THEO VAN GOGH DER „ABSCHIED VOM PROLETARIAT“ UND VOM FINALEN KAPITEL DER LINKEN / COURTESY ANDRÉ GORZ
Fast schon wünscht man sich nostalgisch verklärt die trostlosen Verhältnisse zurück, in denen, wie André Gorz 1980 abschätzig urteilte, „zentral gesteuerte Debatten über die Art und Weise, wie die zentrale Macht auszuüben, wie der Staat zu verwalten sei“
zumindest noch geführt wurden. Heute heißt es Position zu beziehen und mit ganz viel Meinung die richtige Einstellung nach außen zu kehren.
Nicht für sich und die eigenen Interessen, sondern für „die Kinder“ oder „die Menschheit“ wird leidenschaftslos gestritten. Darin ähneln sich Klima-Aktivisten, Maßnahmengegner und Zero-Covid-Vertreter. Unter der Verhinderung einer Katastrophe, sei es nun die Klimakatastrophe, die Faschisierung oder ein vermeintliches Massensterben, macht man keinen Finger krumm, auch wenn man sich derlei insgeheim wünscht, weil man der Gesellschaft überdrüssig ist. Die Pandemie wird zum Leidwesen vieler, deren Lebensinhalt sie wurde, vorübergehen. Die durch nichts aufzuhaltende Durchseuchung der in großen Teilen grundimmunisierten Bevölkerung wird die Pandemie in Österreich trotz grüner Regierungsbeteiligung und ohne das Krankensystem zu überlasten, im Frühling/Sommer 2022 beenden.
Am Ende siegt die Langeweile. Doch besser wird es auch danach nicht. Die durch die Gesellschaft hervorgerufenen Schäden der nachwachsenden Mittelklasse, die diese politisieren, werden dem in großen Teilen desinteressierten Publikum medial als fundamentale Streitfragen unserer Zeit präsentiert und die technokratischen Gelüste der politischen und ökonomischen Herrschaft werden mithilfe neuer und alter Gefahrenszenarien als alternativlos, weil wissenschaftlich gedeckt, legitimiert.
Der „Abschied vom Proletariat“ erwies sich als einer von ökonomischen Streitfragen. Politik erschien in einer nun plural und damit widerspruchsfrei vorgestellten Gesellschaft, in der es verpönt war, gesellschaftsspaltende Interessen zu artikulieren, als alternativlos. Möglich scheinen nur mehr Kulturkämpfe, die zwar Ausdruck ökonomischer Interessen sind, in denen sich jedoch fast ausschließlich neue und alte Mittelklasse zanken.