THEO VAN GOGH ZUM 8. Mai – ALEXANDER KLUGE, DIE USA & DER UKRAINE KRIEG  

Das Wetter in den Ardennen rettete Deutschland vor der Atombombe

Stand: 08.05.2023 | Von Mladen Gladić  WELT AM SONNTAG

Auf den Spuren Bertolt Brechts: Alexander Kluge (93)

 

Kriege, die unerledigt enden, hören nicht auf, sagt Schriftsteller Alexander Kluge. In seiner „Kriegsfibel 2023“ blickt er auf die Gegenwart in der Ukraine wie auf die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs – auf ein „Knäuel von Konflikten“ und die großen Folgen kleiner Ereignisse.Anzeige

Der Krieg ist ein Maulwurf, der Frieden wohl eher eine Schildkröte. „Kriege, die unerledigt enden, hören nicht auf, im Untergrund zu wühlen. Sie graben sich durch die Jahrhunderte voran“, schreibt der 1932 geborene Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge in seiner „Kriegsfibel 2023“, die trotz Titel in weiten Teilen dem Zweiten Weltkrieg gilt. Der endete in Kluges Heimatstadt Halberstadt 1945 mit einem Feuersturm. „Die Verbände, die ich bei unserer Flucht aus dem schon brennenden, aber sonst intakten Elternhaus durch die Feuerschlucht der Kaiserstraße in Richtung Braunschweiger Straße beim Abflug mit eigenen Augen sah, bestanden aus amerikanischen Flugzeugtypen.“

Drei Tage später erwarten Kluge, Schwester und Vater „auf der Braunschweiger Allee, rechts und links Entwässerungsgräben, neben den Gräben Alleebäume, dazwischen die Hauptstraße, den Einmarsch der Amerikaner.“ Erst Feuersturm, dann Einmarsch der Sieger, geschildert mit einer Präzision, als sei das alles dem gerade 13 Jahre alt Gewordenen erst gestern geschehen. Der Zusammenhang? „Ich kann mit Gewissheit sagen (ein ‚Erinnerungsfehler‘ ist nicht möglich): In keinem Moment habe ich diese in die Stadt einrückende Truppe mit den Flugzeugen, die vor drei Tagen die Stadt zerstört hatten, in Zusammenhang gebracht. Es gibt für das Beobachtungsvermögen eines Dreizehnjährigen keinen Allgemeinbegriff ‚Feind‘.“

 

Politologe Müller

„Man muss nicht gleich in vorauseilenden Gehorsam verfallen wie Scholz in China“

Ob „das Beobachtungsvermögen eines Dreizehnjährigen“ verallgemeinerbar ist, sei dahingestellt. Und zu fragen, wie sich die Szene für diesen Dreizehnjährigen dargestellt hätte, wäre nicht die US Army, sondern die Rote Armee in die zerstörte Stadt einmarschiert, wirkt angesichts der persönlichen Erfahrung unpassend. Denn deren „Vetorecht“, wie es der Historiker Reinhart Koselleck einmal formuliert hat, gilt auch hier.

Obwohl Alexander Kluge selbst zum Was-wäre-wenn, zur Spekulation einzuladen scheint: „In welcher Gefahr wir Schüler des Dom-Gymnasiums Halberstadt im Dezember 1944 uns tatsächlich befanden“, schreibt er nur einige Seiten zuvor, „hatten wir nicht im Kopf. In den Pausen spielten wir ‚Jagdflieger‘.“ Zurückgekehrt in die Schulräume, zerlegte man Sätze aus Caesars „Gallischem Krieg“ in ihre grammatischen Einzelteile: „So wie wir hier arbeiteten und eine Viertelstunde zuvor noch rannten, waren wir nicht ‚kriegerisch‘.“

Unfinished Business

Die Gefahr: Hätte die Wehrmacht im Westen die Maas überschritten und wäre auf Antwerpen vorgestoßen, hätte sich der Krieg in Europa „um bis zu einem Vierteljahr verlängern können. Die Gefahr, von der wir Schüler nichts wussten, bestand darin, dass die im Sommer 1945 einsatzbereite Atombombe dann nicht in Ostasien, sondern in der Mitte des Deutschen Reiches zur Zündung gebracht worden wäre.“ Verhindert hat das das Wetter: „Zum Zeitpunkt des Angriffs hingen die Wolken tief über den Tälern der Ardennen, und hätte dieses Wetter sich über die Weihnachtstage hinweg nicht aufgelöst, hätten die amerikanischen Luftstreitkräfte das Gelingen des Vorstoßes eventuell nicht verhindern können.“

Schwer zu behaupten, dass der Zweite Weltkrieg für Alexander Kluge unerledigt ist. Dass er in Kluge wühlt, mit der steten Rückkehr nach Halberstadt an die Oberfläche dringt, ist unbestreitbar – auch jetzt, während des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Auch der wühlt in Kluge, der in einem Interview mit dem „Philosophie Magazin“ sagt: „Zurzeit scheint ja die Zeit der Manifeste zu sein. Das genügt nicht.“

Solche Manifeste hat auch Kluge unterschrieben. Gegen den Krieg, auch gegen Panzer für die Ukraine, für Verhandlungen. Kluge sagt auch, dass wir wie Grundschüler sind: „Heute geht es um ein ‚Knäuel von Konflikten‘, einen teilweise hybriden Krieg. Man muss jede Faser dieser Verknäuelung verstehen, behandeln, ausverhandeln, zu einem Friedensschluss bringen. Dafür brauchen wir viele neue Alphabete und vermutlich viele Fibeln.“

Die Fibel diente 1955 schon Bertolt Brecht als Form, seine „Kriegsfibel“ ist Vorbild für Kluge: „Wenn der Krieg ausbricht, so Bert Brecht, müssen wir aufs Neue Lesen und Schreiben lernen. Etwas war falsch, wir müssen neu anfangen.“ Brecht montierte seine Bild-Text-Tafeln im Nachkrieg, obwohl er das Material dazu im Exil sammelte. Wie aber neu anfangen, mitten im Krieg? Dass er enden muss, gewiss: „An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat, sie soll nur aufhören“, zitiert Kluge die Mutter eines Jugendfreundes.

Doch hört der Krieg auf, wenn wir noch das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Nuklearmächten als Illusion einer Panzerung lesen lernen, die so wenig ein Überleben garantiert wie der Panzer der Schildkröte? Wohl kaum. Tut es dennoch Not, das Lesen neu zu erlernen? Als nüchterne und auch ernüchternde Tätigkeit schon. Denn so lässt auch Alexander Kluges Buch „Kriegsfibel 2023“ seinen Leser zurück.