THEO VAN GOGH NEUSTES:  Französischer Autokonzern : Chinesen steigen bei Renault ein

  • Von Niklas Záboji, Paris FAZ – 8.11.2022- Renault plant die tiefgreifendste Strukturreform in seiner Geschichte. Der Konzern soll in fünf Einzelteile zerlegt werden – und will ausgerechnet mit dem chinesischen Autobauer Geely Verbrennerfahrzeuge bauen.

Im Veranstaltungssaal unter dem Pont Alexandre III in Paris hat Luca De Meo am Dienstag nach eigener Aussage nicht weniger als eine Revolution ausgerufen. Der Vorstandschef des französischen Autoherstellers Renault will den Konzern in mehrere Einzelteile zerlegen und Anteile an neue Anteilseigner versilbern. Agilität und Spezialisierung zählen zu den Schlagwörtern, mit denen der Italiener die tiefgreifendste Strukturreform in der Geschichte des 1898 gegründeten Traditionsunternehmens beschreibt. Den rund 110.000 Mitarbeiter zählenden Konzern, unter dessen Dach sich derzeit die Stammmarke Renault, die Sportmarke Alpine, die rumänische Billigmarke Dacia und die Mobilitätsplattform Mobilize befinden, soll es nach der Vorstellung De Meos in dieser Form nicht länger geben.

An dessen Stelle treten soll eine Struktur mit fünf weitgehend unabhängigen Geschäftsbereichen, jede mit eigener Organisation und Führung. Relativ unverändert bleiben demnach die Aktivitäten von Alpine und Mobilize. Eine dritte Einheit soll sich der Kreislaufwirtschaft widmen, etwa dem Batterie-Recycling.

Besonderes Augenmerk liegt auf den beiden verbleibenden Geschäftsbereichen. De Meo hat sie „Ampere“ und „Power“ getauft. Während Ersterer an die Börse gebracht werden und sich voll und ganz auf das Geschäft mit Software und Elektroautos konzentrieren soll, soll in Letzterer das traditionelle Kerngeschäft mit der Entwicklung von Fahrzeugen mit Verbrenner- und Hybridantrieben gebündelt werden. Das schließt konventionelle Autos der Stammmarke und von Dacia sowie leichte Nutzfahrzeuge der Marke Renault LCV ein.

Turbulenzen durch Lada-Anteile

Die geplante Strukturreform hat De Meo monatelang vorbereitet. Seit Mitte 2020 im Amt, hatte der Renault-Chef den von seinem Vorgänger Carlos Ghosn wirtschaftlich angeschlagen hinterlassenen Konzern zu sanieren begonnen und im vergangenen Jahr erstmals seit 2018 wieder in die schwarzen Zahlen geführt. Doch die Mittel für neue Investitionen blieben mangels Größe knapper als bei Konkurrenten wie dem 14-Marken-Konzern Stellantis und die Stimmung in der jahrzehntealten Allianz mit den japanischen Autoherstellern Nissan und Mitsubishi ist angespannt. Vor allem aber brachten der Ukraine-Krieg und der Verkauf der milliardenschweren Anteile an der russischen Traditionsmarke Lada Renault abermals in Turbulenzen. Der Börsenwert ist auf weniger als 10 Milliarden Euro geschrumpft.

In dieser Gemengelage lotete De Meo neue Partnerschaften aus. Fündig wurde er beim chinesischen Autohersteller Geely, der schon im Mai ein Drittel des Renault-Ablegers in Südkorea erworben hat. Jetzt will De Meo noch deutlich enger mit den Chinesen zusammenrücken. So teilte Renault in Ergänzung zu der am Dienstag vorgestellten Strukturreform am Dienstag mit, ein Gemeinschaftsunternehmen mit Geely zur Entwicklung, Herstellung und Lieferung von Motoren und Getrieben für Hybrid- und Verbrennerfahrzeuge gründen zu wollen.

Geely ist nicht irgendein Autohersteller aus dem Reich der Mitte. Sein Gründer und Vorstandschef Li Shufu hat innerhalb von weniger als 40 Jahren einen internationalen Konzern aufgebaut, zu dem Marken wie Volvo, London Taxi und Polestar gehören. Li Shufu selbst hält zudem einen Anteil von 9,7 Prozent an Mercedes, den er sich vor einigen Jahren mit einem ausgeklügelten Kaufprogramm gesichert hatte. Unter anderem dieser Einstieg hatte die verschreckte schwarzrote Bundesregierung veranlasst, das Außenwirtschaftsgesetz zu verschärfen.

Festhalten am Verbrennungsmotor

Von De Meo „Horse“ getauft, ist das Gemeinschaftsabenteuer mit den Chinesen für die Franzosen mehr als eine lose Absicht. Ein Rahmenvertrag wurde unterzeichnet, demnach halten beide Anteilseigner 50 Prozent der Anteile. Starten wollen sie in der zweiten Hälfte 2023. Rund 19.000 Mitarbeiter an 17 Produktionsstandorten und in Forschungs- und Entwicklungszentren in Spanien, Rumänien, Schweden, China und Südamerika soll das Joint Venture haben.

Renault verspricht sich viel davon. De Meo kündigte an, einen „weltweit führenden Zulieferer für Technologien für Verbrennungsmotoren und Hybridantriebe“ zu schaffen. Daran festzuhalten, sei keineswegs rückwärtsgewandt, so De Meo. Europa werde zwar vollends elektrifiziert, doch der Anteil von Verbrennern und Hybriden am globalen Autoabsatz betrage im Jahr 2040 immer noch 50 Prozent.

Bislang sehr abhängig vom Europageschäft, wollen die Franzosen mithilfe von „Horse“ deutlich mehr Märkte beliefern als bislang. Neben Renault, Dacia und Geely soll das Unternehmen auch Volvo, Nissan, Mitsubishi und die asiatischen Geely-Marken Lynk und Proton beliefern. Mehr als 15 Milliarden Euro Jahresumsatz soll „Horse“ künftig erwirtschaften. Einige Details sind noch offen, etwa ob Renault sämtliche Verbrenneraktivitäten außerhalb Frankreichs in das neue Unternehmen transferiert. Zudem könnte sich das Gewicht in dem Joint Venture durch weitere Anteilseigner noch verschieben. In der Renault-Ankündigung von Dienstag heißt es, dass man „zu gegebener Zeit neue Partner aufnehmen“ werde. Spekuliert worden war zuletzt über eine Beteiligung des saudischen Ölkonzerns Saudi-Aramco. Renault wollte sich am Dienstag nicht dazu äußern.

Auch Details rund um die Software- und Elektroaktivitäten in dem Geschäftsbereich namens „Ampere“ müssen noch geklärt werden. Renault plant mit rund 10.000 Mitarbeitern, davon 3500 Ingenieure. Etwa eine Million Elektroautos soll die Einheit bis zum Jahr 2031 produzieren, und ihr Börsengang ist für das zweite Halbjahr 2023 anvisiert. Wie viele Anteile an „Ampere“ an Investoren gehen sollen, wollte Finanzchef Thierry Piéton noch nicht präzisieren. „Es ist noch zu früh für Diskussionen über die Kapitalstruktur“, sagte er. Die „große Mehrheit“ werde aber definitiv bei Renault bleiben.

Verhandlungen mit Nissan

Dass Renault die „Ampere“-Pläne nicht weiter präzisieren konnte, liegt auch an den noch laufenden Gesprächen mit weiteren Industriepartnern. Das betrifft zum einen Nissan: Medienberichten zufolge sind die Japaner zu einer Beteiligung an dem Geschäftsbereich bereit, fordern aber im Gegenzug, dass die Franzosen ihren Anteil von 43,4 Prozent an Nissan auf etwa 15 Prozent reduziert. Der Ausgang dieser Gespräche wiederum dürfte darüber mitentscheiden, in welchem Umfang der amerikanische Halbleiterproduzent Qualcomm einsteigt, dessen Interesse an „Ampere“ Renault am Dienstag bestätigt hat.

Selbst wenn das geklärt ist, erwarten De Meo noch Gespräche mit den Sozialpartnern. Die linke französische Gewerkschaft CGT teilte unlängst mit, nicht von den Plänen zur Aufspaltung von Renault zu halten. Der französische Staat wiederum, mit 15,01 Prozent der größte Einzelaktionär, war dem Vernehmen nach in den vergangenen Monaten in die Pläne eingebunden. Im Wirtschaftsministerium wollte man sie am Dienstag aber nicht kommentieren. An der Börse zündeten sie nicht, die Renault-Aktie notierte am Nachmittag knapp 2 Prozent im Minus.