THEO VAN GOGH : SPRACHPOLIZEI ! BETREUTES DENKEN ! -Der andere Blick – Der Schwindel mit dem «Unwort des Jahres»
Eine kleine Jury wählt öffentlichkeitswirksam einen Begriff zum «Unwort des Jahres». Dem Gremium geht es dabei nur scheinbar um Sprachkritik. Offensichtlich verfolgt es eine politische Agenda. Fatina Keilani NZZ Deutschland 13-1-2022
Sprache hat Macht. Sie prägt das Denken – und dieses das Handeln. Ein Wort wie «Umweltschützer» tönt ganz anders als etwa «Klimahysteriker» oder gar «Ökospinner». Das klingt banal und ist doch wichtig: Wer auf Sprache nicht achtet, läuft Gefahr, manipuliert zu werden.
Wörter können täuschen. Eine «Steueroase» klingt idyllisch, die Realität ist jedoch: Hier werden auf Kosten der Allgemeinheit Steuern gespart. Bei den berüchtigten deutschen Substantivketten zählt nur das letzte Glied: Eine Oberweserdampfschifffahrtskapitänsmütze ist eine Mütze. Eine «Rückführungspatenschaft» ist demnach eine Patenschaft, das hat etwas Fürsorgliches. Aber stimmt es?
Im beschaulichen Universitätsstädtchen Marburg kürt jedes Jahr eine Jury das «Unwort des Jahres». Im vergangenen Jahr war es «Rückführungspatenschaft». Damit ist gemeint, dass ein Staat für einen anderen Staat die Abschiebung von ausreisepflichtigen Ausländern durchführt.
Es geht nicht um Sprache, sondern um Politik
Diesen Euphemismus ernannte die Jury durchaus mit Recht zum «Unwort des Jahres», denn an dieser Patenschaft ist gar nichts fürsorglich. Dennoch ist die Begründung entlarvend, denn um Sprache geht es hier nicht: Der Begriff sei zynisch und «Ergebnis einer seit Jahren moralisch enthemmten Diskussion über Flucht und Migration». Hier wird offenbar, worum es wirklich geht: um Politik, nicht um Sprache.
Im neuen Jahr bleibt die Jury beim Thema Migration, geht aber noch einen Schritt weiter. Das Unwort des Jahres ist «Pushback». Vielleicht sollte man für diesen Begriff eine Rückführungspatenschaft vergeben, denn es handelt sich gar nicht um ein deutsches Wort.
Was sind Pushbacks? Als es im Herbst an der Grenze zwischen Weissrussland und Polen zur Migrationskrise kam, beschloss Polen, die Menschen zurückzuweisen und nicht in die EU zu lassen. Es kann davon ausgegangen werden, dass nicht das Wort selbst, sondern dieser Vorgang Gegenstand der Kritik ist.
In der Begründung der Jury heisst es, mit dem Begriff «Pushback» werde «ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt», der «den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nehme, das Asylrecht wahrzunehmen». Der Einsatz des Fremdwortes trage zur «Verschleierung des Verstosses gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl» bei. Die Jury scheint hierbei nicht zu bemerken, dass sie die Begriffe «auf der Flucht» und «Asyl» pauschal für alle Menschen verwendet, die nach Europa drängen. Dabei sind die wenigsten von ihnen tatsächlich Flüchtlinge, und Asyl wird von ihnen fast niemand erhalten. Auch damit manipuliert sie den Diskurs.
Das Thema Migration dominiert
Das «Unwort des Jahres» erhält einmal jährlich kurz grosse Aufmerksamkeit. Wer ist die Jury? Bis 1994 war es die Gesellschaft für deutsche Sprache, finanziert von den deutschen Kultusministern. Dann kam es zum Konflikt, und seitdem handelt die Jury als «Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres» selbständig. Sie besteht aus vier weitgehend unbekannten Sprachwissenschaftern und einer Journalistin und nimmt öfters ein weiteres Mitglied hinzu, etwa einen bekannten Künstler oder Politiker. «Sprachkritische Aktion» erinnert an die Diktion linker Studentengruppen. Die Sprecherin der Jury ist unter anderem auf «Genderlinguistik» spezialisiert.
Das Thema Migration hat es der Jury ganz besonders angetan. Von den Unwörtern der letzten 30 Jahre betrafen zwölf im weitesten Sinne die Thematik von Ausländern in Deutschland, darunter «Überfremdung», «Gutmensch» und «Anti-Abschiebe-Industrie». Weitere zehn Begriffe landeten auf dem zweiten Platz.
Man darf der Jury dankbar dafür sein, dass sie mit der Kür des «Unwortes» den Blick auf bestimmte Begriffe lenkt. Die Camouflage ist jedoch dürftig: Eine kleine Gruppe von Sprachwissenschaftern versucht hier, Einfluss auf die politische Färbung des Diskurses zu nehmen. Sie versucht also ihrerseits ein Framing zu schaffen. Da ist es fast schon eine schöne Pointe, welcher Begriff beim Unwort des Jahres auf dem zweiten Platz landete: «Sprachpolizei».