THEO VAN GOGH ÜBERSICHT: Britische Militärpiloten helfen China, seine Luftwaffe zu entwickeln
Peking versucht, Kampfpiloten westlicher Luftwaffen anzuheuern. In Grossbritannien hatte es einigen Erfolg. Nun will London Gegenmassnahmen ergreifen.
Patrick Zoll, Taipeh18.10.2022 NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – Kampfjet der britischen Luftwaffe. Die Fähigkeiten ihrer Piloten sind in China begehrt.
Die britische Regierung spricht in ihrem Strategiepapier zur globalen Sicherheitslage eine klare Sprache: China sei ein systemischer Rivale, und: «China ist die grösste staatliche Bedrohung für die Wirtschaft des Vereinigten Königreiches.» Doch nun stellt sich heraus, dass ehemalige Piloten der Royal Air Force (RAF) diesem Rivalen dabei helfen, seine Luftwaffe zu entwickeln.
China bietet den Piloten viel Geld
Am Dienstagmorgen meldeten britische Medien wie die BBC und «The Guardian», dass China aktiv versuche, ehemalige und aktive Kampfpiloten der RAF anzuwerben. Rund 30 Piloten sind dem Ruf offenbar gefolgt. Denn das Angebot der Chinesen ist lukrativ, bis zu 240 000 Pfund, rund 270 000 Franken, sollen einzelne Piloten erhalten haben. Auf welchen Zeitraum sich diese Entlöhnung bezieht, ist nicht bekannt.
Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte gegenüber der BBC, dass es bis anhin keine Anzeichen gebe, dass die Piloten gegen Geheimhaltungsgesetze verstossen hätten. Allein der Umstand, für China zu arbeiten, sei unter der aktuellen Gesetzeslage nicht illegal. Offenbar ist das Problem nun aber so gross, dass das Verteidigungsministerium einen «threat alert» erlassen hat, um ehemalige Angehörige der Armee, der Luftwaffe und der Marine vor China zu warnen. Denn auch andere Teilstreitkräfte sind im Visier der Chinesen.
Da China andere Flugzeugtypen fliegt als westliche Streitkräfte, sind die ehemaligen RAF-Piloten nicht als Fluglehrer tätig. Vielmehr will China taktisches Wissen anzapfen, etwa wie Fliegerstaffeln zusammenarbeiten oder im Verbund mit Land- und Seestreitkräften eingesetzt werden. Die rekrutierten Piloten flogen unterschiedliche Typen von Kampfjets wie Tornado und Typhoon, aber auch den Harrier.
Harrier können senkrecht starten und landen. Damit können sie auf Flugzeugträgern eingesetzt werden, aber auch auf anderen Schiffen, die über ein genügend grosses, flaches Deck verfügen. China arbeitet erst an der Entwicklung von Flugzeugen, die wie der Harrier oder der modernere F-35B ohne Hilfe auf ganz kurze Distanz starten und senkrecht landen können.
Die chinesische Marinefliegerei ist noch jung
Mit dem Typ 075 hat die Marine der Volksbefreiungsarmee innert kurzer Zeit drei amphibische Landungsschiffe mit einem grossen Landedeck in Dienst genommen. Bis die entsprechenden Jets verfügbar sind, werden darauf nur Helikopter eingesetzt. Die US-Navy hat auf ihren amphibischen Landungsschiffen der Wasp- und America-Klassen Kampfjets der Typen Harrier und F-35B im Einsatz. Somit können die Schiffe einen Teil der Aufgaben übernehmen, welche sonst den viel teureren Flugzeugträgern zukommen.
China hat bis jetzt zwei Flugzeugträger im Dienst, ein dritter wird derzeit getestet. Da ihre Marinefliegerei noch jung ist, muss die Volksbefreiungsarmee hier noch viel Erfahrung sammeln und lernen. Da ist ausländisches Know-how besonders wertvoll.
Laut dem britischen Verteidigungsministerium hat China auch Piloten der hochmodernen Jets des Typs F-35B kontaktiert. Allerdings soll keiner das Angebot angenommen haben. Wäre dies gelungen, hätte dies für die Briten wohl zu grösseren Problemen mit den USA geführt. Obwohl der Jet bereits an verschiedene verbündete Länder geliefert wurde, ist Washington darauf erpicht, dass feindliche Mächte nicht zu viel über das Flugzeug erfahren.
Die chinesischen Avancen gegenüber britischen und anderen westlichen Piloten sind offenbar nicht neu. Das britische Verteidigungsministerium hatte schon 2019 Kenntnis von einzelnen Fällen. Die Coronavirus-Pandemie hat die Rekrutierungsefforts dann aber gebremst. Nun sind sie offenbar wieder verstärkt worden – mit Erfolg.
Gegenüber dem Sender Sky News sagte der Minister für Streitkräfte, James Heappy, dass all jene Piloten, die für China gearbeitet hätten, gewarnt worden seien. Man arbeite nun an einem Gesetz, das Piloten nach einer Verwarnung zwingen würde, die Arbeit für Länder wie China zu beenden. Sonst würden sie sich strafbar machen.
Grossbritannien will «fremden Einfluss» besser kontrollieren
Die Informationen über die britischen Piloten in chinesischen Diensten wurden bekannt, weil das britische Parlament gegenwärtig über ein Gesetz berät, das die Kontrolle über Individuen und Firmen verstärken soll, die für sogenannt feindliche Staaten oder Einheiten arbeiten.
Das «Foreign Influence Registration Scheme» sieht vor, dass solche natürliche und juristische Personen ihre Verbindungen offenlegen müssen. So will London besser gegen Spionage und ausländische Einflussnahme gewappnet sein.