War Beethoven schwarz?
MESOP WATCH NEU: KEIN „EKLIGER WEISSER!?“ War Beethoven schwarz? Aktivisten fordern Exhumierung – Warum nicht, vielleicht kommt damit ja raus, das selbst das 18. Jhd. keinen strukturellen Rassismus gekannt hat.
Der Sänger Roberto Blanco hat sich zum Sprachrohr einer Bewegung gemacht, die mit einer Exhumierung die angeblich afrikanische Abstammung des Komponisten belegen will. Die geschmacklose Forderung hat wenig Nutzen, aber eine lange Tradition.
Christian Wildhagen 11.10.2021, NZZEin «Mulattengesicht»? An zeitgenössischen Darstellungen Ludwig van Beethovens wie dieser von Blasius Höfel aus dem Jahr 1814 entzünden sich seit langem Spekulationen.
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Zunächst glaubt man an einen makabren Scherz: Der Schlagersänger Roberto Blanco hat in einem Ende September veröffentlichten Videoclip gegenüber dem Wiener Landeshauptmann Michael Ludwig die Forderung erhoben, der Bürgermeister möge die sterblichen Überreste Beethovens exhumieren lassen. Der 1827 verstorbene Komponist ruht seit einer Umbettung 1888 in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Sinn und Zweck der Leichenschau solle sein, endlich Klarheit über die Abstammung eines der grössten Komponisten der Musikgeschichte zu gewinnen.
Blanco verklausuliert die Vermutung, die hinter seiner Forderung steht, als Wette: «Ich wette, dass Beethoven mir ähnlicher gesehen hat als Ihnen, Herr Bürgermeister!», sagt er in dem Video. In geringfügigen Abwandlungen hat der dunkelhäutige Sänger diese Formulierung mittlerweile in mehreren Interviews wiederholt. Seither gehen in den sozialen Netzwerken die Wogen der Erregung hoch: Die Spanne der Kommentare reicht vom entrüsteten Vorwurf der Leichenfledderei über blankes Unverständnis bis zu begeisterter Zustimmung, namentlich vonseiten zahlreicher Aktivisten, aber auch einiger Wissenschafter.
Spitzname «Spagnol»
Anders als es der nassforsche Ton von Blancos Forderung vermuten lässt, geht es hier keineswegs um das Privatinteresse eines Boulevardkünstlers. Vielmehr war Beethovens Abstammung schon zu Lebzeiten Thema und wird seit nunmehr 250 Jahren unter den wechselnden Vorzeichen des Zeitgeistes immer wieder aufgegriffen. Grundlage der Spekulationen sind Berichte von Zeitgenossen, etwa des Bonner Bäckermeisters Gottfried Fischer, die einigermassen glaubwürdig versichern, dass Beethoven auffallend dunkle Haut gehabt habe. Er soll deshalb unter anderem den Spitznamen «Spagnol» getragen haben. Nach der Umbettung 1888 schrieb man Beethoven aufgrund seiner Schädelform sogar ein «Mulattengesicht» zu.
Die Form des damals sogenannten «Mulattenschädels» in Beethovens Grab weise «stark auf eine afrikanische Abstammung hin», konstatiert noch heute der Genealoge Ralf Günther Jahn. 2009 gelang Jahn der Aufsehen erregende Nachweis, dass der Schädel im Grab Friedrich Schillers nicht derjenige des Weimarer Dioskuren ist. Eine solche Vertauschung – etwa durch Devotionalienräuber – sei auch in Beethovens Fall nicht auszuschliessen, sagt Jahn warnend. Er verspricht sich von einer Exhumierung gleichwohl Aufschluss über allfällige afrikanische Wurzeln der Familie Beethoven, die väterlicherseits aus dem seit langem multiethnisch geprägten Flandern stammte.
«Black as I and you»
Von diesem Forschungsinteresse, das – wie jede Störung der Totenruhe – auf ethische Bedenken treffen mag, sind die Motive der Aktivisten zu unterscheiden, zu deren Sprachrohr sich nun Roberto Blanco macht. Denn hier geht es offenkundig um eine Vereinnahmung Beethovens für die Sache der People of Color. Diese Instrumentalisierung der Person und ihrer einzigartigen Bedeutung ist alles andere als neu – schon in den 1960er Jahren behaupteten die Bürgerrechtler Malcolm X und Stokely Carmichael, Beethoven sei «black as I and you» gewesen, und begründeten eine Tradition der politischen und literarischen Vereinnahmung, die über Nadine Gordimer bis in die Gegenwart reicht.
Neu, aber historisch äusserst bedenklich ist dagegen der Zug ins Biologistische, wenn nunmehr wissenschaftliche Untersuchungsmethoden, etwa der DNA-Analyse, für die Untermauerung politischer Ansichten und Ziele herhalten sollen. Zu Ende gedacht, drohte da tatsächlich Leichenfledderei im grossen Stil, ja womöglich ein Rassismus mit umgekehrtem Vorzeichen. Der Nutzen ist in jedem Fall fraglich. So oder so ändert es nämlich nicht das Geringste an der überragenden Bedeutung der 9. Sinfonie oder der Missa solemnis, ob diese Werke nun von einem Schwarzen, einem Transsexuellen, einem Asiaten oder schlicht von einem alkoholkranken Rheinländer komponiert wurden.