THEO VAN GOGH WATCH – Sprachspiele: Unser Deutsch
Arabische Zahlen
27-8-23 – Manche Sprachfrage ist eigentlich eine Sachfrage. Das gilt auch für die arabischen Zahlen . Warum heißen sie so? Gemeint sind die Zahlzeichen, genauer gesagt die Ziffern, von 0 bis 9. Ursprünglich galten im Deutschen, übernommen mit der lateinischen Schrift, die römischen Zahlen. Sie nutzen bekanntlich die Buchstaben I, V, X, L, D und M für die Zahlen 1, 5, 10, 50, 100, 500 und 1000. Heute leben sie nur noch auf Uhren, auf Denkmälern und anderen lexikalischen Nischen, zum Beispiel der Reihung von Herrschern und Päpsten, fort. Es war Adam Riese, der Rechenmeister aus dem oberfränkischen Staffelstein, der die römischen Ziffern aus dem Rechenwesen verdrängt hat. Sein auf deutsch verfasstes Rechenbuch ‚Rechnen auf der Linihen und Federn‘ (1522) erlebte bis ins 17. Jahrhundert 120 Auflagen. In der Wendung nach Adam Riese (‚richtig gerechnet‘) lebt es bis heute fort.
Der Ursprung unseres heutigen Zahlensystems liegt in der altindischen Brahmi-Schrift des 3. vorchristlichen Jahrhunderts mit Ziffern von 1 bis 9. Sie wurde 628 von dem indischen Astronomen und Mathematiker Brahmagupta um das Zeichen 0 für Null ergänzt. Die Eroberung Indiens und Persiens durch die Araber führte zur Übernahme dieses Schriftsystems. Wann und wie es ins Abendland gelangte, ist strittig.
Man liest, ein Mönch namens Gerbert (der spätere Papst Sylvester II) habe es im 10. Jahrhundert in Katalonien übernommen. Eine andere Deutung nennt den Italiener Leonardo Fibonacci, der die Zahlzeichen in Algerien kennengelernt und in seiner Schrift ‚Liber abaci‘ (1202) eingeführt habe. Er nannte sie indische Ziffern. Das Schriftsystem war dem römischen Fünfersystem für höhere Rechenarten weit überlegen. Wer auch immer den Transfer ins Abendland bewerkstelligt hat, die ursprünglich indischen Zahlzeichen wurden über die arabische Welt vermittelt. Darum heißen sie bis heute arabische Zahlen.
Die Vorgeschichte dieses Kulturtransfers lässt verstehen, warum es in Indien so viele Informatiker gibt, warum dort die Digitalisierung weiter fortgeschritten ist, und warum wir gerade in Indien um Fachleute für Wirtschaft und Industrie werben. Auch die Multipliziertricks der sogenannten Vedischen Mathematik sind unseren Schulen bis heute verborgen geblieben. Wir könnten diese Namensgeschichte zum Anlass nehmen, den vorderen Orient und die arabische Welt weniger aus ihrer jüngeren Geschichte, aus Kolonialismus und Islamismus, zu verstehen, sondern mehr aus ihren großen historischen Kulturen.
Horst Haider Munske
Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de.