THEO VAN GOGH NEUSTES: EUROPÄISCHE SOLIDARITÄT!? = NEIN ! / Norwegen als Lieferant : Gasrabatt? Nei, takk!

Norwegen macht als Gaslieferant Rekordgewinne. Deutschland hätte gerne einen Preisnachlass unter Freunden. Ein anderer Vorschlag hat aber bessere Chancen. Von Sebastian Balzter FAZ  – 17.10.2022-

Norwegen hat, wovon Deutschland träumt: Energie in Hülle und Fülle. Reich ist das Land der Fjorde dank der Bodenschätze vor seiner Küste schon lange. Der Krieg in der Ukraine und das Ende der russischen Gaslieferungen nach Europa machen es nun aber erst recht zum Krösus. Der Preisanstieg, unter dem Industrie und Privathaushalte hierzulande ächzen, lässt dort die Kassen klingeln.

Gerade hat der Finanzminister in Oslo seine Prognose vorgelegt: Für dieses Jahr erwartet er, dass der Staat mit dem Öl- und Gasgeschäft netto umgerechnet rund 120 Milliarden Euro verdient. Viermal so viel wie 2021 und gut doppelt so viel wie im Jahr 2008, das bisher das Maß aller Dinge war. Nächstes Jahr soll es sogar noch mehr werden.

Da kann man neidisch werden. Robert Habeck, der Bundeswirtschaftsminister von den Grünen, forderte kürzlich „Solidarität zur Dämpfung der Gaspreise“ und mokierte sich über „Mondpreise“, mit denen sich „befreundete Länder“ zurzeit eine goldene Nase verdienen. Das war auf Norwegen gemünzt.

Das Land pumpt sein Gas durch Rohrleitungen auf dem Meeresboden zwar auch nach Großbritannien, Belgien und in die Niederlande. Aber kein anderer Kunde kauft so viel Gas wie Deutschland. Umgekehrt ist allerdings auch kein anderer Gaslieferant für Deutschland so wichtig wie Norwegen, das an die Stelle der alten Nummer eins Russland getreten ist. Die Skandinavier haben ihre Liefermenge dieses Jahr um gut ein Drittel erhöht und kommen nun auf fast doppelt so viel wie der nächstgrößte Lieferant.

Keine Frage, wer in dieser besonderen Beziehung der Bittsteller ist und wer die Muskeln spielen lassen kann.

In Norwegen stellen wie in Deutschland die Sozialdemokraten den Regierungschef. Im September reiste Bundeskanzler Olaf Scholz für die Erdgasbeziehungspflege eigens nach Oslo, Klinkenputzen unter Parteifreunden. Der Vorschlag, die sonst so netten Norweger könnten ihren treuen Kunden im Süden eine Art Gasrabatt gewähren, perlte ab. Nei, takk. Auf Deutsch: Nein, danke.

Klinkenputzen bei den Genossen in Oslo

Auch die Idee, dass die EU einen gemeinsamen Höchstpreis beim Gaseinkauf festlegen könnte, stieß in Norwegen nie auf Gegenliebe. Die Einigung auf einen solchen Gaspreisdeckel hatten sich einige Länder vom Treffen der europäischen Energieminister in der vergangenen Woche erhofft. Norwegen gehört nicht zur EU, der norwegische Minister kam als Gast zum Gipfel. Einen Preisdeckel hatte er vor seiner Anreise als wenig hilfreich beschrieben. Es kam, wie es kommen musste: Kein Deckel, nur die Absichtserklärung, sich beim Einkauf besser abzusprechen, anstatt sich gegenseitig zu überbieten und damit den Preis zusätzlich in die Höhe zu treiben.

Warum sind die reichen Norweger bloß so sperrig? Aus dem Energieministerium heißt es auf Anfrage der F.A.S. recht einsilbig, der Staat verkaufe das Gas ja nicht selbst, das machten vielmehr kommerzielle Anbieter, die sich eben nach den Marktpreisen richteten. Man arbeite indes mit den Partnern in Europa an einer gemeinsamen Lösung für niedrigere Preise und Versorgungssicherheit.

Das hört sich wolkig an. Sindre Knutsson von der Beratungsgesellschaft Rystad Energy in Oslo macht es konkret: „Langfristige Verträge mit einem etwa über fünf Jahre vereinbarten Festpreis oder Preiskorridor wären im beiderseitigen Interesse. Das würde den Förderkonzernen Planungssicherheit geben. Dafür könnten sie jetzt einen Abschlag auf den hohen aktuellen Marktpreis gewähren.“

Das ist eine Idee, die auch in Berlin langsam, aber sicher Unterstützer findet. Solche Langfristverträge sind dort bisher auf wenig Gegenliebe gestoßen, weil die Bundesregierung eigentlich darauf setzt, Wind- und Solarkraft schnell auszubauen und damit weniger abhängig vom Erdgas zu werden. Im schlimmsten Fall bliebe Deutschland in vier oder fünf Jahren auf großen Mengen von bestelltem Gas sitzen.

Aber die Verzögerungen beim Ausbau der Erneuerbaren und der horrende aktuelle Marktpreis sorgen dafür, dass diese Vorstellung ihren Schrecken verliert und das Modell mehrjähriger Lieferbeziehungen attraktiver wird. Aus dem Energieministerium in Oslo heißt es, am liebsten würde man im selben Zug auch gleich noch Abmachungen über die Lieferung von „blauem“ Wasserstoff und die Einlagerung von Kohlendioxid in Kavernen unter dem Meeresboden treffen, zwei Prestigeprojekte der norwegischen Regierung.

Es dauert lange, ein Gasfeld zu erschließen, und es ist teuer. Für den Bau der Rohrleitungen gilt dasselbe. Die schnelle Erhöhung ihrer Liefermengen haben die Norweger erreicht, indem sie weniger Öl und mehr Gas aus den Feldern holen, nicht mit zusätzlichen Rohren oder Bohrinseln. Sonst zählt in diesem Geschäft die lange Frist. Und da zeigen die Pfeile eher nach unten als nach oben.

Im nächsten Jahrzehnt, so haben es Geologen berechnet, werden sich die Lagerstätten in der Nordsee leeren, die Exportmengen werden sinken. Mehr Gas gibt es im fernen Norden, in der Barentssee. Dort sind die Verhältnisse indes widrig und die Entfernungen riesig. Schwer zu sagen, ob sich die Förderung dort lohnen wird, wenn der Ausbau von Solar-, Wind- und Wasserkraft so sehr vorankommt wie derzeit beabsichtigt. Ganz zu schweigen davon, dass Norwegen in der Barentsregion an Russland grenzt. In der Vergangenheit wollten die beiden Länder sogar schon einmal gemeinsame Sache bei der Erschließung eines viel versprechenden Erdgasfelds machen. Die Verhältnisse haben sich gewandelt. Heute wären ambitionierte Infrastrukturprojekte in der Gegend wohl einem besonderen geopolitischen Risiko ausgesetzt.

Fromme Wünsche an das Land der Friedensnobelpreise

Dass die Norweger einen einseitigen Preisnachlass ablehnen, wie ihn die Deutschen gern gehabt hätten, begründet Energiefachmann Knutsson mit einem nüchternen Blick auf den Markt. „Das würde die Profite nur verschieben. Zu anderen Lieferanten wie Algerien. Oder zu den Betreibern einzelner Kraftwerke, die günstiges norwegisches Gas bekämen, ihren Strom aber teuer verkaufen könnten.“

Ginge es nicht gerade um Norwegen, wäre die Debatte um den Gasrabatt vermutlich gar nicht aufgekommen. Wo sonst würde man Politikern ernsthaft vorschlagen, dem eigenen Volk Milliarden vorzuenthalten, damit Industrie und Privatleute anderswo es leichter haben?

In Norwegen schien es einen Versuch wert. Schließlich wird dort nicht nur der Friedensnobelpreis verliehen, was für die Argumentation bedeutsam ist, dass ein hoher Gaspreis dem Kriegstreiber Putin nutze. Norwegen hat außerdem Erfahrung mit der Frage, wie sich Rohstoffvorkommen ökonomisch vernünftig und moralisch vertretbar nutzen lassen.

Reichtum und Anstand, passt das zusammen?

Als Antwort darauf ist der größte Staatsfonds der Welt entstanden, ein weithin bewundertes Vehikel, um Korruption und Misswirtschaft zu begrenzen und die Bevölkerung am Reichtum teilhaben zu lassen. Jedes Jahr überweist die Regierung Lizenzeinnahmen, Dividenden und Sondersteuern aus der Offshore-Branche sowie die Gewinne aus ihren Direktbeteiligungen an Öl- und Gasquellen auf das Konto des Fonds. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, damit die heimische Wirtschaft nicht überhitzt; gleichzeitig bildet sich auf diese Weise ein nettes Polster für die Zukunft, wenn es irgendwann kein Öl und Gas mehr zu verkaufen gibt.

Mehr als eine Billion Euro stecken inzwischen in dem Fonds, rund 200.000 Euro für jeden Einwohner, angelegt in Aktien, Anleihen und Immobilien in aller Welt, mit strengen ethischen Vorgaben. Aus Firmen, denen Umweltsünden oder Kinderarbeit nachgewiesen wird, steigt der Fonds aus.

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Für die staatlichen Vermögensverwalter ist die gegenwärtige Situation besonders reizvoll. Der hohe Gaspreis bringt viel Geld, das es neu anzulegen gilt. An den Börsen sind die Kurse gefallen. Die Norweger können jetzt also günstig Aktien kaufen. Wenn die Kurse eines Tages wieder steigen, werden sie hohe Renditen verbuchen. Genauso war es nach der Finanzkrise 2008/2009.

Auch Norwegen hat eine Energiekrise

Der Fonds beantwortet indes nicht alle moralischen Fragen, die das Geschäft mit Öl und Gas aufwirft. Der Stoff, den Norwegen verkauft, setzt anderswo massenhaft Kohlendioxid frei. Fürs Klima ist das schlecht. Die Norweger haben das lange ausgeblendet. Ihren eigenen Strom stellen sie schließlich fast komplett aus Wasserkraft her. Zuletzt mehrten sich aber die Stimmen, die einen raschen Ausstieg aus dem Öl- und Gasgeschäft fordern. Die Offshore-Branche hält dagegen, dass nirgendwo sonst auf der Welt so hohe Umweltschutzstandards eingehalten werden wie in Norwegen, weshalb das Land – um des Klimas willen – als allerletztes aus der Förderung aussteigen solle. Nun werden die Förderplattformen nach und nach mit Seekabeln ans Stromnetz angeschlossen. Um Pumpen und Kompressoren zu betreiben, müssen sie nicht mehr das eigene Gas verfeuern, sie können Wasserkraft vom Festland nutzen.

Das ist jede Menge Aufwand, um nicht als Klimakrisenprofiteur dazustehen. Ein Gasrabatt hätte den Vorwurf entkräftet, zu den Kriegsgewinnlern zu zählen.

Dass es dafür trotzdem keine Chance gibt, hängt mit einem sehr speziellen norwegischen Problem zusammen. Das Land exportiert nicht nur Öl und Gas, sondern auch Strom aus Wasserkraft ins Ausland. Dafür wurden Kabel nach Dänemark, Großbritannien, in die Niederlande und nach Deutschland verlegt. Stehen dort die Windräder still, fließt Strom aus Norwegen hindurch. Drehen sich die Räder, ist es umgekehrt.

Unterm Strich verdient Norwegen auch an diesem Geschäft. Rund 1,8 Milliarden Euro Überschuss meldet der Stromnetzbetreiber Statnett für das laufende Jahr. Für die norwegischen Stromverbraucher fühlt sich das jedoch anders an. Sie sind Preise von weniger als 10 Cent je Kilowattstunde gewöhnt. Viele heizen mit Strom und kommen deshalb auf einen hohen Verbrauch, typischerweise haben sie Stromverträge mit variablen Preisen, die sich nach der Strombörse richten. Außerdem unterscheiden sich die Tarife regional. Die Auslandskabel sorgen nun vor allem im bevölkerungsreichen Süden für höhere Preise. Dort kostete eine Kilowattstunde im August vorübergehend mehr als 60 Cent, sechsmal so viel wie vor dem Beginn des Kriegs in der Ukraine. Dagegen regte sich derart heftiger Protest, dass die Regierung beschlossen hat, den Stromverbrauch von Privathaushalten und Betrieben bis zum kommenden Frühjahr kräftig zu subventionieren.

„Wir sollten Kriegsprofite zurückgeben“

Es wäre innenpolitisches Harakiri gewesen, in dieser Lage einen Rabatt auf Energieexporte in jene Länder zu gewähren, die nach Ansicht vieler Norweger mitverantwortlich sind für ihre eigenen hohen Stromrechnungen.

Für Gewissensbisse wegen der hohen Gasgewinne bleibt da wenig Spielraum. Im norwegischen Parlament haben bisher nur die Grünen eine Alternative zum Abkassieren vorgeschlagen. An Deutschlands Nöte denken aber auch sie dabei nicht in erster Linie. Sie wollen einen Teil der Profite in einen Wiederaufbaufonds für Osteuropa und die Ukraine stecken. „Der Krieg bringt uns dieses Jahr Mehreinnahmen, die hundertmal so hoch sind wie unsere Hilfsleistungen für die Ukraine“, rechnet der Abgeordnete Rasmus Hansson vor. „Wir sollten diese Kriegsgewinne an die zurückgeben, denen der Krieg am meisten schadet.“

Ein frommer Wunsch. In Norwegen sind die Grünen, anders als in Deutschland, nicht in der Regierung. Immerhin haben sie bei den Wahlen im vorigen Jahr zugelegt. Jetzt ist Hansson nicht mehr der einzige grüne Abgeordnete im Parlament. Sondern einer von dreien.