THEO VAN GOGH NEUSTES: „IHR SOLLT DIE FRÜCHTE NICHT MEHR AM GESCHMACK ERKENNEN!“  / Insektenfarmer ist der neue Bio-Bauer der VEGAN-MODERNE

Insekten-Farming : Der nächste Biofood-Boom -Ein Kommentar von Joachim Müller-Jung FAZ  – 19.01.2023-

Knabbereien werden auf einem mexikanischen Markt zu Guacamole-Dip und Schnaps serviert: Ameisen, Skorpione, Wanderheuschrecken, Laven von Comadia redtenbacheri und Fluss-Garnelen.   Brechen mit dem Klimaschutz goldene Zeiten an für Speiseinsekten? Auf der Grünen Woche in Berlin köchelt man seit langem damit, jetzt kommt die Steilvorlage mit neuen Zahlen und Ideen aus der Wissenschaft.

Klimagerecht zu leben, der ökologische Imperativ unserer Zeit – das sagt sich immer so leicht. Essen zum Beispiel ist in der Hinsicht ein zwar ideales, aber eben manchmal auch albtraumhaft kompliziertes Sujet. Vegetarismus, Veganismus, regionales und „Slow Food“ – es gibt inzwischen so viele Spielarten der Kulinarik, dass mancher sicher hofft, um eine der umweltverträglichsten Ernährungsweisen herumzukommen: Speiseinsekten sind unser großes Tabu. Wer hat schon bemerkt, wie Heuschrecken, Mehl- und Buffalowürmer zu Mehl verarbeitet in unsere Lebensmittelkultur vordringen? Heute sind sie in Hunde- und Katzenfutter, morgen könnten Insektenproteine schon die Grundlage einer riesigen Futter- und Lebensmittelindustrie sein.

Insektenfarmer sind die neuen Biobauern. Von bis zu dreißig Prozent Wachstumsraten über viele Jahre hinweg sprechen internationale Ernährungsexperten in zwei Analysen in „Science“ (hier und hier). Der Klimamehrwert der Krabbelspeisen ergibt sich schon aus der Tatsache, dass sich ein Großteil der mehr als zweitausend zum Verzehr für geeignet erachteten Speiseinsekten billigst auf organischen Abfällen vermehren lässt und diese dazu bei Umgebungstemperatur (ohne Energieverluste durch die Eigentemperaturregelung wie beim konventionellen Vieh) massenhaft gedeihen.

Das treibt die wissenschaftlichen Phantasien um automatisiertes Insektenfarming an. In der EU sind die Weichen gestellt. Einige Insekten sind schon als Novel Food – neuartige Lebensmittel – registriert. Und in dieser Woche beginnt in Berlin eine der weltgrößten Agrarmessen, die Grüne Woche. Für Insektengourmets ist sie längst ein Hochfest der Esskultur. Ihre Fähigkeit zur Selbstüberwindung darf man nun endgültig als vorbildlich bezeichnen. Denn wie heißt es beim Klimaschutz doch immer: nichts unversucht lassen und alles probieren.