THEO VAN GOGH: HAMBI & LÜTZI UND FECHENHEIMER WALD (FFM) – WER DIESE VERTEIDIGT IST : „KLIMATERRORIST!“
Klimawandel : Was Wiederaufforstung bringt – und was nicht
- Von Pia Heinemann FAS 9.01.2023-Lässt sich Rodung durch das Pflanzen von Bäumen wettmachen? Eine Studie hat die Kohlenstoffbilanz von abgeholzten Wäldern über Jahre hinweg vermessen. Sie kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.
Das Gewissen lässt sich schnell beruhigen. Wer heutzutage einen Flug bucht, kann als Ausgleich einfach Geld zur Aufforstung von Wäldern dazukaufen. Damit wird, so die Idee, die Kohlendioxid-Schuld, die man sich mit dem Flug aufgehalst hat, mit lebendigen Bäumen ausgeglichen. Sie sollen das klimaschädliche Gas wieder aus der Atmosphäre ziehen. Es kursiert sogar die These, dass die jungen, nachwachsenden Bäume wegen ihres schnellen Holzwachstums mehr Kohlenstoff binden, als es die alten Bäume getan hätten. Es ist ein grüner Ablasshandel, aber er hat einige Tücken.
Denn ganz so einfach ist die Rechnung nicht, wie eine neue Studie im Fachjournal „PNAS“ zeigt. Für diese hat ein Forscherteam um Maria Mills von der Universität Leicester mit zwei verschiedenen Methoden gemessen, wie viele Klimagase von abgeholzten Flächen in den zehn Jahren nach der Abholzung von Boden und den Gewächsen abgesondert werden – und wie viel aufgenommen wird. Es wurde auch berücksichtigt, wie viel Kohlenstoff durch die das Totholz zersetzenden Mikroorganismen aufgenommen und abgegeben wird.
Die Wissenschaftler führten die Messungen über sieben Jahre hinweg an elf abgeholzten Flächen in Malaysia durch: Manche von ihnen waren massiv, andere nur zum Teil gerodet worden. Das Ergebnis: Alle Flächen waren über mindestens ein Jahrzehnt hinweg eine Nettokohlenstoffquelle. An 99 Prozent der insgesamt 455 Messtage sonderten sie mehr Kohlenstoff ab, als sie aus der Atmosphäre aufnahmen.
Verschiedene Zeitskalen
Die Datenerhebung und die Ergebnisse seien „solide“, bewertet Julia Pongratz die Studie. Sie ist Klimaforscherin und Professorin für Geografie an der LMU München und untersucht die Rolle von Aufforstungen und Wäldern für den Klimaschutz. Sie betont aber auch, dass die Studie nur einen – in Dimensionen von Wäldern gesprochen – recht kurzen Zeitraum umfasst. „Auf solch kurzen Zeitskalen schlagen die Effekte, die Kohlendioxid ausgasen, im Vergleich viel stärker zu Buche.“
Es ist leicht nachvollziehbar, dass in den ersten Jahren nach einem Holzeinschlag durch die diversen Zersetzungsprozesse am Boden viel Kohlendioxid frei wird. Blätter verrotten, Totholz verfault und Wurzeln vermodern. Je weiter dieser Abbau vorangeschritten ist, umso weniger Kohlendioxid wird aber frei. Zudem wachsen die neuen Bäume und binden mehr Kohlendioxid. „Nur eine volle Lebenszyklusanalyse würde Klarheit bringen, wie sich die CO2-Bilanz ausgestaltet“ – wenn also der Wald über viele Jahrzehnte bis zum vollständigen Aufwachsen untersucht wird und auch die Verwendung der Produkte miteinbezogen wird, für die das Holz anschließend genutzt wird.
Auch Almut Arneth, die am Karlsruher Institut für Technologie die Abteilung Ökosystem-Atmosphäre-Interaktionen leitet, beurteilt das Studiendesign und die Ergebnisse positiv. „Die Autorinnen haben absolut recht: Die Bodenkomponente fällt häufig unter den Tisch, wenn es um den Einfluss von Holzeinschlag auf die Funktion von Wäldern als Kohlenstoffsenke geht.“ Oft werde die Bodenatmung nicht berücksichtigt. Wie lange deren Effekt nach der Rodung anhalte, sei aber eine andere Frage. „Dies ist sehr unterschiedlich zwischen Standorten – das mag eine Dekade sein oder länger, in anderen Wäldern und Regionen auch kürzer.“
Was passiert später mit dem Holz?
Die Studie wirft auch ein Schlaglicht auf die Rolle des Totholzes. Ob man dies in gerodeten Wäldern belassen und es dort verrotten lassen sollte oder nicht, ist unter Forstwissenschaftlern umstritten. Einerseits ist Totholz wichtig für die Biodiversität: Es sorgt dafür, dass wichtige Mineralstoffe dem Boden wieder zurückgegeben werden, und spielt für den Wasserhaushalt in Ökosystemen eine wichtige Rolle. Andererseits aber wird es, wie auch diese Studie zeigt, „veratmet“ – setzt also Kohlendioxid frei. Zudem kann Totholz gerade in trockeneren und heißeren Regionen bei Waldbränden ein Zündstoff sein.
Julia Pongratz sagt, dass eine Entnahme und Nutzung der toten Äste und Wurzeln aus den abgeholzten Flächen die Kohlendioxid-Bilanz verbessern könnte, wenn sie zu langlebigen Holzprodukten verarbeitet würden. „Ein Verbrennen als Bioenergie hingegen würde das Kohlendioxid noch schneller in die Atmosphäre zurück entlassen als das langsame Verrotten im Wald.“
Almut Arneth sieht die Diskussion um das Potential der Wiederaufforstung generell kritisch. „Der Klimawandel erfordert schon seit Jahren eine rapide, massive Reduktion der fossilen Emissionen, die aber immer noch nicht stattfindet“, sagt sie. Die Debatte um den zusätzlichen – sprich durch Aufforstung – erwarteten Beitrag der Wälder lenke davon eher ab. „Gerne Wälder, Savannen, Grasländer, Moore wieder renaturieren, wo es geht – keine Frage“, sagt Arneth. „Das kann sicher einen weiteren Beitrag zu Klimawandelminderung leisten – mit Riesenmehrwert für Biodiversität und andere Ökosystemleistungen. Aber bitte da ansetzen, wo es nottut, und das sind die fossilen Emissionen.“
Das schlechte Gewissen wegen einer Flugreise mag sich also mit dem Ablasshandel des Aufforstens leicht beruhigen lassen. Ein Blick auf die Faktenlage aber zeigt: Bäumepflanzen hilft kurzfristig nicht gegen den Klimawandel.