THEO VAN GOGH VORHERSAGE: WAS DIESMAL NEUES BEIM WEF? (Den kommenden Handelskrieg US vs EU vor Augen und angesichts der weiteren „REDUKTION DES FAKTORS MENSCH!“

SAP-Chef Christian Klein : „Ein Subventionskrieg bringt nichts“

  • Von Sven Astheimer und Bernd Freytag FAZ  – 15.01.2023 – SAP-Chef Christian Klein fährt dieses Jahr mit dem Zug zum Weltwirtschaftsforum nach Davos. Im Interview spricht er über den Nutzen des Treffens, veraltete Software an Schulen und das große Ziel, zum Amazon der Industrie zu werden.

Herr Klein, alle Welt redet von Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Ist es noch zeitgemäß, Tausende Menschen für eine Woche zum Weltwirtschaftsforum in die Alpen zu karren?

Ich bin überzeugt, dass man bei diesen gewaltigen Herausforderungen nur mit direktem, persönlichem Austausch weiterkommt. Auch wenn die Pandemie gezeigt hat, dass wir vieles virtuell machen können.

Und dafür müssen wirklich viele Teilnehmer per Flugzeug und Hubschrauber eingeflogen werden?

Also ich fahre mit dem Zug.

In Davos gibt es nicht einmal eine gemeinsame Abschlusserklärung wie auf vielen internationalen Konferenzen – was immer die auch wert sein mögen. Wozu also das Ganze?

Dort kommen Politiker, Wissenschaftler, Manager und Vertreter aus der Zivilgesellschaft zusammen. Und wir unterhalten uns doch nicht über die schönen Berge, sondern diskutieren inhaltlich. Da geht es zur Sache, und ich nehme da immer einiges mit.

Was denn konkret?

Nehmen Sie das Panel zur Messbarkeit der Nachhaltigkeitskriterien ESG. Da sind mehr als 100 Topunternehmen aus aller Welt vertreten, und es geht darum, wie wir in dieser wichtigen Frage Standards schaffen. Sonst taugt das nämlich alles nichts. Und einiges ist in unsere Produkte von SAP schon eingeflossen. Darin liegt für mich der Sinn von Davos: Ideen mitnehmen und zu Hause umsetzen. Wenn man die Erwartung hat, dass dort in einer Woche alle Probleme der Welt gelöst werden, dann wird das natürlich scheitern.

Ist es für Manager nicht einfach praktisch, wenn man in einer Woche so viele Kunden und Partner treffen kann wie sonst in einem halben Jahr?

Also wenn ich die alle einzeln besuchen würde in aller Welt, wäre das von der CO2-Bilanz mit Sicherheit weniger nachhaltig. Aber generell mache ich meine eigentlichen Kundentermine außerhalb des Forums. Wenn ich mir meinen Terminkalender für diese Woche anschaue, dann geht es sehr stark um den Austausch zum Thema Lieferketten, geopolitische Spannungen, Inflation und Rezession. Und für uns als Technologieunternehmen steht natürlich die Digitalisierung immer oben auf der Agenda.

Wo stehen wir in Deutschland und Europa bei der Digitalisierung?

Unser größter Einzelmarkt sind die USA, und deshalb sitze ich am Business Round Table der Wirtschaft mit führenden Politikern. Ich kann nur sagen: Wir Europäer müssen wirklich achtgeben, wenn ich mir etwa das 400 Milliarden Dollar schwere Subventionsprogramm „Inflation reduction act“ anschaue. In Amerika spielt Technologie eine Hauptrolle.

Hierzulande nicht?

Hier geht es derzeit sehr stark um die hohen Energiepreise oder die Mobilitätswende. Aber was alle vereint, ist doch die Digitalisierung. Deshalb müssen wir auf dem Gebiet deutlich mehr Tempo machen.

Die Bundesregierung hat doch gerade den Neustart der Digitalisierung ausgerufen. Reicht Ihnen das nicht?

Ich hatte mich ja vor der Wahl für ein Digitalministerium starkgemacht. Hier steht uns zu oft der Föderalismus im Weg. Wenn in den USA Apple, Google und Amazon Erleichterungen für die Einwanderung von Fachkräften oder die Digitalisierung fordern, dann passiert etwas. In der EU haben wir 27 Einzelstaaten, von denen jeder seine eigene Cloud aufbauen will, jeder den Datenschutz anders interpretiert oder sein eigenes digitales Bildungsprogramm macht. Warum schaffen wir nicht eine digitale Plattform, auf der wir etwa junge arbeitssuchende Europäer mit dem riesigen Bedarf nach IT-Kräften zusammenbringen und qualifizieren?

Sagen Sie uns den Grund.

Weil jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es war ja eine Bankrotterklärung, was während der Pandemie passierte. An vielen Schulen wird gerade eine total veraltete Software eingeführt, weil es Bedenken gegen US-Software gibt und was das FBI dann vielleicht mit dem Lehrstoff unserer Kinder macht. Da kann man froh sein, wenn das eigene Kind in einem Bundesland zur Schule geht, wo mit einer modernen Plattform gearbeitet wird, die virtuelles Lernen möglich macht.

Sie sind kein Freund des Föderalismus?

Doch, der Föderalismus hat seine Vorteile. Aber was die Digitalisierung angeht, muss man einfach festhalten, dass in Amerika ein Problem benannt und diskutiert wird, dann legt man sich auf Maßnahmen fest, und die werden umgesetzt. In Europa musst du erst mal schauen, wie du die Teilnehmer überhaupt an einen Tisch bekommst. Von Ergebnissen ganz zu schweigen.

Woran liegt das?

Unter anderem daran, dass man allein in Deutschland schon mit vielen Ministerien und Ländern reden muss. Warum machen wir nicht alle unsere Steuererklärung digital, obwohl das alles längst ginge? Das würde dem Staat viel Zeit und Ressourcen sparen. In Australien arbeiten wir am Aufbau einer Plattform mit, die für alle Ministerien Querschnittsaufgaben wie etwa Gehaltsabrechnungen übernimmt. Damit lassen sich gewaltige Kosten sparen. Hier geht das aber bislang nicht.

Wie groß ist das Sparpotential der öffentlichen Hand aus Ihrer Sicht?

Das ist gewaltig. In Europa will jedes Land seine eigene Cloud-Infrastruktur haben, während es in den USA eine einzige gibt für den ganzen Binnenmarkt. Dabei haben doch alle Kunden einen enormen Kostendruck. Ich habe das gerade vor Kurzem mit dem französischen Präsidenten Macron besprochen. Komplexität macht die Sache natürlich teurer. Dasselbe gilt für die Datenschutzgrundverordnung – prinzipiell eine sehr gute Sache, aber als Softwareanbieter muss ich im Zweifel für jedes Land eine eigene Lösung schaffen.

Also wünschen Sie sich eine europäische Antwort auf den US-Act?

Es bringt jedenfalls nichts, wenn wir in einen Subventionskrieg gehen. Wir müssen stattdessen den Schulterschluss suchen. In meinen Augen ist das Programm aber nicht prinzipiell gegen Europa oder andere gerichtet. Vielmehr sind derzeit noch viele US-Technologieunternehmen sehr abhängig von Taiwan und der dortigen Chipindustrie. Dieses Risiko wollen sie durch Ansiedlungen in Amerika minimieren.

Bundeswirtschaftsminister Habeck sieht das ganz anders. Er will als Antwort ein starkes europäisches Programm auf den Weg bringen.

Wir müssen auch etwas tun, gerade bei den hohen Energiepreisen. Sonst werden sich auf Dauer nicht nur energieintensive Hersteller und Mittelständler fragen, ob sich die Produktion in Europa noch lohnt. Aber ich hoffe, dass die Handelspolitiker aus Amerika und Europa in Davos ihr Vorgehen bestmöglich abstimmen werden.

Müssen Sie dann nicht konsequent sein und wie Linde Ihre Zentrale nach Amerika verlagern? Das wäre wahrscheinlich auch besser für Ihren Aktienkurs.

Mit Blick auf die Investmentfonds gibt es natürlich Unterschiede zwischen USA und Europa. Und wir haben auch eine andere Arbeitskultur und andere Gesetze. Wir haben keine Abwanderungspläne. Denn wir sind hier verwurzelt, haben unser Netzwerk und ein großes Know-how im Verständnis der Industrie. Das ist unser Vorteil gegenüber Wettbewerbern. Das geben wir nicht auf. Um die Nachteile am Kapitalmarkt auszugleichen, verbringe ich selbst viel Zeit in den USA und versuche, uns dort ins Bewusstsein zu bringen.

Womit überzeugen Sie die Amerikaner?

Wir werden durchaus als Brückenbauer in andere Märkte wahrgenommen, weil wir den Zugang zu mehr als 100 Ländern haben. Wir Deutschen dürfen nur einen Fehler nicht machen: Als Exportnation haben wir Abhängigkeiten. Und dann können wir nicht einfach sagen, dass wir über Nacht aus China rausgehen. Das ist komplett unrealistisch, oder wir müssen uns verabschieden von Batterien, Solarzellen und der Elektromobilität.

Deutschland verfolgt eine wertegeleitete Außenpolitik. Sollte man Ihrer Meinung nach mit dem chinesischen Regime ungeachtet aller Vorfälle uneingeschränkt Geschäfte machen?

Natürlich müssen wir zu unseren Werten stehen. Tatsache ist aber, dass es gegenseitige Abhängigkeiten gibt. Wenn ich in den USA unterwegs bin, merke ich immer, wie positiv gerade unser deutscher Sozialstaat ist. Aber er basiert auch darauf, dass wir als Exportnation erfolgreich in die Weltwirtschaft eingebunden sind und ihn dadurch finanzieren. Wir können doch nicht jedem einseitig Vorschriften machen und dann erwarten, dass wir weiterhin gute Geschäfte machen. Auch in Deutschland haben viele Verbesserungen eine gewisse Zeit gebraucht.

Was erwarten Sie denn in China nach dem Ende der Lockdowns?

Die IT-Projekte sind auch während Corona dort nicht stillgestanden. Wir können anders als im Handel oder in der Chemieindustrie vieles virtuell gestalten und remote, also von der Ferne aus. Wenn der Lockdown nun beendet wird, wird die chinesische Wirtschaft noch mal einen Schub bekommen. Es war eine wichtige Entscheidung, das Land wieder zu öffnen.

Trotzdem: Ist das viel beschworene ,Wandel durch Handel‘ gescheitert?

Nein, es lohnt sich Brücken zu bauen. Von der Globalisierung haben alle profitiert. Aber wir haben vielleicht einen Fehler gemacht: Der Kuchen ist immer größer und größer geworden, und am Ende war die Verteilung nicht mehr fair. Dann haben viele zu Recht gefragt: Wo bleibe ich denn in diesem Spiel? Die soziale Komponente hat gefehlt, die Spannungen sind gestiegen, und jetzt haben wir eine Rückwärtsbewegung. Deswegen zu sagen, die Globalisierung war falsch, halte ich aber nicht für richtig. Wir müssen alle einbinden, die Produktion besser verteilen und damit widerstandsfähiger machen.

Also alles zurück nach Europa?

Nein, wir werden die Lieferketten nicht wieder komplett lokalisieren können. Das ist nicht realistisch. Aber wir können sie besser verknüpfen, transparenter machen, gerade dort besteht für SAP eine große Chance.

Inwiefern?

Wir bieten ein Netzwerk mit Millionen Lieferanten und Käufern. Mit dem Projekt Catena-X haben wir schon die Autobranche verknüpft, das Gleiche wollen wir für den Maschinenbau und die Chemie machen. Mir schwebt am Ende eine große Handelsplattform vor, ähnlich wie Amazon für Endverbraucher. Schon heute laufen 87 Prozent des weltweiten Handelsvolumens über ein SAP-System. Wenn wir unsere 400.000 Kunden zusammenbringen, vernetzen, und die Möglichkeit einbauen, Lieferanten zu suchen, für sich zu werben, transparent zu bewerten, könnten wir einen entscheidenden Beitrag leisten, die Welt der Unternehmen besser zu vernetzen. So ein Fundament hat kein anderer Konzern.

Ein Amazon für die Industrie also?

Ja, in der Endstufe schon. Das wäre anders, als SAP heute tickt, und es wird Zeit brauchen. Aber wir sind da dran. Wir haben schon Bereiche zusammengezogen, die im Netzwerkgeschäft tätig sind. Welche Möglichkeiten darin stecken, zeigt sich in unserem ersten gerade live gegangenen Projekt: der Autoindustrie.

Was konkret ist der Nutzen?

Nehmen Sie das wichtige Thema Nachhaltigkeit und CO2-Fußabdruck. Bisher reichte die Transparenz oft nur bis zum direkten Lieferanten. Auf unserer Plattform können Sie alle Teile zurückverfolgen, bis zum Rohstoff. Dazu mögliche Lieferprobleme und Schwankungen frühzeitig erkennen. Wir sind sogar in der Lage, die vielen heute noch unterschiedlichen Wege der CO2-Berechnung in einer Bilanz zu vereinheitlichen.

Auch die Bekämpfung von Corona hat die bestehenden Grenzen der Digitalisierung gezeigt. Aus heutiger Sicht: Was muss besser laufen?

Ich behaupte, dass wir eine erfolgreiche App gebaut haben. Wir blicken auf 48 Millionen Downloads. Über 200 Millionen Kontakte wurden über eine mögliche Infektion gewarnt. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut haben wir die App nun zu einer leistungsfähigen Corona-Warn-App ausgebaut, und ich behaupte mal, was Datenschutz und Technologie angeht, ist sie die beste überhaupt. Wir haben auch für andere Länder solche Apps entwickelt.

Trotzdem hat die App die Erwartungen nicht erfüllt.

Eine App ist immer nur so gut wie ihre Abhängigkeiten. Wenn Testlabore nicht angebunden werden oder Gesundheitsämter noch mit Fax arbeiten, kann auch die App nicht effektiver werden. Wir könnten daraus jetzt eine echte Gesundheits-App machen, mit allen Befunden, Patientenverwaltungen – das würde alles gehen. Wir sind dazu auch in Gesprächen, aber es dauert.

Die amerikanische Vereinigung Open-AI feiert gerade die ersten spektakulären Erfolge mit ihren Apps, die mithilfe Künstlicher Intelligenz ganze Texte, Fotos und sogar Programmcodes erstellt. Wird das die klassische Softwarewelt nicht ohnehin auf den Kopf stellen?

Auch wir nutzen Teile der Anwendungen heute schon produktiv, teilweise auch schon zum Programmieren. SAP ist auch ein bisschen ein Testlabor für neue Technologien, und wenn es passt, werden wir die Programme auch in die Standardentwicklung implementieren.

Das klingt nach Revolution.

Vieles, was die Apps bieten, gibt es schon, nehmen Sie beispielsweise digitale Assistenten, die über Voice-over-Funktion mit ihren Nutzern „reden“. Was wir jetzt erleben, ist noch mal die nächste Evolution. In hochkomplexen Applikationen wird der Faktor Mensch jedoch nicht verschwinden. Das Wissen um die Industrie und ihre Geschäftsprozesse bleibt bei ihm. Da habe ich keine Bedenken. Die Betriebswirtschaft ist nicht einfach: Zwischen unserem Logistikmodul und der Finanzsoftware gibt es allein mehr als eine Million Verknüpfungen. Dazu kommt die Anpassung auf lokale Gegebenheiten. Das ist alles nicht so einfach.

Sie sprachen den „Faktor“ Mensch an. Wie behalten Sie als Manager den Überblick über die vielen Krisen zurzeit? Sind Sie nicht auch manchmal überfordert?

Ich muss abwägen, was das alles für Auswirkungen auf unsere Produkte hat, unsere Kunden und die Steuerung der SAP. Wir sind in der glücklichen Lage, dass Software in vielen dieser Fälle helfen kann. Aus einem Austausch wie in Davos mit Kunden, Partnern, Forschern und Investoren ziehe ich neue Energie und Ideen. Wichtig ist nur zu entscheiden, was ist relevant. Wenn man sich auf alles stürzt, kann man sich in diesen Zeiten auch schnell mal verlieren. Für mich persönlich ist es wichtig, auch mal abzuschalten. Ich war Anfang Januar mit der Familie Ski fahren und habe Skilehrer für meinen Sohn gespielt, das bringt mich dann schnell wieder runter.

Zur Person: Christian Klein

Christian Klein hält sich. Hartnäckig und entschlossen, wie es ihm viele Kritiker nicht zugetraut haben. Seit er im Herbst 2019 als jüngster Dax-Vorstand gemeinsam mit der Amerikanerin Jennifer Morgan die Führung von SAP übernommen hat,  bläst ihm der Wind entgegen. Nach dem schnellen Abgang von Morgan hat Klein dem Konzern einen Neuanfang verordnet.  Doch viele Investoren sehen das Ende der Zukaufswelle kritisch,   Kunden fühlen sich in die Cloud gedrängt.  Klein, Betriebswirt, Sohn eines CDU-Landtagsabgeordneten,     hat dennoch an seinem Kurs festgehalten, und tatsächlich:  Seit Jahresanfang steigt der Aktienkurs wieder.    Der 42 Jahre alte Vater von zwei kleinen Kindern ist  selbstsicherer geworden,  weltgewandter. Bis 2025 noch läuft sein Vertrag. (tag.)