THEO VAN GOGH PORTRTÄS: Giorgia Melonis Mann – Wer ist Italiens künftiger „First Gentleman“? –

„Am Wahlabend, so berichtete Ehemann Giambruno jetzt dem „Corriere“, sei Giorgia Meloni nach Bekanntwerden der ersten Hoch­rechnungen erst mal nach Hause zu ihm und zu Ginevra gekommen, statt sich vor Kameras und Mikrofonen im Glanz des Triumphs zu sonnen. „Ein Mann hätte sich vielleicht alle Zeit der Welt genommen, um sich hinzustellen und zu sagen: Ich habe gewonnen. Giorgia ist der Beweis, dass eine Frau alles kann, was ein Mann kann – und besser dazu.“ Matthias Rüb, Rom FAZ – 28.09.2022-18:12

Die designierte Ministerpräsidentin Italiens lebt mit Andrea Giambruno zusammen. Anders als sie stammt er aus wohlhabendem Bürgertum – und politisch stehen sich die beiden auch nicht unbedingt nahe.

In Italien dürfte demnächst erstmals eine Frau ins höchste Regierungsamt gelangen. Damit würde der Mann an Giorgia Melonis Seite zum ersten – ja was eigentlich? Auf diese Frage konnte auch Andrea Giambruno selbst, 41 Jahre alter Fernsehjournalist aus Mailand, im Gespräch mit der Zeitung „Corriere della Sera“ vom Mittwoch keine Antwort geben. Von den drei angebotenen englischsprachigen Bezeichnungen schien ihn keine zu überzeugen: First Husband? First Gentleman? First Partner? Das erscheint dann doch alles irgendwie unpassend.

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es keinen wirklich passenden Ausdruck für das männliche Äquivalent einer First Lady gibt“, antwortete Giambruno: „Vielleicht warten wir einen neuen Eintrag im Zingarelli ab.“ – „Lo Zingarelli“ ist das italienische Pendant zum Duden. Der Ausdruck „Primo Gentiluomo“, angelehnt an den First Gentleman, klingt ebenfalls seltsam.

Bisher haben Giorgia Meloni und ihr vier Jahre jüngerer Partner Andrea Giambruno ihre Partnerschaft und ihr Familienleben mit der gemeinsamen Tochter Ginevra in sparsamen Dosen auf den Boulevard getragen. Es gibt die kalkulierten Mitteilungen und Fotografien Melonis aus dem Privatleben, vom Strand und aus der Küche, in den verschiedenen Kanälen der sozialen Medien. Die bespielen Italiens designierte Ministerpräsidentin und deren Kommunikationsteam gekonnt.

Im Fernsehstudio kennengelernt

Nach dem Wahltriumph vom Sonntag postete Meloni auf Instagram etwa einen Zettel mit Töchterchens Glückwunsch, in wackeligen Großbuchstaben von Kinderhand: „Liebe Mama! Ich bin so glücklich, dass du gewonnen hast. Ich liebe dich! Sehr.“ Gegenüber dem „Corriere“ beteuerte der erkennbar stolze Papa, den Zettel habe Ginevra ohne väterliche Hilfe geschrieben: „Das hat sie ganz allein gemacht. Sie ist sechs Jahre alt, kann aber schon seit einem Jahr schreiben. Natürlich kann sie noch nicht richtig erfassen, was geschehen ist. Sie versteht nur, dass Mama bei irgendetwas gewonnen hat.“

Meloni und Giambruno sind seit neun Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich im Fernsehstudio, beim Interview für die Talkshow „Quinta Colonna“ (Fünfte Kolonne) des Senders „Rete 4“, für den Giambruno seinerzeit als Redakteur tätig war. Der Sender gehört zum Medien­imperium des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Derzeit moderiert Giambruno die Sendung „Studio Aperto“ bei Berlusconis Nachrichtenkanal „TGcom24“. Ob er diese Tätigkeit fort­führen kann, sollte seine Lebenspartnerin tatsächlich bald in den Palazzo Chigi, den Amtssitz italienischer Ministerpräsidenten, einziehen, ist fraglich. Viel spricht dafür, dass Giambruno vollends in die Rolle des „Vollzeitvaters“ schlüpfen wird.

Bei früherer Gelegenheit hat Giam­bruno berichtet, wie es schon bei der ersten Begegnung zwischen ihm und Meloni im Studio gefunkt habe. Zu dem Live-Interview sei die Politikerin völlig erschöpft erschienen und habe ihre Assistentin um einen Happen gebeten: „Ich habe den ­ganzen Tag noch nichts gegessen, ich falle vor Hunger bald in Ohnmacht.“ Die Assistentin habe Meloni darauf eine Banane gereicht, das einzig Essbare in dem Studio. Sekunden vor Beginn der Livesendung hielt Meloni die halb geschälte Banane noch immer in der Hand. Geistesgegenwärtig eilte Giambruno herbei und entriss ihr die Banane. Die Politikerin war offenkundig dankbar, dass ihr der peinliche Fernsehauftritt „Meloni mit Banane“ erspart geblieben war.

„Als sich unsere Blicke trafen, war es ein besonderer Moment“

„Als sich unsere ­Blicke trafen“, erinnerte sich der Retter später, „war es ein besonderer Moment.“ Kurze Zeit später sei es bei einem Treffen in Mailand zum ersten Kuss gekommen, seither seien sie unzertrennlich. Meloni ließ zuletzt wissen, Giambruno sei ein „phantastischer Vater“, der gerade in der Endphase der Wahlkampagne immer für Ginevra dagewesen sei. Außerdem berichtete Meloni davon, dass sie und Giambruno sich ein zweites Kind gewünscht hätten, dass sich die ersehnte Schwangerschaft aber nicht eingestellt habe. Deshalb fühle sie sich ein wenig schuldig ihrer Tochter gegenüber, weil sie ihr nicht das Geschenk habe machen ­können, mit einem Geschwisterchen aufzuwachsen.

Anders als sie selbst, mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Arianna. Die Schwestern sind bis heute unzertrennlich. Arianna Meloni ist mit Francesco Lollobrigida verheiratet, dem Fraktionschef von Giorgia Melonis Partei Brüder Italiens im Abgeordnetenhaus. Sie gehört zu den engsten Beratern der designierten Ministerpräsidentin. Die beiden Schwestern wuchsen mit der Mutter in einer bescheidenen Wohnung im römischen Stadtviertel Garbatella auf. Der Vater verließ die Familie, als die ­Mädchen 14 und zwölf Jahre alt waren. Die alleinerziehende Mutter litt und leidet unter Übergewicht, die Essstörung hat sich nach dem Fortgang des Ehemanns verschlimmert.

Anders als Meloni, die schon als Jugendliche mitverdienen musste und mit Jobs als Kellnerin, Barfrau und Babysitterin das Familieneinkommen aufbessern half, wuchs Giambruno in den behüteten Verhältnissen des Mailänder Bürgertums auf, besuchte renommierte Schulen und Hochschulen. Über Giambruno sagte Meloni einmal, vielleicht nur halb im Scherz, mit ihm habe sie sich „den Feind ins Haus“ geholt – einen vornehmen Linken nämlich, der über Homo-Ehe, Abtreibung und Sterbehilfe oder über die Legalisierung weicher Drogen ganz anders denke als sie. Dem „Corriere“ gegenüber versicherte Giambruno jetzt, das habe Meloni ganz und gar als Scherz gemeint, ein Linker sei er jedenfalls nicht.

Giambruno will zu Auslandsreisen und Gipfeltreffen der künftigen Regierungschefin nur mitreisen, wenn es unbedingt erforderlich sei, sagte er dem „Corriere“. Eine Heirat stehe fürs Erste nicht auf dem Programm, „wir haben derzeit andere Prioritäten“, sagte Giambruno der Zeitung. Denkwürdig ist Giambrunos Anmoderation einer Sendung vom Februar 2021, nachdem ein linker Geschichtsprofessor von der Universität Siena sich kurz zuvor im Fernsehen über die rechtskonservative Politikerin in Rage geredet und Meloni als „Fischverkäuferin“, als „Kuh“ und als „Sau“ beschimpft hatte. „Ich bin Giorgia Melonis Partner“, sagte Giambruno, „und sie ist außerdem die Mutter meiner Tochter. Ich bin sehr stolz auf das, was Giorgia in ihrem Leben erreicht hat. Ich will die Worte des Professors nicht kommentieren. Ich will nur sagen, dass ich meiner Tochter erklären werde, wie mutig ihre Mutter ist und was sie in ihrem Leben geschafft hat.“

Am Wahlabend, so berichtete Giambruno jetzt dem „Corriere“, sei Giorgia Meloni nach Bekanntwerden der ersten Hoch­rechnungen erst mal nach Hause zu ihm und zu Ginevra gekommen, statt sich vor Kameras und Mikrofonen im Glanz des Triumphs zu sonnen. „Ein Mann hätte sich vielleicht alle Zeit der Welt genommen, um sich hinzustellen und zu sagen: Ich habe gewonnen. Giorgia ist der Beweis, dass eine Frau alles kann, was ein Mann kann – und besser dazu.“