THEO VAN GOGH WELTSICHTEN : Sprachregime – Die Macht der politischen Wahrheitssysteme

Faktenchecker – Ein Berufsstand, der alles hinterfragt – außer sich selbst

Stand: 29.09.2023 | DIE WELT n Von Magnus Klaue

“Frag eine FaktencheckerIn!” – aber nur bitte das Richtige

 

Auf der Wiener Konferenz „The Future of Fact Checking“ mobilisierte der Haltungsjournalismus gegen Telegram und gesunden Menschenverstand und für Framing und Verbot. Eine Teilnehmerin fällt aus dem Rahmen, plädiert für ein „offenes Internet“. Das hat mit dem Medium zu tun, für das sie arbeitet.„Faktenchecker“ sind mittlerweile ein eigener Berufsstand. Wie Angehörige dieses Berufsstands ticken, ließ sich in Wien auf der Tageskonferenz „The Future of Fact Checking“ studieren. Da Faktenchecker zwar gerne Fakten checken, sich aber ungern selber checken lassen, bot die Konferenz kein Forum für Streit und Widerspruch, sondern hatte den Charakter eines Arbeitstreffens, auf dem Experten sich ihrer selbst versichern und sich darüber einigen, wer die künftigen gemeinsamen Feinde sind.

Mit „Impulsvorträgen“ sowie als Teilnehmer der Podiumsdiskussionen traten unter anderem auf: Susanne Schnabl, Moderatorin der österreichischen Fernsehsendung „Report“; Ingrid Brodnig, ehemalige Redakteurin des Nachrichtenmagazins „Profil“; Stefan Voß vom Faktencheck-Team der Deutschen Presseagentur; Susanne Lackner von KommAustria, der österreichischen Regulierungsbehörde für Rundfunk und visuelle Medien; Isabelle Sonnenfeld, Leiterin des Google News Lab Deutschland; Lea Frühwirth vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), einer gemeinnützigen Organisation zur Bekämpfung von Fake News; Eva Wackenreuther, Faktencheck-Ressortleiterin bei Agence France-Press, sowie Reinhard Steurer, assoziierter Professor für Klimapolitik an der Wiener Universität für Bodenkultur.

Sabine Frank, Head of Governmental Affairs and Public Policy bei Youtube in Mittel- und Osteuropa, war als online zugeschaltete Teilnehmerin Außenseiterin der Runde, denn Youtube geht bei der Bekämpfung von Fake News einen eigenen Weg und ist eher skeptisch gegenüber europaweit koordinierten Fact-Checking-Kampagnen. Die Besonnenheit, mit der sie gegenüber dem Wunsch nach umfassender Regulierung digitaler Medien für ein größeres Vertrauen in die Eigenverantwortung und Urteilsfähigkeit der Medienkonsumenten und für ein „offenes Internet“ plädierte, stach von der Einigkeit ab, mit der die übrigen Teilnehmer Maßnahmen gegen alle forderten, die, wie Wackenreuther es mit Blick auf rechtspopulistische Medien formulierte, „Geld damit verdienen, dass sie unsere Demokratie zersetzen“. Mit dieser Formulierung erregte sie ebenso wenig Widerspruch wie Frühwirth, die ein heroisches Plädoyer gegen „Verzögerungsargumente“ im Klimadiskurs hielt. Diese kämen nur denen zugute, die sich dem „Schmerz“ des Verzichts und des Umbruchs nicht „stellen“ wollten.

Ohne Verbote, sekundierte Steurer, sei die Klimakrise unlösbar und zog einen empirischen wenig fundierten Vergleich mit der Corona-Krise, die ebenfalls drastische Maßnahmen erfordert habe. Doch zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs war die anfangs von Voß ausgegebene Maxime, dass Faktenchecks nicht Meinungen, sondern Behauptungen überprüften, ohnehin zugunsten der Hypostasierung von Meinungen zu unbezweifelbaren Wahrheiten über Bord geworfen worden. Die anfangs von Susanne Schnabl in die Runde geworfene Publikumsfrage, was denn überhaupt Fakten seien, hatte die Diskutanten nicht einmal eine Minute lang innehalten lassen, weil eine solche Frage das „Nachrichten-Ökosystem“, um dessen Gleichgewicht sich die Konferenzteilnehmer besorgt zeigten, nachhaltig irritiert hätte.

Fakten sind nicht einfach gegeben

Was jeder Journalist in der Grundausbildung lernt – dass Fakten, obgleich von Meinungen unterschieden, nicht einfach gegeben, sondern Ergebnis eines Prozesses der Eruierung und Reflexion sind –, scheint diejenigen, die Fakten nur checken, kaum zu interessieren. Vielmehr erschienen Reflexion, Skepsis und Zweifel auf der Konferenz als Hauptgegner des Fact Checking. Nicht umsonst lautete der Titel des zentralen Podiums: „Wer schützt uns vor Fake News?“, und nicht umsonst wurde von Brodnig die krisenbedingte „Verunsicherung“ der Menschen als Hauptgefahr und Movens der Akzeptanz von Desinformation benannt.

Desinformation ist ein Begriff aus der Kriegsführung, und dass sich Faktenchecker nicht als distanzierte Beurteiler der Nachrichten- und Meinungslage, sondern als Kriegsteilnehmer wähnen, brachte Isabelle Sonnenfeld in ihrem „Impulsreferat“ zur Anschauung, das ein einziges Konglomerat haltungsaktivistischer Buzzwords war. Sonnenfeld sah Faktenchecker auf einer „Mission“ im Kampf gegen „Desinformation“, die das „Nachrichten-Ökosystem“ zu zerstören drohe – eine Gefahr, der nur dadurch abzuhelfen sei, dass Faktenchecker die „Medienkompetenz“ stärken, „Tools“ zur Verfügung stellen, um Nachrichtenproduzenten und -nutzer in der Nachrichtenbeurteilung zu „schulen“, „Kampagnenpartner“ im Kampf gegen „Manipulationstechniken“ anwerben, „Wissenssnacks“ zubereiten, damit die Fakten verdaulich bleiben, die „Resilienz“ stärken und vor allem permanent „Kontext geben“.

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Das von Faktencheckern ständig bemühte „Kontext geben“ ist ein anderes Wort für Framing und bezeichnet das Gegenteil der prätendierten Selbstbeschränkung auf Faktentreue: die der haltungsjournalistischen Meinung entsprechende Konfektionierung der Tatsachen, die notwendig Hierarchisierung und Wertung impliziert. Stärkung von Medienkompetenz und Schulung von Journalisten im Fact Checking sind im Faktenchecker-Jargon alternative Begriffe für solche Konfektionierung.

Deshalb waren die gemeinschaftlichen Gegner der Konferenzteilnehmer Messenger-Dienste wie Telegram sowie X (vormals Twitter), dessen Nutzern mit der Community-Notes-Funktion ein Mittel zur Verfügung gestellt wird, auf anderen als den von Fact-Checking-Algorithmen vorgesehenen Wegen „Kontext zu geben“. Als desinformationsgefährdete Gruppen, die faktencheckender Betreuung bedürfen, wurden unter anderem ausgemacht: Jugendliche, die Umfragen zufolge wenig Sympathie für Faktenchecker haben; alte Leute mit geringer Medienkompetenz sowie „Onkel und Tante“ (Brodnig), die Faktencheckern an Fachkenntnis unterlegen seien und daher den von Steurer abschätzig so genannten „Hausverstand“, also die Gemeinvernunft der einfachen Leute, repräsentieren.

Als eine wichtige Manipulationstechnik der Verbreiter von Fake News wurde bei der Konferenz in Anlehnung an den Desinformationsforscher Ullrich Ecker der „Illusory Truth Effect“ angeführt, wonach eine Behauptung umso eher geglaubt, desto häufiger sie wiederholt werde.

Verbreiter von Verschwörungstheorien hätten überdies aufgrund ihrer hermetischen Kommunikation zumeist irgendwann nur noch Kontakt mit der eigenen „Blase“. Nach sechs Stunden öffentlicher Faktenchecker-Selbstvergewisserung ließ sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass es sich auch bei Faktencheckern um Bewohner einer Blase handelt, die ihre Gewissheit, im Recht zu sein, der andauernden Wiederholung immergleicher Schlagworte und der Weigerung verdanken, sich mit der Welt außerhalb ihres eigenen Zirkels auseinanderzusetzen