THEO VAN GOGH REPORT: DER NEUE GROSSDEUTSCHLAND-WAHN – “… dann gäbe es die Ukraine nicht mehr”: Militärexperte sieht Deutschland bei Lanz als “Zwerg”

teleschau – 26-10-22

 

“Was die Munitionsherstellung angeht, hat man den Eindruck, die Regierung habe den Schuss noch nicht gehört”: Militärexperte Sönke Neitzel übte bei “Markus Lanz” harte Kritik an der Bundesregierung.© ZDF

Kein schnelles Ende des Ukraine-Krieges: Militärexperte Sönke Neitzel machte bei “Markus Lanz” deutlich, die Kämpfe seien gerade einmal am Ende der ersten Phase – und übte scharfe Kritik an der Bundesregierung. Außerdem berichtete der Kriegsreporter Frederik Pleitgen von “Schockeffekten” an der Front.

Große Worte entsprechen nicht gleich großen Taten. Was also ließ Olaf Scholz seinem mitreißenden “Zeitenwende”-Appell folgen, den er drei Tage nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine gehalten hatte? Der Militärhistoriker Sönke Neitzel habe sich auf jeden Fall mehr vom Bundeskanzler versprochen, wie er am Dienstagabend bei “Markus Lanz” verdeutlichte. Besonders hinsichtlich der nur langsam voranschreitenden Waffenlieferungen in die Ukraine ließ Neitzel kaum ein gutes Haar an der Regierung: “Was die Munitionsherstellung angeht, hat man den Eindruck, die Regierung habe den Schuss noch nicht gehört.”

Auch wenn die Tendenz in die richtige Richtung gehe, befand der 54-Jährige, Deutschland könne mehr tun. Schon im Verwaltungsapparat ginge viel Zeit verloren, denn: “Wir sind auf Frieden eingestellt, und unsere Regierung ist ein Verwaltungssystem.” Mehr Generäle als im Kalten Krieg stünden einer weniger durchschlagskräftigen Armee gegenüber, so Neitzel. Demnach forderte er: “Da brauchen wir Minister, die sagen: Ich zerschlage das jetzt, ich reformiere und alle mir nach.” Man müsse “mehr Druck auf den Kessel geben”.

Militärexperte bei Lanz: “Ohne westliche Waffen passiert da überhaupt nichts”

Obwohl der Krieg in der Ukraine nun seit acht Monaten mit harten Bandagen gekämpft wird, sieht Neitzel die Gefechte erst am Ende der ersten Phase. Dass die Ukraine von Russland eingenommen werde, bezifferte er bei “Markus Lanz” mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit. Außerdem attestierte er der ukrainischen Armee eine gute Moral. Trotzdem warf er die Frage auf, ob die ukrainische Armee die nötigen Mittel habe, die Invasoren von ihrem Territorium zu verdrängen. “Jetzt ist die große Frage: Wozu sind die Ukrainer in der Lage?”, formulierte Neitzel die für ihn entscheidende Frage. “Ohne westliche Waffen passiert da überhaupt nichts”, ist er sich sicher.

Der von der Front zugeschaltete CNN-Reporter Frederik Pleitgen urteilte ähnlich: “Die Russen komplett aus diesem Territorium rauszujagen, wird sehr schwierig – zumindest mittelfristig.” Russlands derzeitiges Vorgehen entspräche einer “Vernichtungsschlacht”: “Sie haben versucht wie eine Dampfwalze reinzukommen.” Doch die Ukraine wirke dem mit einer Kombination aus westlichen Waffen, großer Kampfmoral und schlauer Kriegsstrategie effektiv entgegen.

Im aktuell brutalen Vorgehen von Russlands Militär – “einem klaren Kriegsverbrechen” – sah Sönke Neitzel derweil keinen Wendepunkt im Krieg, ganz im Gegenteil: “Die gute Nachricht ist: Mit den Methoden hat noch niemand einen Krieg gewonnen.” Zwar bedeute der Terror schlimme Verluste für die Ukrainer, würde aber den Widerstandswillen der Bevölkerung nur erhöhen, konstatierte Neitzel. Gleiches beobachtete Frederik Pleitgen: “Die Leute sind bereit, das durchzustehen.” Daran würden auch die gezielten Angriffe auf Infrastrukturen und Ausfälle im Strom- und Heizungsnetz nichts ändern.