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Kassel: Antisemiten, Sexisten &falsche Indianer? – Die Künstlerliste der kommenden Documenta 15 sorgt für Kontroversen – und wird immer kürzer.

Christian Saehrendt10.01.2022, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

An der Fassade eines früheren Kaufhauses geben Logos und Schriftzüge einen Vorgeschmack auf die 15. Ausgabe der weltweit bedeutendsten Ausstellung für moderne Kunst.

 

Als das indonesische Kuratorenteam Ruangrupa im Herbst vergangenen Jahres die Teilnehmerliste der Documenta 15 veröffentlichte, sorgte das beim westlichen Publikum für lange Gesichter: lauter Kunstmarkt-Nobodys und Kollektive mit kryptischen Namen. Allein Jimmie Durham, zweifacher Documenta-Teilnehmer, stach als Prominenter heraus. Kurz darauf verstarb Durham und hinterliess das Kuratorenteam «in tiefer Trauer», wie auf der Documenta-Website zu lesen war.

Nun wird dort ein weiterer (vorläufiger) Abgang vermeldet: «Aufgrund des aktuellen Vorwurfs der sexualisierten Gewalt gegen den taiwanischen Künstler Sakuliu Pavavaljung wird seine Beteiligung an der Documenta ausgesetzt.» Pavavaljung, Repräsentant der ursprünglichen Bevölkerung, die vor Eintreffen der Festlandchinesen auf der Insel mit früherem Namen Formosa lebte, zählt zu den bekanntesten Künstlern Taiwans und sollte das Land dieses Jahr sowohl in Kassel wie auch bei der Biennale von Venedig vertreten.

Kürzlich behauptete eine Frau in einem Facebook-Beitrag, vor 16 Jahren beim Besuch einer Ausstellung Pavavaljungs von diesem belästigt worden zu sein. Museen und Stiftungen in Taiwan legten die Zusammenarbeit mit dem Künstler sofort auf Eis. Die Documenta zog nach. Nun müssen die Vorwürfe geklärt werden – einschliesslich der Frage, ob es sich hier um eine Falschmeldung im Rahmen der hybriden Cyberwar-Kriegsführung der Volksrepublik China gegen Taiwan handle.

Arabischer Nazi-Sympathisant

Auch an einer anderen Front droht Ruangrupa Ärger. In der deutschen Linken schwelt schon länger eine Auseinandersetzung über die antiisraelische Boykottbewegung BDS, die in der britischen und der amerikanischen Kulturwelt besonders viele Anhänger hat. Auch antisemitische Narrative in postkolonialen Diskursen werden zu Recht immer wieder problematisiert. Im Blog «Ruhrbarone» erschien nun eine Abrechnung mit einem palästinensischen Kollektiv, das von Ruangrupa zu einem tragenden Mitglied der Documenta-Struktur ernannt worden war und unter den Namen Cultural Center Khalil al-Sakakini (KSCC) beziehungsweise Question of Funding firmiert.

Das Zentrum engagiert sich seit Jahren im Rahmen der Kampagne für einen umfassenden Boykott Israels auf kultureller Ebene. Als Namenspate fungierte eine überaus problematische Persönlichkeit: der arabische Nationalist und Nazi-Sympathisant Khalil al-Sakakini (1878–1953). In dem anonymen Blog-Beitrag, der auch auf der Website des Kasseler Bündnisses gegen Antisemitismus verbreitet wurde, wird beklagt, dass es bei der Documenta 15 neben dem Direktorium des KSCC zahlreiche weitere Fürsprecher eines Boykotts Israels gebe, wie etwa Marwa Arsanios, Jumana Emil Abboud oder Yasmine Eid-Sabbagh.

Glühende Israelkritiker

Auch in der Findungskommission sowie im Documenta-Beirat und bei Ruangrupa sässen «Gesinnungsgenossen» der Boykottbewegung und «glühende Israelkritiker», klagt der unbekannte Autor. Die BDS-Bewegung lehnt den Staat Israel ab und möchte ihn durch Sanktionen zu Fall bringen. Der Deutsche Bundestag hatte sie im Mai 2019 als antisemitisch bezeichnet und beschlossen, ihren Vertretern keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen. Andere staatliche Institutionen wurden dazu aufgefordert, sich anzuschliessen.

Dagegen erhob sich ein Protest, den auch Jimmie Durham unterstützte. Seine Documenta-Teilnahme roch ohnehin nach Ärger. Seit geraumer Zeit stand er in der Kritik von Cherokee-Aktivisten. Sie bezeichneten ihn als Hochstapler, weil er entgegen seinen autobiografischen Angaben gar kein Cherokee sei und somit überhaupt kein Recht habe, das Kulturerbe der Ureinwohner künstlerisch zu bearbeiten und kommerziell zu verwerten.In weiten Teilen der amerikanischen Kunstlandschaft war Durham deshalb bereits eine Persona non grata. Immerhin diese Sorge ist Ruangrupa los – doch zeigen die Vorwürfe gegen weitere umstrittene Documenta-Teilnehmer, dass heute selbst ein Kuratorenteam, welches nicht aus alten weissen Männern besteht, sehr rasch in politische Turbulenzen geraten kann.