MESOPOTAMOA NEWS CORONA VIRUS IN SYRIA / INTERNAL REPORTCoronavirus in Syrien “Das einzig Gute ist, dass wir belagert sind”
In Idlib erwarten Millionen Menschen die offizielle Ankunft des Coronavirus. Doch das Dasein zwischen Krieg und Flucht ist schon so grauenvoll, dass sich einem Schrecken Positives abgewinnen lässt: dem Belagerungszustand.
Von Christoph Reuter DER SPIEGEL – 12.04.2020, 12:14 Uhr Home
Sie habe keine Angst vor der Krankheit, sagt Mariam und erwähnt Gottes schützende Hand. Aber die 55-Jährige hält sich nicht mit schlichter Gläubigkeit auf. Lieber führt sie den statistischen Nachweis, dass Gott schon nach nüchterner Faktenlage auf ihrer Seite sein müsse: “Sonst wäre ich doch schon längst tot! Als die Fassbomben in Aleppo 50 Meter neben unserem Haus einschlugen! Dann am nächsten Fluchtort, als ein Granatsplitter mich fast am Kopf getroffen hätte, aber mein Enkel mich in letzter Sekunde herunterriss!” Nein, Gott meine es wohl gut mit ihr. Deshalb habe sie keine Angst vor dem Coronavirus.
In Syriens Provinz Idlib, wo die Maßstäbe des Überlebens bis zur Groteske gedehnt worden sind im Grauen der vergangenen Jahre, ist die Angst vor der Pandemie zwar groß – aber die ist dann auch wieder nur eine Todesgefahr unter so vielen.
“Wir haben nicht mal genug sauberes Wasser zum Trinken, geschweige denn zum Händewaschen. Von Seife ganz zu schweigen.”
Dr. Munzur al-Khalil, Arzt in Idlib
Die Welt steht Kopf hier im letzten Rückzugsgebiet der Rebellen, wo mehr als drei Millionen Menschen sich auf immer kleiner werdendem Raum zusammendrängen. Wo die Schreckensnachrichten aus der friedlichen Welt, dass man zu Hause bleiben müsse, wie Paradiesverheißungen klingen.
Selbst die Warnungen vor knappen europäischen Krankenhauskapazitäten relativieren sich in Idlib. Die gesamte Provinz hat noch 105 Intensivbetten und 30 Beatmungsgeräte. “In einem Jahr haben wir 76 Krankenhäuser, Ambulanzen in Nordwestsyrien durch Angriffe verloren”, rattert der immer eilige, übernächtigte Chef des Gesundheitswesens in Idlib herunter: “Viele der Ärzte, Krankenpfleger sind umgekommen. Die meisten Geldgeber haben ihre Hilfe eingestellt. Wir versuchen uns vorzubereiten, so gut wir können”, sagt Dr. Munzur al-Khalil im Video, “aber wir haben nicht mal genug sauberes Wasser zum Trinken, geschweige denn zum Händewaschen. Von Seife ganz zu schweigen.”
Zu Hause bleiben? Für Mariam Abdelqader, die auf Gott vertrauende Großmutter, reichen die Finger ihrer beiden Hände nicht aus, alle Bewohner des Zeltes aufzuzählen, in dem sie seit Februar mit den Überlebenden ihrer Familie Zuflucht gefunden hat: “Meine beiden Töchter sind bei mir, aber Aischa, die Älteste, ist geistig behindert. Sie weint jedes Mal, wenn sie Jets hört. Fatima ist Witwe, hat ihre beiden Babys dabei. Und dann sind da die acht Kinder meines Sohnes, der bei einem Bombenangriff umkam. Ihre Mutter hat sie verlassen nach dem Angriff.”
Alle Häuser, in denen sie gewohnt haben, seien zu Trümmern geschossen worden: Erst ihr eigenes in Aleppo, dann das in ihrer alten Heimatstadt Atarib, wohin sie geflohen waren. Immerhin, ihr Camp beim Dorf Kafr Janna hat nur 34 Zelte, etwa 200 Menschen und je drei Toiletten für Männer und Frauen: “Am liebsten ginge ich ja zurück nach Atarib. Da hat es jetzt seit Wochen keine Bombardements gegeben. Aber für den Transport müsste ich mir Geld leihen. Hinterher sind wir dort, es fängt wieder an, und wir kommen nicht mehr weg.” Sie wolle Gott auch nicht überstrapazieren.
“Mal wieder einen Apfel. Eine Orange. So was hatten wir seit Monaten nicht”
Ahmed Wasim, Kindergärtner in Idlib
Noch, Stand Mittwochabend, ist erstaunlicherweise keine Corona-Infektion in Idlib bekannt geworden. Was weniger mit Gott, aber auch nicht mit Vertuschung zu tun haben dürfte, als vielmehr mit dem Belagerungszustand der Provinz: So gut wie niemand kommt rein oder raus, nicht Mensch noch Virus. Auch ruhen im Moment die Kämpfe. Idlib ist eine Insel. Oder, wie es der ebenfalls von Ort zu Ort geflohene Kindergärtner Ahmed Wasim sagt: “Das einzig Gute an unsere Lage ist, dass wir belagert sind! Zum ersten Mal in der Geschichte sind die Belagerten im Vorteil!”
Man dürfe den Lebensmut nicht aufgeben, sagt er, erzählt vom fortwährenden Entkommen und dass sie nun einen ganzen Raum in einer verlassenen Schule für ihre vierköpfige Familie gefunden hätten. Ohne Strom, ohne Heizung, aber bald werde es ja wärmer. Nur eine Sehnsucht habe er, nicht für sich, für seine achtjährigen Zwillingstöchter: “Mal wieder einen Apfel. Eine Orange. So was hatten wir seit Monaten nicht.” Sich schützen vor dem Virus, “das könnt ihr vielleicht in Europa. Eure Angst ist Luxus. Aber wir sind pleite. Wenn es irgendwo Arbeit gibt, mache ich das. Wir können nur hoffen. Und beten.”
Selbst das Testen auf eine Corona-Infektion ist trotz zahlreicher Appelle erst seit wenigen Tagen möglich. Die WHO, für solche Fälle eigentlich zuständig, lieferte einfach keine Test-Sets nach Idlib. Ihre Landesvertretung in Damaskus hat sich über die Jahre zu einer Service-Vertretung des Assad-Regimes machen lassen und die qua Satzung verpflichtende Neutralität über Bord geworfen.
Oder, wie der WHO-Sprecher im türkischen Gaziantep auf die Frage antwortete, wieso Idlib trotz aller Versprechen nichts bekomme: “Nordwestsyrien ist kein Land”, jedenfalls kein unabhängiges. Der internen Logik der WHO nach ist Damaskus für den medizinischen Schutz der Menschen in Idlib zuständig – doch das Regime möchte sie bislang vor allem aber umbringen.
Die ersten 900 Testsets wurden schließlich von einer privaten syrischen NGO gekauft. Die Proben der Verdachtsfälle werden nun über die Grenze ins türkische Gaziantep gebracht und dort ausgewertet. Bis Freitag waren es 102 Tests, bislang alle negativ. Noch.
All seine kümmerlichen Ersparnisse gibt Mahmud Ali aus für: Seife. Brot bekomme seine siebenköpfige Familie im riesigen Zeltlager von Sejjo nördlich von Aleppo von Hilfsorganisationen. Aber wenig Wasser und kaum Seife.
“Hätten wir Strom und einen winzigen, uralten Fernseher”, spricht er von seinen Träumen, “dann könnte ich die Kinder dazu bringen, im Zelt zu bleiben. Aber so? Natürlich wollen die draußen spielen, und wenigstens sollen sie sich die Hände waschen können!”
Er ist Religionslehrer, damit eigentlich von Haus aus Gott zugeneigt. Doch in Sachen Corona war Gott bislang nicht ganz auf seiner Seite. Sein einziges Zubrot verdiente Mahmud Ali in den vergangenen Monaten als Aushilfsprediger in Moscheen. Doch auch die haben seit zwei Wochen alle geschlossen.