MESOPOTAMIA NEWS : AEROSOLE  & CORONA / FALSCHE BESCHLÜSSE & RICHTIGE MASSNAHMEN

Das Virus lauert in Innenräumen – nicht im Freien

Ansteckungen finden drinnen statt, Abstand garantiert keine Sicherheit – und Kaffeekränzchen im Wohnzimmer sind gefährlicher als Restaurantterrassen: Experten für Aerosole fordern bessere Corona-Aufklärung.  Olaf Gersemann – Ressortleiter Wirtschaft DIE WELT  12. April 2021

Es muss etwas passieren: Die Lage auf Deutschlands Intensivstationen spitzt sich zu, und sie wird sich weiter zuspitzen. Dafür sorgt die dritte Infektionswelle. Wenn nicht jetzt bald einiges geschieht, muss später sehr viel mehr geschehen. Wird das Bergamo-Szenario zu einer realistischen Perspektive, ist ein Spiel auf Zeit schlicht unverantwortlich.

Es muss etwas passieren, und es passiert ja auch etwas, nur leider das Falsche:

 

die Verabschiedung des Infektionsschutzänderungsgesetzes. Das Werk, soweit es bisher bekannt ist, ist ein Zeugnis der Ideenlosigkeit. In ihm werden Ausgangssperren zwischen 21 und 5 Uhr konkretisiert, eine drakonische Maßnahme von epidemiologisch zweifelhaftem Wert: Ein „Gamechanger“ sind sie sicher nicht, da in der besagten Zeit nur etwa ein Zehntel aller Bewegungen am Tag stattfinden. Zudem ist es möglich, dass Mobilität nur zeitlich verschoben wird – mit der Folge, dass es etwa an Bahnhöfen zu Zusammenballungen kommt, die es sonst nicht gegeben hätte. Am Ende können Ausgangssperren daher sogar Infektionstreiber sein.

Aufgehängt, und das ist noch schlimmer, werden die Ausgangssperren und andere Lockdown-Maßnahmen an der Inzidenz. Die hat ihren schlechten Ruf zwar zu Unrecht: Sie ist in der Corona-Pandemie richtigerweise der zentrale Maßstab dafür, die Intensität des Infektionsgeschehens zu beurteilen. Eine ganz andere Frage ist aber, ob die Inzidenz auch als Schwellenwert für politische Maßnahmen taugt, wie es nun sogar per Bundesgesetz festgeschrieben werden soll: 100 neu gemeldete Fälle je 100.000 Einwohner, das soll die Hopp-oder-top-Grenze werden. Jeder Stadt- oder Landkreis, der drei Tage lang darüber liegt, soll in einen harten Lockdown wechseln müssen. Dabei weiß jeder, dass 100 nicht 100 sind.

Es ist ein gewaltiger Unterschied – auch für die Intensivmedizin -, ob sich dahinter zu rund 35 Prozent über 60-Jährige verbergen (wie um Weihnachten herum) oder zu 15 Prozent (wie derzeit). Es ist ebenso ein gewaltiger Unterschied, ob die 100 in einem Landkreis durch einen einzelnen großen Ausbruch in einem Heim oder einer Fleischfabrik zustande kommt, der sich vergleichsweise leicht isolieren lässt, oder durch zahllose kleinere Ausbrüche. Was aber noch schwerer wiegt, das sind die Fehlanreize, die mit dem neuen Regelsystem den Bürgermeistern und Landräten vorgesetzt werden.

Niemand von den lokalen Entscheidern wird seine Bürger einem Lockdown XXL aussetzen wollen, wenn er oder sie es irgendwie vermeiden kann. Und niemand wird seinen Bürger gegenüber geradestehen wollen, wenn binnen weniger Wochen mehrfach das Corona-Regime zwischen Lockdown M und Lockdown XXL hin- und herwechselt, während im Nachbarkreis alles sein halbwegs normalen Gang geht. Die Versuchung, es auch mit weniger Tests zu probieren, um unter 100 zu kommen oder zu bleiben, wird groß sein. Die Versuchung, Fallzahlen vorübergehend nicht oder nur unvollständig zu melden, wird verlockend sein. Und das in einer Zeit, in der sich doch eigentlich alle einig sind, dass mehr getestet werden muss und Infektionszahlen schneller und präziser aktualisiert werden sollten.

Kluge Corona-Politik bindet die tatkräftigen, kompetenten Entscheidungsträger vor Ort mit ein, sie macht die Bürgermeister und Landräte zu Verbündeten, zu Mitspielern. Das Infektionsschutzänderungsgesetz macht sie zu Gegenspielern.

 

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