THEO VAN GOGH – Russischer Kulturkolonialismus : Joseph Brodsky und sein berüchtigtes Ukraine-Gedicht
Zaal Andronikashvili FAZ – 22.10.2022 – Dissident : Joseph Brodsky im Jahr 1995
Regimegegner im Innern, Imperialisten nach außen: Das berüchtigte Ukraine-Gedicht von Joseph Brodsky verdeutlicht einen Zwiespalt vieler russischer Dissidenten. Ein Gastbeitrag.
Im Jahr 1992 schrieb der russische Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky das Gedicht „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“. Er trug es zweimal öffentlich vor, auch wenn sein polnischer Freund und Nobelpreisträgerkollege Czesław Miłosz ihn davon abzuhalten versuchte, verzichtete allerdings auf eine Veröffentlichung. Das Gedicht, eher eine Schmähschrift in Versform, wurde nach Russlands Überfall auf die Ukraine vielfach als Beleg für großrussischen Chauvinismus und Imperialismus zitiert. Die russische Künstlerin und Essayistin Jekaterina Margolis sah in einem Beitrag für die russische Exilzeitung „Nowaja Gaseta Jewropa“ Brodskys politischen in seinem männlichen Chauvinismus verwurzelt.
In den letzten Zeilen des Ukraine-Gedichts – Ukrainer werden zur Todesstunde die Verse des russischen Nationaldichters „Alexandr“ (Puschkin) und nicht den „Schmarrn“ des ukrainischen Nationaldichters „Taras“ (Schewtschenko) „röcheln“ – sah sie ein „schreckliches Epigraph des gegenwärtigen Krieges“. Der russische Literaturwissenschaftler Gleb Morew plädierte im Podcast „Polka“ (zu Deutsch: das Buchregal) für eine differenziertere Sicht: Brodsky habe sich stets geweigert, sich mit der imperialen Macht zu identifizieren, und den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei scharf verurteilt. Andere Kommentatoren versuchten das Ukraine-Gedicht als schlechtes Gedicht des großen Dichters abzuwerten oder zu bagatellisieren.