THEO VAN GOGH WATCH: AB JETZT GEHT’S SCHLAG AUF SCHLAG / Krise in der Chemiebranche : „Die Lage ist dramatisch“
- Von Sebastian Balzter FAZ – 29.10.2022- Markus Steilemann ist neuer Präsident des Chemieverbands VCI. Im Interview drängt er zur Eile: Wenn die Preisbremse für Strom und Gas Deutschland vor einer Deindustrialisierung bewahren soll – dann müsse sie schnell kommen.
Herr Steilemann, Sie sind seit vier Wochen Präsident des Chemieverbands VCI. Wie schlimm steht es um die rund 2000 Mitgliedsfirmen?
Die Lage ist dramatisch.
Die Pharmakonzerne haben auf der Suche nach einem Corona-Impfstoff eng zusammengearbeitet und Großes damit erreicht. Wie viel Zusammenhalt gibt es in der Chemiebranche, um der Energiekrise zu trotzen?
Pharma ist auch zum großen Teil Chemie: Das Impfstoffwunder und auch die von uns schnell organisierte Notversorgung der Bevölkerung mit Desinfektionsmitteln sind Erfolge unserer Chemie- und Pharma-Branche. Zudem ist die Produktion im Verbund nichts Neues für uns. Die chemische Industrie arbeitet im Netzwerk, so lange sie existiert, das gilt auch unternehmensübergreifend. Am Niederrhein, auch in Frankfurt-Höchst sind Dutzende Firmen in Chemieparks eingebunden. Sie sind rechtlich eigenständig, nutzen aber über langfristige Lieferverträge untereinander Stoffströme und verwenden auch Abfallströme weiter.
Welche Rolle spielt Wasserstoff für die Zukunft der Chemieindustrie?
Ich glaube, er wird eine wichtige Rolle spielen, nicht nur für die Speicherung und Verteilung von erneuerbaren Energien, sondern auch als Ersatz für den Werkstoff Erdgas, den wir bisher zur Herstellung vieler Produkte einsetzen. Die chemische Industrie in Deutschland erzeugt schon jetzt rund 12,5 Milliarden Kubikmeter Wasserstoff im Jahr. Der Bedarf könnte sich in absehbarer Zeit verfünffachen. Die Frage ist, wo kommt dieser zusätzliche Wasserstoff her? In Deutschland brauchen wir gewaltige Energiemengen, um den heutigen Strommix in Richtung Erneuerbare zu bringen. Deshalb bieten sich für die Wasserstoffproduktion eher Australien und Teile Amerikas an, wo Photovoltaik- und Windkraftanlagen einen deutlich höheren Wirkungsgrad haben. Aber sollen wir ihn dann wirklich über so große Entfernungen nach Deutschland transportieren und dafür wiederum Energie verbrauchen? Das wäre nicht effizient. Eher werden sich ganze Wertschöpfungsketten dort ansiedeln, wo es günstig Wasserstoff gibt. Dann werden wir nicht Wasserstoff importieren, sondern die damit gefertigten Produkte.
ENERGIE IN DEUTSCHLAND
Zuletzt aktualisiert: heute, 09:18 Uhr
Strommix
am 27.10., in Prozent
Wind
32,9 Kohle 28,4 Gas 9,3 Biomasse 9 Solar 8,4 Atom 4,9 Sonstige
7,1
Strompreis
in Cent pro kWh
10 20 30 40 50
01.01.2021 28.10.2022 49,3
Gasverbrauch
in GWh pro Tag
1605 1220
1101 611 27.10.2021 27.10.2022
Industrie
Haush./Gew.
Gaspreis
in Cent pro kWh
6 12 18 24 30 36
01.01.2021 28.10.2022 21,3
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Das wäre dann noch ein Schlag für den Standort Deutschland. Gibt es keine günstigere Idee, wie die Chemiebranche nach 2024 aussieht?
Wir müssen wieder die Zukunft in den Blick nehmen, sonst kann man sich in dieser Krise verlieren. Damit möglichst viele Unternehmen überleben, brauchen wir jetzt schnell die Energiepreisbremse und dann das Flüssiggas. Danach kommt die Elektrifizierung der gesamten Industrie mithilfe der erneuerbaren Energien. Es muss aber noch etwas dazukommen. Wir müssen Kohlenstoffquellen jenseits von Gas- und Ölfeldern erschließen. Da ist nach meiner Ansicht die Kreislaufwirtschaft der Schlüssel. Wir müssen das, was unsere Endkunden nicht mehr brauchen, viel stärker als bisher wiederverwerten. Damit können wir uns weniger abhängig von Rohstoffimporten machen und zum Vorbild für andere Weltgegenden werden.
Welche Zukunft haben die besonders energieintensiven Chemiezweige hierzulande noch?
Das ist eine Frage der Versorgungssicherheit. Je mehr ich mich von Importen abhängig mache, um so mehr lege ich mein Schicksal in die Hand anderer Staaten und Systeme. Wie bei den Computerchips – oder wie in der Corona-Krise bei den Masken und Impfstoffen – müssen wir auch bei den Grundchemikalien darüber nachdenken, wie wir unseren Bedarf sicherstellen.
Mit welcher Konsequenz?
Vielleicht folgt daraus, dass wir Wertschöpfungsketten für bestimmte Chemikalien in Deutschland halten, und damit eine Teilautarkie unserer Wirtschaft und gleichzeitig die Versorgung mit Grundstoffen sichern. Gerade, wenn die Industrie unter den gegebenen Bedingungen auf dem Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig ist.
Ist das ein Subventionsantrag?
Nein. Es ist eine mögliche industriepolitische Perspektive.
Sie sind nicht nur VCI-Präsident, sondern auch Chef des Kunststoffherstellers Covestro. Wäre es da nicht richtig innovativ, wenn Sie die Verbraucher anleiten würden, weniger von Ihren Produkten zu nutzen?
Unsere Produkte kauft ja niemand nur, weil wir das gern so hätten. Sondern weil unsere Kunden darin einen Nutzen sehen. Zum Beispiel weil sie Zugang zu exzellent geschützten Lebensmitteln haben möchten, zu sicher anwendbaren Impfstoffen, zu Dialysegeräten zur Behandlung von Diabetes oder zu Batterietechnologie und Leichtbauteilen für Elektroautos.
Der Preis dafür ist, dass Öl zu Plastik umgewandelt wird und im schlimmsten Fall jahrzehntelang die Umwelt verschmutzt.
Es stimmt, dass wir ölbasierte Produkte erzeugen. Aber 93 Prozent von allem Öl und Erdgas, das auf der Welt gefördert wird, werden schlicht verbrannt. Nur 7 Prozent gehen in die Kunststoffherstellung. Dazu kommt, dass die allermeisten Produkte, die wir herstellen, den CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch an anderer Stelle senken. Unsere Aufgabe ist es, langlebige Produkte zu entwickeln, die man gut im Kreislauf führen kann, die in ihrem Leben mehr nutzen, als sie durch ihre Produktion schaden. Und als Gesellschaft müssen wir unser Konsumverhalten in Richtung Kreislaufwirtschaft lenken. Aber ich sehe es nicht als meine Aufgabe, jemandem dazu Vorschriften zu machen.
Macht eine Firma Gewinn, bekommen die Manager Boni. Wenn der Staat die Industrie vor dem Untergang rettet, müssten Manager wie Sie dann auf Gehalt verzichten?
Über die Vergütung von Managern entscheiden Aufsichtsrat und Aktionäre. Ich glaube nicht, dass mehr Regeln zu Verbesserungen führen würden.
Nach dem 200-Milliarden-Wumms könnten auch die Steuerzahler ein Wörtchen mitreden wollen.
Jetzt tun Sie so, als ob die Industrie eine milde Gabe bekommen soll. Ich sehe das anders. Die Unternehmen, geführt von ihren Managern, haben dem Staat in der Vergangenheit erst die Steuereinnahmen beschert, die ihm nun den finanziellen Spielraum für die Hilfen geben. Es ist doch sinnvoller, jetzt den Industriestandort mit gut bezahlten Arbeitsplätzen zu sichern, als später Menschen zu unterstützen, die ihre Arbeit verloren haben.