THEO VAN GOGH GEGEN DIE REGEL: TECHNO FORTSCHRITT MACHT ÄRMER !

Technologische Revolution : Top-Ökonom Acemoğlu: Facebook und Google sind zu mächtig  / ChatGPT

  • Von Johannes Pennekamp FAZ -Aktualisiert am 16.02.2023-Spitzenforscher Daron Acemoğlu warnt vor schädlichen Wirkungen neuer Technologien und Künstlicher Intelligenz. Im Gespräch mit der F.A.Z. formuliert er radikale Forderungen – und positioniert sich auch zu ChatGPT.

Daron Acemoğlu ist der derzeit vielleicht einflussreichste Ökonom der Welt. Seine Publikationsliste wächst in atemberaubenden Tempo. Alleine in diesem noch jungen Jahr hat der Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) mehr Forschungspapiere in hochkarätigen Fachjournalen untergebracht als viele andere Ökonomen in ihrer ganzen Karriere: versagende Versicherungsmärkte, frühkindliche Bildung, Essensgutscheine in Indonesien – der Mann, der als künftiger Nobelpreisträger gehandelt wird, bespielt eine enorme Themenbreite.

Und auch als Bestsellerautor ist er schon in Erscheinung getreten. Sein vor einem Jahrzehnt erschienene Buch „Why nations fail“ (Warum Nationen scheitern) lieferte neue Erklärungen für den Erfolg und Misserfolg von Staaten. Es wurde weit über die Fachwelt hinaus gelesen und rezipiert.

Neues Buch als Appell

Im Mai wird nun sein neues, womöglich ähnlich wichtiges Buch erscheinen. Es wird den Titel „Power an Progress“ (Macht und Fortschritt) tragen und ist gemeinsam mit Simon Johnson, dem früheren Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, entstanden. Das Buch ist ein Appell gegen einen blinden Technikoptimismus und warnt davor, dass neue Technologien nicht nur Fortschritt bringen, sondern auch großen Schaden anrichten können.

Das machte Acemoğlu am Mittwochabend bei einem Onlinevortrag für das Schweizer Beratungsunternehmen Fehr Advice &Partners deutlich. Kritisch wandte sich der 55-Jährige gegen den in seinen Augen tief verankerten Glauben, dass neue Technologien automatisch die Produktivität der Unternehmen erhöhen und dies wiederum zwangsläufig zu höheren Löhnen für die Beschäftigten führe, „Wir denken, dass dieser Glaube gefährlich und falsch ist“, sagte Acemoğlu.

Er untermauerte seine These mit zahlreichen historischen Beispielen. Zwar sei der technische Fortschritt unentbehrlich für die steigenden Lebensstandards in den vergangenen 250 Jahren gewesen. Doch ob Innovationen der breiten Masse zugute kommen oder nicht vielmehr auf Kosten vieler Menschen gingen, sei nicht gesagt. In der ersten Phase der Industriellen Revolution etwa, sind Produkte zwar in Masse produziert und erschwinglicher geworden. Die Arbeitsbedingungen hätten sich aber verschlechtert und die Löhne über Jahrzehnte stagniert, während einzelne Unternehmer hohe Gewinne erwirtschaftet hätten, so der Forscher.

In der aktuellen Innovationsphase erkennt Acemoğlu zahlreiche Entwicklungen wieder. So seien die Fabriken zwar moderner geworden und Computer hätten den Menschen viel Arbeit abgenommen. Doch vor allem in Amerika hätten davon nur bestimmte Gruppen profitiert:

Seit dem Beginn der achtziger Jahre sei die Ungleichheit dort stark gewachsen, einfache Arbeiter hätten Lohnverluste hinnehmen müssen. Acemoğlu fürchtet, dass sich diese Entwicklung wegen großer technologischer Sprünge nun fortsetzen wird. Besonders treiben den türkischstämmigen Forscher zwei Entwicklungen um: erstens die zunehmende Macht großer Digitalkonzerne wie Google und dem Facebook-Mutterkonzerns Meta, die Daten von vielen Millionen Nutzern sammeln und von wenigen Menschen gelenkt werden; zweitens der Missbrauch neuer technischer Möglichkeiten zu Überwachungszwecken durch Regierungen.

Im Gespräch mit der F.A.Z. und Journalisten aus Österreich und der Schweiz erläuterte Acemoğlu, was aus seiner Sicht nötig sein, um sicherzustellen, neue Technologien wie die Künstliche Intelligenz (KI) in die richtige Richtung zu lenken: Bislang habe man zu sehr auf moralische Appelle an die Tech-Milliardäre gesetzt, die neuen Technologien verantwortungsvoll und im Sinne der Gesellschaft einzusetzen – und zu wenig auf staatliche Regulierung.

„Wenn es die Regulierung nicht erfordert, kann man von den Konzernen nicht erwarten, etwas anderes zu verfolgen als die Interessen ihrer mächtigsten Manager“, sagte Acemoğlu mit Blick auf Tech-Größen wie Mark Zuckerberg (Meta), Elon Musk (Twitter) oder den neuen Star der KI Sam Altman (OpenAI). Die Europäische Union mit seiner vergleichsweise strengen Internetregulierung hob der Forscher positiv hervor, sie müsse aber noch viel enger mit den amerikanischen Regulierungsbehörden verzahnt werden. Auch höhere Steuern und größere Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zählen zu den Instrumenten, mit denen die Konzerne zu zähmen seien.

Acemoğlus Hauptforderung zielt darauf, Internet- und Technologiekonzerne mit staatlicher Macht in eine gesellschaftlich „nützliche“ Richtung zu lenken. Auf die Frage, woher der Staat besser als die Unternehmern, Ingenieure und Millionen Nutzer wissen soll, was nützlich sei, erwiderte der Forscher: Er behaupte keineswegs, dass Bürokraten in der Verwaltung besser beurteilen können als Unternehmer, welche Technologien funktionieren werden. Die Regierungen hätten aber die Verantwortung zu entscheiden, wie diese Technologien eingesetzt werden sollen. Als Beispiel nannte er die Kerntechnik: „Regierungen müssen nicht wissen, wie die Kerntechnik genau funktioniert. Aber sie entscheiden, ob die Technik zur friedlichen Nutzung verwendet werden darf oder nicht.“

Facebook ist zu groß

Ist es am Ende nötig, Tech-Konzerne wie Google zu zerschlagen, um möglichen Schaden für Nutzer und Angestellte zu verhindern? Acemoğlus Antwort ist eindeutig: „Ja, ich denke schon.“ Der Teufel stecke zwar im Detail und er selbst fühle sich im Fall von Google nicht qualifiziert, diese Entscheidung endgültig zu treffen. Aber er sehe, dass Google zu groß sei, „größer als jedes andere Unternehmen der Geschichte gemessen an seinem Wert“.

Die Synergien in dem Mutterkonzern Alphabet entstünden in erster Linie durch das Anhäufen von Daten, die ausgewertet würden, was aus seiner Perspektive nicht besonders nützlich oder innovativ sei. „Ich sehe zum Beispiel nicht, warum Youtube Teil von Google sein sollte“, kritisierte er. Der Fall Google sei vergleichsweise kompliziert, einfacher sei die Sache bei Facebook und dem ebenfalls zum Meta-Konzern gehörenden Mitteilungsdienst WhatsApp. „Diese beiden Dienste zu kombinieren ist, ist keine große synergetische Leistung, die zu Innovationen führt. Vor zwei oder drei Jahrzehnten wäre diese Fusion nicht genehmigt worden“, sagte Acemoğlu – und schlussfolgerte: „So große Konzerne haben zu viel politische und gesellschaftliche Macht und zu sie haben zu viel Einfluss über die Richtung, die Innovationen einschlagen. “

Sorgen, ob er selbst bald wegen technologischer Innovationen und Künstlicher Intelligenz ersetzbar werden könnte, macht sich Acemoğlu übrigens nicht. „Nein, ich denke nicht“, antwortet er auf die Frage, ob das derzeit viel diskutierte Sprachprogramm ChatGPT bald wissenschaftliche Spitzenleistungen erschaffen könne. Das Programm sei darauf ausgelegt, bestehendes Wissen zusammenzufassen und wiederzugeben. Für höhere Aufgaben fehle schlicht an der nötigen Kreativität.