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Foodwatch-Recherche zu Werbeversprechen Was Lebensmittelfirmen als »klimaneutral« bezeichnen
»CO₂-neutral« oder gar »klimapositiv«: Viele Unternehmen werben mit besonderen Versprechen auf ihren Produkten. Bei genauerem Hinsehen bleibt davon aber wenig übrig, wie ein Report zeigt. Von Nicolai Kwasniewski DER SPIEGEL -24.11.2022,
Vier von Foodwatch kritisierte Produkte: Hipp Babybrei mit Rindfleisch, Granini Orange-Mango-Saft, Volvic-Mineralwasser und Aldi-Landmilch
Die Weltklimakonferenz COP27 ist mit ernüchternden Ergebnissen zu Ende gegangen – viele dürften sich fragen, was sie selbst für den Klimaschutz tun können, wenn schon die Weltgemeinschaft versagt.
Praktischerweise bieten immer mehr Unternehmen einen CO₂-Ablasshandel an: Da sollen beispielsweise weniger als 70 Euro reichen, um leichten Gewissens mit der Familie nach Mallorca zu fliegen. Ein kleiner Automobilklub pflanzt in Zusammenarbeit mit dem Agrarunternehmen BayWa
gegen Bezahlung Bäume in einem deutschen »Klimawald«. Für 250 Euro im Jahr fährt demnach dann auch das SUV angeblich »klimaneutral«.
Nun kann man den eigenen Pkw vielleicht abschaffen und Flugreisen vermeiden. Lebensmittel dagegen braucht jeder, und da ist es für Verbraucher besonders schwierig abzuschätzen, wie stark der Anbau, die Produktion, der Transport das Klima belastet.
Die Lebensmittelindustrie hat das erkannt und bewirbt Produkte zusehends mit Versprechen wie »CO₂-neutral« oder gar »klimapositiv«. Was das genau heißt, ist für Konsumenten kaum nachvollziehbar – dabei vertrauen mehr als zwei Drittel darauf , dass »klimaneutrale« Produkte wirklich umweltfreundlich sind .
Zuverlässig und wahrhaftig sind die Aussagen aber wohl kaum, wie die Verbraucherorganisation Foodwatch in einem neuen »Klimareport« berichtet. Auch der SPIEGEL hat über die Intransparenz der Anbieter von CO₂-Kompensationen geschrieben, über den Ablasshandel mit Waldprojekten
und über Widerstand aus den Ländern , in denen Bäume gepflanzt werden. Und auch darüber, wie Konzerne sich CO2-arm rechnen .
Für den aktuellen Report hat Foodwatch das profitable Netzwerk der CO₂-Kompensation und exemplarisch fünf Produkte aus dem deutschen Lebensmitteleinzelhandel untersucht. Rauna Bindewald von der Organisation zieht ein bitteres Fazit: »Hinter dem Klimaneutral-Label steckt ein Riesenbusiness, von dem alle profitieren – nur nicht der Klimaschutz.«
Und so funktioniert das Geschäft mit dem guten Gewissen:
Das Ausmaß
Werbung mit Klimaversprechen ist keine Nische: Die Europäische Kommission hat 2020 mehr als 1400 Lebensmittel untersuchen lassen , jedes zehnte Produkt trug einen Klima-Claim. Bei Eiern und Olivenöl war es sogar jedes vierte, bei Milch, Orangensaft, Tomaten und Reis etwa jedes sechste.
Tatsächlich ist der Lebensmittelsektor für die CO₂-Bilanz relevant und verursacht rund 30 Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen . So stoßen Kühe das klimaschädliche Methan aus, für die Produktion von Dünger, den Betrieb der Maschinen und für Verpackungen wird Erdöl benötigt.
Das Vorgehen
Viele Lebensmittelhersteller machen es laut dem Foodwatch-Report wie Privatpersonen – sie kaufen CO₂-Gutschriften aus Projekten, die dem Klima helfen sollen. Dafür werden Bäume gepflanzt, Müll gesammelt oder Kompost angelegt – alles gut für Umwelt und Klima, vermeidet aber nicht die Emissionen, die bei der Produktion des Lebensmittels entstehen.
Zudem ist die Verbrennung von Kohlenstoffen wie Gas oder Erdöl endgültig, während neu gepflanzte Bäume unter Umständen wieder abbrennen, von Stürmen entwurzelt oder gefällt werden.
In einer größeren Untersuchung hat das Freiburger Öko-Institut im Jahr 2016 Hunderte sogenannte Klimaschutzprojekte analysiert . Das Ergebnis: Nur zwei Prozent halten sehr wahrscheinlich, was sie versprechen. Die übrigen erfüllen die Anforderungen nicht: So basiert die Höhe der CO₂-Einsparung auf nicht verifizierbaren Szenarien, und Waldprojekte können Bäume doppelt verbuchen, obwohl sie nur einmal zum Klimaschutz beitragen.
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Das Netzwerk
Klimasiegel sind ein gutes Geschäft, im vergangenen Jahr wurden mit dem Verkauf von CO₂-Gutschriften mehr als eine Milliarde Dollar umgesetzt . Und davon profitiert ein ganzes Ökosystem.
Projektbetreiber wie BayWa mit dem »Klimawald« verkaufen Gutschriften für ihre Unternehmungen. Foodwatch hat sich das Tambopata-Waldschutzprojekt in Peru genauer angesehen und schätzt, dass damit 55 Millionen Dollar eingenommen wurden. 30 Prozent davon sollten laut dem Projektbetreiber an Paranuss-Bauern gehen, damit die nicht aus wirtschaftlicher Not den Regenwald abholzen. In den ersten zehn Projektjahren bekamen die Landwirte allerdings kein Geld, sondern laut einer beteiligten Firma »Schulungen zum Anbau, zur Ernte und Verarbeitung von Paranüssen« und andere Hilfen. Foodwatch verweist darauf, dass die Entwaldung seit Projektbeginn nicht abgenommen, sondern sich fast verdoppelt hat.
Betreiber von Standards wie dem Verified Carbon Standard (VCS) oder dem Gold Standard überprüfen die Projekte und vergeben im Erfolgsfall ein Siegel. Das lassen sie sich gut bezahlen, der VCS-Verwalter Verra gab 2020 weniger als die Hälfte der Einnahmen wieder aus .
Zertifizierer/Gutachter und Ratingagenturen: Unternehmen wie TÜV, SCS, S&A Carbon und andere prüfen, ob sich die Projektbetreiber an die Standards halten – natürlich gegen Bezahlung. Außerdem im Spiel: Ratingagenturen, die einzelnen Projekten Glaubwürdigkeitsnoten geben – ebenfalls gegen Geld.
Zwischen Projektbetreibern und Unternehmen, die sich mit einer »klimaneutral«-Werbung schmücken wollen, sitzen Makler, die die CO₂-Gutschriften vermitteln – und eine kräftige Marge einstreichen. Foodwatch beziffert den Aufschlag in mindestens einem Fall auf mehr als 75 Prozent, andere Vermittler sichern sich offenbar eine noch höhere Marge .
Der Ablass
CO₂-Gutschriften sind für Unternehmen nicht nur der leichteste, sondern auch der billigste Weg, sich ein klimabewusstes Image zu geben: 2021 kostete die »Klimaneutralität« im Schnitt lediglich vier Dollar pro Tonne CO₂.
Fünf Beispiele:
Foodwatch hat fünf Lebensmittel genauer untersucht: »klimapositiver« Babybrei mit Rindfleisch von Hipp, »klimaneutrale« Milch von Aldi, »klimaneutrales« Wasser von Volvic, »CO₂-neutralen« Fruchtsaft von Granini und »klimaneutrale« Salami-Tiefkühlpizza von Gustavo Gusto. Die Verbraucherschützer halten alle für irreführend:
- Danone bewirbt sein Volvic-Mineralwasser als »klimaneutral«, obwohl es in Einweg-Plastikflaschen verpackt und Hunderte Kilometer aus Frankreich importiert wird. Foodwatch verweist darauf, dass Verbraucher das Danone-Produkt für klimafreundlicher halten könnten als Leitungswasser – was ein Fehlanreiz für die Umwelt wäre. Danone erklärt auf seiner Website , dass das gesamte Unternehmen bis 2050 klimaneutral arbeiten will und verweist darauf, dass die Marke Volvic von der Firma The Carbon Trust zertifiziert wurde.
Granini kompensiert nicht etwa die Emissionen für den Anbau oder Transport von Mango oder Ananas oder die Herstellung der Flaschen, sondern vor allem Emissionen an den eigenen Standorten – laut Foodwatch entspricht das sieben Prozent der Gesamtemissionen. Im Nachhaltigkeitsbericht der Firma heißt es: »Im Jahr 2020 haben wir einen CO₂-Fußabdruck für die Eckes-Granini Gruppe erstellt: Wir haben 25.896 Tonnen Scope 1- und 2-Emissionen und 595.635 Tonnen Scope 3-Emissionen ausgestoßen .« Das bedeutet, der Großteil der Emissionen beispielsweise bei Saft geht auf den Transport und den Anbau der Früchte zurück. Der CO₂-Ausstoß des Betriebs wie beispielsweise der Stromverbrauch, in dem Text Scope 1 und 2 genannt, hat demnach nur einen sehr geringen Anteil – und kompensiert hat die Firma 2021 laut eigenen Angaben insgesamt lediglich gut 43.000 Tonnen.
Foto: Foodwatch
- Hipp kauft CO₂-Gutschriften für ein Kompostprojekt in Südafrika und ein Waldschutzprojekt in Simbabwe. Weil ein Glas Babybrei mit Rindfleisch rechnerisch für 319 Gramm CO₂ verantwortlich ist, Hipp aber Gutschriften für 350 Gramm kauft, hält es seine Beikost für »klimapositiv«. Die Kosten: 0,2 Cent pro Glas. Hipp selbst veröffentlicht seine Nachhaltigkeitsbemühungen auf der eigenen Website und verweist auf die Vorreiterrolle, die das Unternehmen schon seit den Neunzigerjahren eingenommen habe.
Foto: Foodwatch
- Aldi verkauft seit November 2020 »klimaneutrale« Milch, ohne zunächst überhaupt zu wissen, wie viel CO2 bei der Produktion ausgestoßen wird . Die Datenerfassung sollte bis Oktober 2022 abgeschlossen sein, verbindliche Reduktionsmaßnahmen für die Landwirte aber gab es nicht – obwohl 89 Prozent der Emissionen für die Aldi-Milch der Molkerei zufolge aus Milchproduktion stammen .
Mittlerweile entfernte Klimawerbung auf Gustavo-Gusto-Pizza
- Gustavo Gusto hat die Werbung »klimaneutrales Produkt« für seine Pizza mit CO₂-intensiven Produkten wie Salami und Käse während der Foodwatch-Recherche von den Verpackungen entfernt – und an die Organisation geschrieben: »Nachdem zuletzt, wie Sie wissen, vermehrt Diskussionen aufgekommen sind, unter welchen Voraussetzungen in Kurzform mit der Klimaneutralität von Produkten geworben werden darf und Dritte insoweit auch in gerichtliche Auseinandersetzungen verwickelt waren, haben wir uns entschieden, das Siegel vorerst von unseren Verpackungen zu nehmen.« Foodwatch lobt das Unternehmen immerhin dafür, dass es bereitwillig detaillierte Informationen geliefert hat .
Für Verbraucher ist es im Supermarkt so gut wie unmöglich, die Klimafreundlichkeit eines Lebensmittels einzuschätzen. Foodwatch fordert von der EU und der Bundesregierung deshalb, Werbung mit Begriffen wie »klimaneutral«, »CO₂-neutral«, »klimapositiv« oder »CO₂-positiv« grundsätzlich als irreführend zu verbieten. Zusätzlich sollten Unternehmen im Lebensmittelsektor und die Landwirtschaft gesetzliche Vorgaben bekommen, CO₂-Emissionen zu senken.
Vor fast fünfundzwanzig Jahren hat sich die EU schon einmal mit Werbeaussagen auf Lebensmitteln beschäftigt, damals ging es um gesundheitsbezogene Slogans (»Health Claims«). Am Ende stand eine Verordnung, die diesen Aussagen enge Grenzen setzt. Ende November wird ein Entwurf für eine »Green-Claims-Verordnung« von der Europäischen Kommission erwartet – gut möglich, dass fragwürdige Klimaversprechen künftig verboten werden.