THEO VAN GOGH PHILO: GEGEN ALLE „PFLICHTENETHIK!“ SARTRE PASST NICHT IN DIESE ZEIT!

Manche halten Jean-Paul Sartre noch heute für einen glühenden Kommunisten, dabei war er deren bevorzugtes Feindbild

Der französische Philosoph hatte ein schwieriges Verhältnis zum Kommunismus sowjetischer Prägung. Im Zweifelsfall distanzierte er sich von ihm und hielt sich an seine eigenen ethischen Grundsätze.- Alfred Betschart 07.01.2023, 05.30 Uhr  NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

Ein illustrer Kreis von Schriftstellern, Intellektuellen und Künstlern trifft sich am 16. Juni 1944 in Pablo Picassos Atelier. Picasso steht in der Bildmitte mit verschränkten Armen, ganz rechts Simone de Beauvoir. Vordere Reihe, sitzend und kniend von links nach rechts: Jean-Paul Sartre, Albert Camus (mit Picassos Hund), Michel Leiris und Jean Aubier.

Sartres Verhältnis zur Politik war nie durch ein Interesse an Ideologie bestimmt. Die Grundlage seines politischen Engagements bildeten immer die eigenen ethischen Werte. Seine politische Kompetenz hielt er für beschränkt. Nur unregelmässig las er Tageszeitungen. In Briefen schrieb er in Momenten, in denen er bedeutende politische Texte verfasste, dass ihn Politik und Gewalt ankotze («m’emmerde»). Trotzdem war es für ihn eine Frage der moralischen Verantwortung, sich zu politischen Ereignissen zu äussern. Niemand sollte ihm vorwerfen, zu Missständen geschwiegen zu haben. Er wollte sich anders verhalten als Gustave Flaubert und die Brüder Goncourt während der Pariser Commune 1871.

Zwischen 1945 und 1970 verfügte Sartre als bekanntester Intellektueller Frankreichs nicht nur in den USA und in Europa über breiten Einfluss. In Lateinamerika folgten ihm junge Intellektuelle wie Mario Vargas Llosa. Im Nahen Osten wurde er in den Cafés von Beirut, Kairo und Bagdad verehrt. Seine Reisen nach Brasilien 1960 und Japan 1966 waren grosse Medienereignisse. Wie sehr Sartre ein Pop-Star seiner Zeit war, zeigte sich auch in der westdeutschen Jugendbewegung der «Exis» mit ihrer eigenen Mode, dem Jazz als Lieblingsmusik und Sartre als ihrem bevorzugten Autor.

Auch wenn Sartres Dramen noch immer häufig gespielt werden, die Intellektuellen von heute ziehen ihm Albert Camus vor. Der Vorwurf an Sartre: Er sei Kommunist, Marxist, ja sogar Maoist gewesen – oder zumindest deren unkritischer Weggefährte. In der Tat gab es viele Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle, die Mitglied oder Weggefährten der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) waren: Romain Rolland, Éluard, Aragon, Gide, Breton, Malraux, Merleau-Ponty, Picasso, Yves Montand. Selbst Camus und Foucault waren kurzzeitig Mitglieder des PCF.

Das positive Verhältnis französischer Intellektueller und Künstler zum Sowjetkommunismus reicht in die 1920er Jahre zurück. Lenin war der wichtigste Vertreter jener linken Minderheit, die gegen den Ersten Weltkrieg opponierte. Der Slogan «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» liess auf eine Welt ohne Rassismus und Antisemitismus hoffen. Entsprechend hoch war die Zahl der Unterstützer der kommunistischen Bewegung bei jüdischen Intellektuellen.

Die russische Avantgarde in der Kunst, der Kampf gegen die Religion und Gesetzesreformen bezüglich Gleichberechtigung der Frau sowie im Abtreibungs- und Sexualstrafrecht gewannen dem Sowjetkommunismus viele Anhänger unter den säkularen Franzosen. Allzu präsent waren noch die Dreyfus-Affäre und der heftige Kampf um die Trennung von Kirche und Staat.

Sartres ethische Anliegen

Wie stand es mit Sartre und den Sowjetkommunisten? Während seiner Studienzeit an der École normale supérieure von 1924 bis 1928 schlossen sich seine Freunde Paul Nizan und Raymond Aron dem PCF bzw. den – damals noch marxistischen – Sozialisten an. Sartre selbst verblieb im Dunstkreis des Parti radical (PRRRS), Frankreichs linksliberaler Partei, der Partei seines Grossvaters. Zeitlebens sollte er sich als Anhänger des Philosophen Alain (bürgerlich: Émile-Auguste Chartier) bezeichnen; dessen Rolle als Chefideologe des PRRRS verschwieg er allerdings immer.

Von den vier zentralen Anliegen von Sartres politischem Engagement lassen sich drei direkt auf den PRRRS zurückführen: Sartres Gegnerschaft zur Militarisierung der Gesellschaft und zum Krieg, seine Ablehnung von Antisemitismus, Rassismus und jeglicher Diskriminierung und der Kampf gegen den (Neo-)Kolonialismus. War Ersteres insbesondere mit Alains Namen verbunden, so Letzteres mit denen von Schœlcher und Clemenceau, zwei prominenten liberalen Politikern Frankreichs.

Das vierte von Sartres Grundanliegen war die Ablehnung der gutbürgerlichen Pflichtenethik. Sie liess ihn zum Verteidiger des homosexuellen Schriftstellers Jean Genet werden und den Nobelpreis ablehnen. In dieser Haltung war Sartre insbesondere von Nietzsche und dessen Auffassung von Pflichtenethik als Sklavenmoral beeinflusst.

Die Haltung der französischen Intellektuellen zum Sowjetkommunismus unterlag grossen Schwankungen. Die Einführung des sozialistischen Realismus 1932, der fast zeitgleich erfolgende Widerruf der Reformen des Abtreibungs- und Sexualstrafrechts und die Moskauer Schauprozesse in den Jahren 1936 bis 1938 führten zu den ersten grossen Brüchen mit dem Sowjetkommunismus. Gides Kritik in «Retour de l’URSS» liess Sartre und viele andere daran zweifeln, dass die UdSSR das versprochene Paradies sei. Sie bereitete auch die Spaltung zwischen den Kommunisten und der nichtkommunistischen Linken nach dem Zweiten Weltkrieg vor.

Die rechtsextremen Unruhen von 1934 und der Faschismus in Italien und Deutschland führten allerdings vorerst dazu, dass die Parteien des säkularen Frankreich eher zusammenrückten. Selbst Gide gab sich mit seiner Kritik gemässigt. 1936 wurde die Volksfront aus Sozialisten und PRRRS gebildet, unterstützt von den Kommunisten. Der Spanische Bürgerkrieg zwischen den säkularen Republikanern und den katholischen Franquisten verstärkte diese Entwicklung. Malraux, der spätere gaullistische Minister, organisierte zwischen 1935 und 1938 drei antifaschistische Congrès pour la défense de la culture. Aktiv beteiligte er sich am Aufbau einer republikanischen Flugwaffe im Spanischen Bürgerkrieg.

 

Beschimpfungen aus Moskau

Der Zweite Weltkrieg änderte die politische Landschaft in Frankreich grundlegend. Die Résistance war eine Angelegenheit der Gaullisten und ab 1941 auch der Kommunisten. Zusammen mit bürgerlichen Schriftstellern wie François Mauriac schloss sich Sartre dem von den Kommunisten dominierten Comité national des écrivains an. Nach der Befreiung von Paris 1944 kam es zu heftigen Machtkämpfen zwischen dem PCF und den Gaullisten. Malraux und Aron wechselten die Seite und schlossen sich den Gaullisten an.

Auf Moskaus Druck verfolgte der PCF nun eine rigide Politik der Abgrenzung gegenüber allen nicht linientreuen Intellektuellen. Zu diesen zählte auch Sartre. Schon Ende 1944 von den Kommunisten angegriffen, wurde Sartre 1948 zur bedeutendsten Zielscheibe kommunistischer Kritik. Alexander Fadejew, der Generalsekretär des sowjetischen Schriftstellerverbands, schimpfte den nicht anwesenden Sartre auf einem Kongress in Polen, an dem auch Max Frisch teilnahm, eine Hyäne mit Füllfederhalter.

Die Jahre zwischen 1947 und 1956 stellten eine grosse Herausforderung für die progressiven Intellektuellen dar. Ost wie West trugen ihren Teil zur Spaltung Europas bei. Im Krawtschenko-Prozess 1949 wurde der sowjetische Gulag blossgestellt. 1950 griff Nordkorea den Süden an. Zugleich gründeten die Kommunisten 1948 eine weltweite Friedensbewegung mit Picassos Friedenstaube als ihrem Emblem. 1952 sprach Stalin von der Möglichkeit eines vereinigten neutralen Deutschland. Ob dies nur ein Propagandatrick war, ist immer noch nicht restlos geklärt. 1953 starb Stalin, der Gulag wurde aufgelöst, und das erste Tauwetter begann.

Die Tatsache, dass auch der Westen in blutige machtpolitische Auseinandersetzungen verwickelt war, komplizierte die politische Lage. In Indochina tobte von 1946 bis 1954 der Krieg zwischen den französischen Kolonialisten und der Unabhängigkeitsbewegung unter Führung der Kommunisten. Der herrschende Rassismus führte dazu, dass schwarze Schriftsteller wie Richard Wright und James Baldwin Amerika Richtung Paris verliessen.

In den USA artete die Angst vor Kommunisten zu einer bis 1956 anhaltenden Paranoia aus. Charlie Chaplin und Thomas Mann sahen sich gezwungen, nach Europa zurückzukehren. Amerikanische Freunde von Sartre und Beauvoir konnten nicht mehr nach Frankreich reisen, weil ihr Land ihnen keinen Pass ausstellte.

Die Intellektuellen antworteten unterschiedlich auf diese Herausforderungen. Camus und Merleau-Ponty reagierten mit Distanzierung und Bruch. Zwischen Camus und Sartre kam es ob des Zusammenhangs von Ethik und Politik 1952 zum Streit. Die zentrale Frage war jene nach dem Verhältnis der Mittel und Zwecke in der Politik. Darf das Leben, die Freiheit eines Menschen als Mittel zur Erreichung eines politischen Ziels eingesetzt werden?

Der Ukraine-Krieg zeigt uns heute noch die Bedeutung dieser Frage auf. Die Kommunisten bejahten sie unbeschränkt. Selbst Gulag und Schauprozesse waren für sie geeignete Mittel. Camus betonte hingegen die moralischen Grenzen politischen Handelns, insbesondere dann, wenn es um das Leben Unschuldiger geht. Sartre und Beauvoir vertraten diesen gegenüber eine Mittelposition. Für Sartre war klar: Wer sich in der Politik engagiert, wird sich die Hände schmutzig machen. Die Diskussion führten die drei in Form von Dramen: Camus mit «Die Gerechten» (1949), Beauvoir mit «Die unnützen Mäuler» (1945) und Sartre mit «Die schmutzigen Hände» (1948) und «Der Teufel und der liebe Gott» (1951).

Bruch mit den Kommunisten

Seine rigorose Ethik führte dazu, dass Camus Ende der 1940er Jahre begann, sich politisch bei unbedeutenden anarchistischen Zeitschriften zu engagieren. Sartre war hingegen bereit, sich die «Hände schmutzig» zu machen – siehe sein gleichnamiges Theaterstück –, solange es in Übereinstimmung mit seinen moralischen Werten erfolgte. Obwohl er sich im Streit mit den Kommunisten befand, setzte er sich 1951 für einen kommunistischen Matrosen der französischen Kriegsmarine ein. Dieser war wegen Verteilens von Flugblättern gegen den Indochinakrieg zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. 1954 besuchte er die Sowjetunion auf Einladung jenes Teils des sowjetischen Schriftstellerverbands, der die Entstalinisierung und das Tauwetter befürwortete. Seine moralischen Werte liessen ihn 1956 aber auch zu einem führenden Gegner der Unterdrückung des Aufstands in Ungarn durch die Rote Armee werden.

Die Auswirkungen der Ereignisse in Ungarn in Kombination mit der von Chruschtschow eingeleiteten Entstalinisierung waren tiefgreifend. Die Intellektuellen entzogen dem Sowjetkommunismus überwiegend ihre Unterstützung. Der intellektuellen Basis weitgehend entfremdet, wurde der PCF zu einer der rückständigsten kommunistischen Parteien Europas. Selbst dogmatische Intellektuelle wie Althusser wandten sich von ihm ab. Sich eher an der italienischen Kommunistischen Partei orientierende Intellektuelle fanden sich als Wegbereiter des Eurokommunismus oder der grünen Bewegung der 1970er und 1980er Jahre wieder. Zu Letzteren zählte insbesondere André Gorz, der Sartre nahestand und lange an dessen Zeitschrift «Les Temps Modernes» mitwirkte.

Sartre brach 1956 die Beziehungen sowohl zu den sowjetischen wie den französischen Kommunisten ab. Dem Marxismus warf er vor, zu einer dogmatischen Metaphysik und einem voluntaristischen Idealismus verkommen zu sein. Die Richtschnur seines politischen Engagements bildeten weiterhin seine ethischen Werte. Anders als Camus, der noch an ein französisches Algerien glaubte, trat er wie Aron trotz starken Vorbehalten gegenüber der algerischen Befreiungsbewegung FLN für die Unabhängigkeit Algeriens ein. Zu Beginn der 1960er Jahre unterstützte er das von den USA bedrohte Kuba. Wegen der bald darauf einsetzenden Verfolgung von Homosexuellen wandte er sich jedoch wieder von Castros Kuba ab. Komplex war seine Situation auch hinsichtlich des Vietnamkriegs, gegen den er sich in den 1960er Jahren intensiv engagierte.

Während der Zeit des zweiten Tauwetters in den frühen 1960er Jahren kam es nochmals zu einer kurzen Annäherung zwischen Sartre und dem sowjetischen Schriftstellerverband. Zu den Schriftstellern, die damals die UdSSR besuchten, gehörte auch Dürrenmatt. Bei einem Aufenthalt 1964 in Moskau trafen sich die beiden sogar zufälligerweise. Zusammen mit Beauvoir gönnten sie sich in Dürrenmatts Hotelzimmer reichlich Wodka.

Thema der Gespräche zwischen ihnen war auch der Prozess gegen den Dichter Joseph Brodsky, den ersten prominenten Dissidenten der Nach-Stalin-Zeit, der zu Zwangsarbeit verurteilt wurde. Während Dürrenmatt Brodsky für geistig nicht ganz normal hielt, half Sartre mit, dass dieser 1965 aus dem Lager entlassen wurde. Sartre engagierte sich damals auch für Solschenizyns Werk, von dem er zwei Novellen in «Les Temps Modernes» veröffentlichte.

Schon 1962 war es zu einem Zusammenstoss zwischen Sartre und dem sowjetischen Schriftstellerverband gekommen. Sartre verteidigte Kafka gegen die sowjetische Kritik und verlangte die Demilitarisierung der Kultur. 1967 lehnte Sartre eine Einladung zum Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbands ab. Im Gegensatz zu ihm pflegten die Präsidenten des PEN von Arthur Miller bis Heinrich Böll noch bis in die 1970er Jahre Beziehungen zu ihren sowjetischen Kollegen. Auch Frisch besuchte noch 1968 die Sowjetunion.

Sartres ethische Grundwerte blieben zeitlebens im Wesentlichen dieselben. Mitte der 1960er Jahre näherte er sich allerdings Camus an, indem er den «ethischen Radikalismus» als politische Alternative akzeptierte. Statt Realpolitik hiess es nun auch bei ihm meist «Ethik zuerst». Statt bei der grossen Bewegung der Sowjetkommunisten lagen seine Sympathien nun eher bei kleinen, unbedeutenden Parteien.

Sein Desinteresse an politischer Ideologie hielt jedoch an. Nicht die ideologisch versierten Trotzkisten standen ihm nahe, sondern die ideologisch ignorante Gauche prolétarienne. Aber auch mit dieser kam es schnell zu Differenzen. Sartre unterstützte nämlich die neuen sozialen Bewegungen, von Frauen über die Schwulen bis hin zu den Regionalisten. Er war nicht bereit, deren Interessen dem Klassenkampf unterzuordnen. Auch wandte sich Sartre immer gegen terroristische Aktionen. Dass Frankreich keine RAF und keine Brigate Rosse kannte, ist teilweise seinem Einfluss zu verdanken.

Aufgrund der Unterdrückung des Prager Frühlings durch den Warschauer Pakt und der fehlenden Unterstützung der Studenten durch den PCF im Mai 1968 vertiefte sich der Graben zu den Sowjetkommunisten weiter. Wie die «nouveaux philosophes» – ehemalige Maoisten wie André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy – übte Sartre in den 1970er Jahren rigorose Kritik am Sowjetkommunismus. Zusammen setzten sie sich für die freie Ausreise von (vor allem jüdischen) Dissidenten aus der Sowjetunion und für die vor den vietnamesischen Kommunisten fliehenden Boat-People ein.

Hartnäckige Klischees

Sartre starb 1980, der Kommunismus samt seiner Ideologie zehn Jahre später. Seit dieser Zeit herrscht in vielen Kreisen von Sartre das Bild eines aus der Zeit gefallenen Kommunisten/Marxisten/Maoisten vor – oder zumindest das eines ihrer Weggefährten. Dass dieses Bild nicht stimmen kann, belegen zwei einfache Tatsachen. Nicht nur war Sartre im Gegensatz zu vielen anderen progressiven Intellektuellen nie Mitglied einer kommunistischen Partei. Auch für die Zeit als Weggenosse kämen maximal zwölf Jahre infrage, je eine Phase in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren.

Deutlich länger war die Zeit, in der Sartre von den Kommunisten heftig kritisiert und attackiert wurde. Noch bedeutsamer sind die Einschätzungen aus den 1950er und 1960er Jahren auf die Frage, ob Sartre ein Kommunist oder Marxist gewesen sei. Nicht nur die Stalinisten und Trotzkisten beantworteten diese Frage immer mit Nein, sondern auch die Neomarxisten im Westen und die Vertreter eines humanen Sozialismus in Osteuropa. Kein namhafter Marxist oder Kommunist bezeichnete Sartre als solchen.

Nicht nur Sartres Gegner auf der Rechten hängen an einem veralteten Bild Sartres. Auch die linken Intellektuellen pflegen es. Es ist bequem, denn es entbindet sie von der Aufgabe, sich mit den neuen Erkenntnissen der Sartre-Forschung kritisch auseinanderzusetzen. Sartre ist die Ikone, die in den Herrgottswinkel gestellt und vergessen werden kann. Annie Ernaux’ Boykottaufrufe gegenüber Israel hätte Sartre, der Israel bis zu seinem Tod unterstützte, sicher nicht geteilt. Die Islamogauchisten, die heute das islamistische Kopftuch verteidigen, würde er ebenso kritisieren wie jene, die für Political Correctness eintreten. Ebenso Ansichten, wonach sexuelle Orientierungen angeboren seien und Biologie im Fall des Geschlechts keine Rolle spiele.

Sartres Philosophie verdient es, wiederentdeckt zu werden. Dies gilt auch in politischer Hinsicht. Kein anderer Denker hat die politische Stimmung des 21. Jahrhunderts so sehr wie Sartre vorweggenommen. Sein politisches Engagement war immer eines gegen ungerechtfertigte Gewalt und gegen Diskriminierung. Es basierte stets auf moralischen Werten und nicht auf Ideologien. Sein Ideal war eine Gesellschaft, in der jeder nach seinem eigenen Entwurf leben kann. Den grössten Gegner eines solchen Projekts sah er in der überbordenden Staatsmacht. «Libertà e potere non vanno in coppia» – Freiheit und Macht passen nicht zusammen. Dies war der Titel eines 1977 in der italienischen Wochenzeitung «Lotta Continua» publizierten Interviews.