THEO VAN GOGH: EINE MEISTERIN DER METAPHER BEGEGNET GROSSER DICHTERIN = „du nicht schreib-schreib-machen – du nicht können!“

Frankfurter Anthologie : Monika Rinck: „am ersten tag des jahres“ – Von Gisela Trahms FAZ –  06.01.2023

Auftakt zu einem neuen Jahr: Das Gedicht einer souveränen Meisterin des Zweifelns, das Empörung über Unrecht und Übel nicht verschweigt und die Aussicht auf Hoffnung nicht verwehrt.

Wie herrlich, Silvester am Meer zu verbringen und danach an den ersten Tagen des neuen Jahres in dicker Jacke den Strand entlang zu wandern, den Blick auf die auslaufenden Wellen gerichtet, während der Wind die Schaumflocken über die Spülzone treibt! Jahr um Jahr habe ich das erlebt, in Belgien, weshalb sich meine Küstenbilder in dieses Gedicht mogelten, ich dachte: Genau, man hat es doch, immer noch, das Er­innerte und Ausgedachte, von einem Jahr ins nächste, so wie die Überschrift weiter fließt in den ersten Vers.

Zwei Personen sind unterwegs, zwei Frauen, die eine spricht und die andere hört zu. Diffuses Licht liegt über der Szene, weiß leuchten die Sandbänke aus dem grauen Atlantik, vielleicht von einem Sonnenstrahl getroffen, doch plötzlich trübt es sich ein und es beginnt zu schneien, „nass und schnell“, bis das kompakte Weiß wohl einzig bei den Schwänen bleibt.

Winter am Meer – für viele eine schauerliche Vorstellung von Kälte und Monotonie, für andere eine Freude. Die Sprechende, vom erst später genannten Ich nur als „sie“ bezeichnet, formuliert ihre Feststellungen unpersönlich („man“) und lässt nach dem positiv klingenden ersten Vers sogleich die bittere Wahrheit folgen: Statt das Meer zu achten und zu schonen, ruiniert „man“ es. Das Licht erlaubt ­keine klare Sicht, der „feste Strick“ kann eine Mole meinen oder die Grenze ­zwischen unterschiedlich beleuchteten Wasser­flächen, als träfen dort zwei ­Meere auf­einander. Viel Zweideutiges, Gegensätz­liches und Unentschiedenes also, Schönheit und Müll, Hell und ­Dunkel, Milc­h und Schnaps, Grau und Weiß.

Ein delikater Job für Dichter

Wieder spricht „sie“, diesmal mit rätselhaftem Bezug: „die quoten sinken“. Welche sind gemeint? Die der Fische im Meer? Die Fangquoten? Die der Touristen oder der Lesenden? „Quote“ ist ein Begriff der Ökonomie, der mit Gewinn oder Verlust assoziiert wird. Hier scheint das „sinken“ einen Verlust anzudeuten, dem jedoch sofort widersprochen wird durch die wiederholte Behauptung: „man hat es doch“, wenn auch mit der Einschränkung: „und sei es / auch nur ausgedacht“. Was immer mit „es“ gemeint ist (das Meer, das Licht, das Landschaftsbild, das Glück), es bleibt als Wahrgenommenes im Kopf, als Erinnerung oder Wunsch, vergegenwärtigt im Gespräch. Das Wort „Meer“ ist immer verfügbar und gehört jedem, aber welch ein Unterschied, ob man wirklich am Meer entlang spaziert, die Meeresluft atmet und mühsam durch den weichen Sand stapft oder ob man ein Gedicht darüber liest und „sand“ als Metapher für „reibung“ und Widerstand versteht. Das Ausgedachte, so der Schluss, muss immer wieder neu geschmirgelt werden, damit es nicht zum Klischee erstarrt. Ein delikater Job für Dichter, kräftezehrend und selten belohnt, auch hier, denn das Schlussbild der Schwäne, die aufgereiht dem Strand entgegenschaukeln, wirkt in der Kombination mit dem strengen „kommando“ fast bedrohlich.

Zu den ersten Tagen des Jahres ge­hört das Innehalten. Was erwarte ich, was wünsche oder fürchte ich, in welche Richtung driftet die Gesellschaft? In Monika Rincks Gedicht meldet sich das Ich mit seinen Fragen erst im drittletzten Vers, doch überraschend emotional. Während die Gesprächsszene zwischen Präteritum und Präsens wechselt, folgt im sechsten Vers ein Sprung ins ge­sicherte Präsens („man hat es doch“), wobei nicht eindeutig festgelegt ist, ob „sie“ spricht oder das Ich einen stummen Einwand erhebt. Erst in den beiden Fragesätzen bekennt die Fragende sich zu ihrer Unruhe und Erschütterung.

Monika Rinck ist eine souveräne Meisterin des Zweifelns und der Rat­losigkeit, bereits in den frühen Texten des bei kookbooks erschienenen Bands „zum fernbleiben der umarmung“ (2007), aus dem diese Skizze eines Neujahrstags stammt. „die welt verglatzt“ heißt es spöttisch im Gedicht auf der Nachbarseite, eine Paraphrase auf Gottfried Benns „Die Welt zerdacht“. Was soll uns helfen, wenn das Denken, statt zu ordnen und zu klären, bloß die Köpfe kahl macht? Besser halten wir uns an die Anschauung, das Gesehene und Lebendige. Die Augen betrachten die Schwäne mit Freude, trotz der strengen Konnotationen von „Kommando“, und die Wellen, mögen sie hier auch aus Zorn über die Verschmutzung des Meeres „krepiert“ genannt werden, rollen mit gewohnter Eleganz ans Ufer. Nicht zuletzt ist es das Wort, das die Empörung über all das Falsche und Unrechte ausdrückt, aber gleichzeitig tröstet, indem es bewahrt: „man hat es doch“, das Rechte und Richtige, in der Sprache, im Sprechen, auch im neuen Jahr.

Monika Rinck: „am ersten tag des jahres“

sagte sie: man mag es hier, das meer, man schätzt es.
obwohl man alles reinkippt, laufen lässt, nicht wahr,
verklappt.
es war hell und doch: hell war es nicht. und war doch hell.
es milchte wie ein schnaps, das licht. an diesem festen strick
ins meer hinein. das graue war gesäumt von bänken. weißen.
die quoten sinken, sagte sie. man hat es doch, und sei es
auch nur ausgedacht, man hat es doch. mit jedem schritt
auf sand, der nur noch reibung ist, ausgedachtes zu erneuern.
will ich weinen? wollen bis ich nichts mehr will? krepierte
wellen schwappten, dann der schneefall, nass und schnell.
und obenauf schaukelten schwäne wie ein kommando.

Monika Rinck: „zum fernbleiben der umarmung“. Kookbooks, Idstein 2007. Vergriffen.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung von Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.