deutscher Außenpolitik konfliktfrei verbinden will.

Das rührt an einen grundsätzlichen Aspekt. Steckt in den Zielen geschlechtergerechter Politik, in der sich die westliche Welt einig ist, nicht auch eine Portion Anmaßung gegenüber anderen kulturellen Konzepten des Zusammenlebens? Und wie urteilen wir damit gegenüber der eigenen familiären Kultur in unserer Geschichte, die sich erst seit kurzer Zeit in rapidem Wandel befindet?

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

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