THEO VAN GOGH WATCH: GANZ FERN VON KIEW / MASSENARMUT IN DEN METROPOLEN !

Das Elend im Untergrund der amerikanischen Glitzermetropole

Unter den Luxushotels und Kasinos von Las Vegas existiert eine dunkle Parallelwelt: In einem ausgedehnten Labyrinth aus Tunneln leben schätzungsweise 1500 Obdachlose. Ein Besuch im Anti-Las-Vegas. David Signer, Las Vegas25.10.2022, FAZ

Zwischen dem Fünfsternehotel «Caesars Palace» und dem «Rio» liegt Brachland, von einem Bahngleis durchschnitten. Hier verkehren Obdachlose, Süchtige und Drogenhändler. Der Kontrast zum Glitzer-Las-Vegas gleich nebenan könnte nicht grösser sein. Als wir uns nähern, kriecht ein Mann aus einem Zelt unter der Brücke und humpelt auf uns zu. Er hält uns für Crystal-Meth-Dealer. Als er den Irrtum bemerkt, fragt er, ob wir ihm nicht wenigstens behilflich sein könnten, den Stoff irgendwo aufzutreiben.

Big T. wohnt seit zwölf Jahren im Dunkeln

Auf der anderen Seite des leeren Sandplatzes liegt der Eingang zu mehreren Tunneln. Es sind Hochwasserkanäle. Da es nur an wenigen Tagen im Jahr regnet, sind sie meist trocken. Ihr Netz umfasst Hunderte von Kilometern, und viele sind bewohnt. Etwa 1500 Personen leben in dieser dunklen Welt unterhalb der Kasinometropole, deren Lichter nie ausgehen.

 

Ein bewohnter Fluttunnel bei der Autobahn.

Es ist Abend, vor dem Eingang stehen Velos herum. Immer wieder kommen Leute aus den Tunneln, sie halten sich die Hand vor die Augen, weil das grelle Neonlicht des «Rio» sie blendet. Andere gehen hinein, mit Taschenlampen, manche per Fahrrad, manche mit einem Hund.

Ein Mann, dessen Alter man auf 70 Jahre schätzen würde, justiert gerade einen Sattel. Er nennt sich Big T. Später stellt sich heraus, dass er erst 45 ist. Auf die Frage, wo er lebe, sagt er: «Überall, wie eine Katze.» Und auf die Nachfrage, was ihn hierhergebracht habe: «Die Mutter. Sie war Prostituierte.» Er erzählt, dass sein Vater Gangster gewesen sei. Offenbar versuchte Big T., ihm nachzueifern, und erbeutete im «Hilton» viel Geld. «Das ist übrig geblieben», sagt er und stülpt seine leeren Hosentaschen nach aussen.