THEO VAN GOGH SOCIETY: ÜBER DIE ERMÜDENDE,  TROSTLOSE WESTLICH LINKE WELT!“ – Houellebecqs neuer Roman : Die Verachtung

Edo Reents FAZ – 11.01.2022 – Michel Houellebecqs neuer Roman „Vernichten“ könnte sein letzter sein. Als Leser wäre man untröstlich. Wer sonst breitet so zwingend die allgemeine Trostlosigkeit aus?

Trauer, Abgesang: Wie kommt es, dass Michel Houellebecqs Bilanzen immer so vernichtend ausfallen? Wahrscheinlich, weil er ungewöhnlich tief denkt. Seine Dankesrede zum (von dieser Zeitung vergebenen) Frank-Schirrmacher-Preis geriet ihm zum Nachruf auf zwei hierzulande praktisch unübersetzte und andernorts, im Sinne politischer Korrektheit, als nicht sonderlich stubenrein geltende, gelegentlich sogar als rechtsextremistisch einsortierte Schriftsteller: Philippe Muray (1945 bis 2006) und Maurice Dantec (1959 bis 2016). Die für ihn notorische gedankliche Schwingenbreite lässt schon den Vorwurf des Reaktionären, den man beiden machte, als Oberflächlichkeit erscheinen. Es ist eine weitere unzeitgemäße Betrachtung, eine erhabene, in leicht identifikatorischer Absicht angestimmte Klage über das Schwinden geistiger Substanz (siehe hier und hier), über „eine ermüdete westliche Welt, wehleidig und ängstlich“.

Solche Diagnosen sind keine Meinungen, die im Dienste irgendeiner Wünschbarkeit stünden; Houellebecq stellt sie auf eigene Rechnung, und ihre Kraft speist sich aus seinem Wissen über die reale und über die geistige Welt, das es ihm erlaubt, mit regloser Miene über Gesellschaften, Generationen und Epochen hinweg außerordentlich konsistente, aber hoffnungslose Überlegungen anzustellen. Damals nahm er noch bei Tocqueville seine Zuflucht, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts einen neuen, harmlos daherkommenden, aber geistig und letztlich auch existentiell verheerenden „Despotismus“ beobachtete: „Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber. Über diesen erhebt sich eine gewaltige bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten. Könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

Die Vereinzelung ist abgeschlossen

Unschwer wird man hier Vorwegnahmen von Horkheimer/Adorno sowie neuerer Thesen zur Infantilisierung der Gesellschaft erkennen. Houellebecq schloss seinerzeit: „Was die Ideen betrifft, so enthält diese Passage praktisch mein gesamtes Werk. Ich habe dem nur eines hinzuzufügen gehabt: dass das Individuum, welches bei Tocqueville noch Freunde und eine Familie hat, sie bei mir nicht mehr hat. Der Prozess der Vereinzelung ist abgeschlossen.“ Soviel zur einer Standortbestimmung.

Man darf, ja, muss vielleicht etwas weiter ausholen, um die geistigen, politischen und historischen Grundannahmen, auf denen auch Houellebecqs neuer, an diesem Dienstag erscheinender Roman fußt, einigermaßen zu begreifen. Die Standortbestimmung ist, nicht nur wegen seiner Treue zu Tocqueville und vor allem zu Pascal, die nämliche. „Vernichten“ spielt im Jahr 2026/27 und erzählt im wesentlichen die Geschichte von Paul Raison, einem engen Mitarbeiter des französischen Wirtschaftsministers Bruno Juge, der zugunsten des ehemaligen Fernsehmoderators Sarfati auf die Präsidentschaftskandidatur verzichtet, der selbst wiederum nur der Platzhalter für den scheidenden, nach zwei Amtszeiten pausierenden Amtsinhaber ist.

Die Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit der realen Politik wird man leicht bemerken. Sie bilden die Folie für das auf vielerlei Ebenen spielende Ideen-Gespinst, das mit den typischen Houellebecq-Versatzstücken gearbeitet ist: grundsätzlich eine verständige, vorurteilslose Analyse der taktischen und ökonomischen Zwänge, denen die Politik unterliegt; ferner Migration, Terrorismus, Ehe, Familie und Sexualität; schließlich Krankheit, Pflegeindustrie, Sterbehilfe.

Ein Prophet, kein Schwarzmaler

Zu Recht rühmt und fürchtet man diesen Autor als Seismograph, ja, als Prophet. Zentrale Ereignisse unserer Zeit hat er wenn nicht vorausgesehen, so doch mit ihnen gerechnet: den 11. September 2001, als „Plattform“ neu war, und den Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ 2015, just an dem Tag, als „Unterwerfung“ herauskam – kein Grund also, ihn der Schwarzmalerei zu bezichtigen. Den Islamismus sieht er, wie die Französische Revolution, als etwas Vorübergehendes an. „Und vielleicht“, sagte er in der Schirrmacher-Rede, „wird einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakulär auch der ,Islamische

Noch aber haben es in „Vernichten“ Frankreich und die Welt mit dem Terrorismus zu tun: Bruno Juge wird in gefälschten Videos symbolisch geköpft, eine dänische Samenbank bombardiert, ein Fracht- und, mit fünfhundert Todesopfern, ein Flüchtlingsschiff versenkt. Erwartungsgemäß fährt Houellebecq inmitten dieser Gemengelage seine Krallen aus, indem er zeigt, dass die Flüchtlingstragödie der alten und neuen Präsidentenpartei in die Hände spielen und die politische Klasse mehr Erfolg mit einer sogleich als kitschig entlarvten Gedenkveranstaltung hat als mit der Täterermittlung. Ob es sich um islamistische, erzkatholische, ökoradikale oder okkultistische Kreise handelt, lässt sich auch mit Paul Raisons Hilfe nicht herausfinden, dessen Vater als ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter allerhand Material aufbewahrt und seit einem Schlaganfall im Wachkoma liegt.

Diese Vater-Sohn-Konstellation verbindet den Politthriller mit dem zweiten, im Romanverlauf immer dicker werdenden Handlungsstrang: einer damit einerseits verflochtenen, andererseits seltsam davon abgelösten Familien- und schließlich nur noch Ehegeschichte. Und an dieser Stelle, so muss man leider festhalten, bricht der Hybrid, auf den Houellebecq es spürbar abgesehen hat, auseinander und scheitert letztlich, wenn auch auf einem Niveau, das nur wenige Schriftsteller erreichen. Im streckenweise etwas zu flächigen Erzählen verlieren sich die Wucht und die Konsequenz, die vor allem den Vorgänger „Serotonin“ so unwiderstehlich machen. Es kommen nämlich noch die katholische Schwester Cecile und der labile, im Selbstmord endende Bruder Aurelien ins Spiel, die aus der Familie beinahe so etwas wie Karamasows des von Houellebecq bewunderten Dostojewski machen, wenn sie als Ideenträger am Ende nicht doch etwas blass blieben. So mündet die mit Autofahrten zwischen Paris und der Provinz, mit Essen, Trinken und allerlei Geschlechtsverkehr bestrittene, breit geschilderte, wenn auch, auf Grund des zumindest im Deutschen klaren, kondensierten Stils, niemals langweilige Handlung in den todtraurigen Schlussakkord von Pauls lange Zeit unterbrochener Ehe mit Prudence, einer Finanzbeamtin, die ihre Zuflucht bei der Naturmystik sucht und in dem Moment zu ihrem unbestechlich rationalen Mann zurückfindet, in dem dieser körperliche Nähe wie eine letzte Ölung empfindet.

Sexschilderungen als Selbstzweck

Wieder ist die Sexualität, die im Frühwerk oft reinen Verrichtungscharakter hatte, der einzige Trost und ihre Schilderung insofern fast schon Selbstzweck – anders wäre diese Obsession wohl auch kaum zu erklären und literarisch nur schwer zu rechtfertigen – in einem ansonsten heillosen, metaphysisch obdachlos gewordenen oder immer schon gewesenen Dasein, das Houellebecq von allen Seiten, der politisch-gesellschaftlichen und der intim-persönlichen, in die Zange seines maßgeblich an Schopenhauer orientierten Pessimismus nimmt. Wenn er den „Prozess der Vereinzelung“, den alle seine Romane betrauern, nunmehr als abgeschlossen betrachtet, dann hat seine Kulturkritik, vor der nichts und niemand sicher ist, ihr Erkenntnisziel erreicht, vielleicht, ohne es zu beabsichtigen: Nicht nur der tierischen, auch der menschlichen Gattung ist an ihrer Erhaltung durch Begattung alles und am Individuum wenig gelegen; dass dieses gerade dabei auf seine Kosten kommt, lässt sich mit dem Trick erklären, den Schopenhauer in seiner Houellebecq höchstwahrscheinlich geläufigen „Metaphysik der Geschlechtsliebe“ der Natur bei der Fortpflanzung unterstellt – auch eine Art Verblendungszusammenhang. Alles übrige, das eine Gesellschaft, der Houellebecq ihren geistigen Niedergang unter die Nase reibt, als Lebensanreiz, im Sinne Tocquevilles als „Vergnügungen und Genüsse“ gutheißen mag, kurz: der ganze Konsum ist reine Oberfläche, Errungenschaft einer inzwischen nicht mehr nur westlichen Lebensform, die schon deswegen nicht als fortschrittlich begriffen werden kann, weil sie mit dem Nachlassen und dem schließlichen Verschwinden substantieller moralischer Überzeugungen zu teuer erkauft ist. Denn darum kreist sein Denken nach wie vor: um die Dekadenz und um die „Heraufkunft des Nihilismus“, dieses nach Nietzsche unheimlichsten aller Gäste.

Hier, in der Suche nach Lebenssinn, liegt der Fluchtpunkt seines Schreibens, das eine fortlaufende Verfallsgeschichte ist, in doppelter Hinsicht: in gesellschaftlicher und in individueller. Letztere nimmt er, wenn nicht alles täuscht, im späteren Werk noch schärfer in den Blick. In „Vernichten“ lässt er machen Faden einfach wieder fallen. So plausibel das Politische auch geschildert wird – irgendwann spielt es keine Rolle mehr, wer die Wahl gewinnt. Es wäre deswegen auch geradezu eine Albernheit oder doch eine Banalität, wollte man behaupten, Houellebecq wäre es um den Nachweis zu tun, dass das Private politisch sei.

Um Ideen geht es gar nicht

Eine Vorliebe für bestimmte Ideologien ist jedenfalls nicht erkennbar. „In einem Roman“, sagt Houellebecq, „sind Ideen nicht essentiell“. Sie sind, so darf man ergänzen, zweckhaft in Hinblick auf die Komposition. Deswegen wirkt sein Jonglieren damit auch so souverän und der achselzuckende Gestus, den er dabei zeigt, geradezu aufreizend. Wer sonst würde es zum Beispiel wagen, die Entführung eines Insassen aus einem Pflegeheim, das einer triftigen ökonomischen Systemkritik unterzogen wird, ohne jedes Aufhebens von Mitgliedern einer identitären Bewegung besorgen zu lassen?

Denkweisen sind nachrangig. Was bleibt, ist der dem Zerfall preisgegebene Einzelne, in unerreichbarer Einsamkeit, die allenfalls durch körperliche Liebe durchbrochen werden kann. Paul Raison, mit dem das Schicksal dann noch Schlitten fährt, findet in diesen Momenten so etwas wie Glück: Ruhe, Stille, Harmonie mit der, anders als beim verachteten Rousseau, keineswegs verherrlichten, moralisch indifferenten Natur. „Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt“, steht in der Danksagung, offen lassend, um welche es sich handelt. Es könnte das letzte Wort sein, denn: „Für mich ist es Zeit aufzuhören.“ Sollte er diese Drohung – denn als solche wird man das aufzufassen haben – wahrmachen, dann wäre vielleicht noch folgendes zu sagen: Michel Houellebecq hat so ziemlich das Äußerste an Skeptizismus vollbracht, das man einem Gegenwartsschriftsteller noch zutrauen mag. Mit Hohn und Spott, mit Treffsicherheit und Verachtung hat er die Landschaften vieler gutgemeinter, biedersinniger und das Leiden der Welt nur beschwichtigender Überzeugungen durchpflügt, ohne dabei etwas darauf zu geben, wenn man ihm Menschenfeindlichkeit unterstellt. Aber-, womöglich letztmals wird man Zeuge, wie ein gewaltig überlegenes Gehirn sich eines Daseins bemächtigt, auf dem wohl bald gar kein Segen mehr ruht, und kann sich vor diesem verkappten Humanisten, diesem wirklich freien Geist nur verneigen.