THEO VAN GOGH : FÜR KARL MAY – DOMUS AUREA !

Der Brand der großen Bibliothek – von  Anne + Patrick Poivier (Gegen die Eroberer & Vernichter unserer Kultur)

Die dunkle Masse dessen, was einst die Große Bibliothek war, erhob sich in einem dem Hafen nahegelegenen Viertel.

Es war die größte Bibliothek, die je existierte, und die besten Architekten der bekannten Welt hatten erbittert um die Ehre gestritten, sie erbauen zu dürfen.

Sie entwarfen ein Gebäude von seltener Komplexität, das seiner Aufgabe, riesiges Sammelbecken für das Weltwissen zu sein,

gerecht zu werden vermochte.

Dieses Bauwerk war der Stolz jenes Volkes,

das seinen Einfluß (seine Herrschaft) auf nahezu alle erforschten Länder

ausgedehnt hatte,

und dessen verwegene Seefahrer von ihren Expeditionen alles mitbrachten,

was die zahllosen Säle der Bibliothek bereichern konnte

– ohne die geringste Achtung für die Völker, deren Erbe sie plünderten.

Sie glaubten sich im Besitz allen Wissens und des Gedächtnisses der Welt.

Sie gaben sich das Recht,  Wächter und Herren über Erinnerung und Vergessen der Erdvölker zu sein. Sie eigneten sich die gefährliche Macht an,

Hüter des Ursprungs (ihres Ursprungs) zu sein.

 

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen,  die zum Schutz der unschätzbaren Bibliothek getroffen wurden und einer noch immer ungeklärten Ursache zufolge,

brach Feuer aus. Es ergriff rasch die mit kostbaren Büchern gefüllten Säle, und alle Mühe, ihm Einhalt zu gebieten, war vergeblich.

Im Schutt fand man lediglich winzige Bruchstücke, vereinzelte Texte, deren Herkunft oft nicht mehr zu erkennen war.

 

Der Versuch, diese verstreuten Texte wieder einzuordnen,

kostete beträchtliche Arbeit.

Die Quellen waren verlorengegangen.

Die Reliquien, aus ihrem Zusammenhang gerissen und getrennt vom Mythos,

der sich mit ihrem Urheber verband, verwiesen nurmehr auf sich selbst.

Die Mehrzahl der Biographien, Texte und Theorien, die sich auf Künstler und Schriftsteller bezogen, waren ein Opfer der Flammen geworden.

 

Alle allgemeingültigen Urteilskriterien waren verschwunden. Das Kunstwerk war auf sein Bild,

der Text auf seinen Inhalt reduziert.

Manche Werke, die bis dahin als zweitrangig alten, wurden unter die größten Kunstwerke gerechnet, während andere, einstmals bejubelt,

jetzt lächerlich schienen in ihrer Bruchstückhaftigkeit.

 

 

Saal der Enzyklopädien

Saal der Thesen

Saal der Antithesen

Saal der politischen Utopien

Saal der Sozialutopien

Saal der optischen Täuschungen

Saal der falschen Perspektiven

Saal der photographischen  Täuschungen

Saal der utopischen Architektur

Saal der symmetrischen Architektur

Saal der anarchischen Architektur

Saal der schwarzen Architektur

Saal der Wörter

Saal der Kultgeräte

Saal der Epen

Saal der Schlachtennamen

Saal der Invasionen and Zerstörungen

Saal der architektonischen Täuschungen

Saal der Sprachaufzeichnungen

Saal der Gesangsaufzeichnungen

Saal der Instrumentalaufzeichnungen

Saal der Stammbäume

Saal der Titel auf Auszeichnungen

Saal der Namen verschwundener Städte

Saal der geographischen Karten

Saal der Partituren

Saal der historischen Gestalten

Saal der mytischen Gestalten

Saal der historischen Ereignisse

Saal der Biographien

Saal der Autobiographien

Saal der Porträts

Saal der Selbstporträts

Saal der Kunst‑ and Literaturtheorien

Saal der Anthropomorphien

Saal der Herbarien

Saal der Genozide

Saal der Totenmale

Saal der Zoomorphien

Saal der elegischen Literatur

Saal der Literatur des Herzens

Saal der Bestattungsriten und Gebräuche

Saal der Verzeichnisse der Techniken

Saal der Reiseberichte

Saal der periskopischen Ansichten

Saal der versunkenen Landschaften

Saal der idyllischen Landschaften

Saal der verschwundenen Sprachen und Dialekte

Saal der Namen verschwundener Völker

Saal der Wörterbücher bekannter Sprachen

Saal der Alphabete

Saal der kalligraphischen Zeichen

Saal der kabbalistischen Zeichen

Saal der esoterischen Zeichen

 

Von ganzen Völkern blieben nur die Namen, die einen mythischen Klang annahmen:

 

Adymachiden, lanomiter, Auseer, Kurden, Iothophagen, Palästiner.

 

Sprachen, Dialekte verschwanden oder wurden auf wenige,

nun bedeutungslose Wörter reduziert, deren bloßer Klang indes verzweifelt versuchte, die Existenz  zerstörter Kulturen heraufzubeschwören.

 

In den Archiven fehlten Jahrhunderte historischer Ereignisse.

Ganze Städte, die tatsächlich existierten, wurden restlos verbrannt,

andere hingegen, die nur auf utopischen Architekturaufzeichnungen existiert hatten, blieben von den Flammen verschont.

 

Die Historiker wandten sich mit demselben Ernst den Mythen und der Geschichte zu.

 

Im Schutt fand man ein ausgeglühtes Modell der Bibliothek,

in dessen Inneres das Auge eindringen und darin herumirren konnte.

Es erinnerte an ein freigelegtes Gehirn, dessen Windungen man hätte verfolgen können,

ein verstümmeltes Gehirn,

verstört und mit Gedächtnislosigkeit geschlagen.

 

Sorgfältige Nachforschungen gaben Aufschluß über die Funktion

der zahllosen Säle der Großen Bibliothek.

 

Domus Aurea