THEO VAN GOGH: EIN BEACHTLICHER DENKER- STETS UNSTEHT! – NACHRUF
Kein Mensch kann sein Inneres anschauen: Ernst Tugendhat wollte die Philosophie von «deutschen Tiefsinnigkeiten» befreien
Ernst Tugendhats Denken kreist darum, was Wahrheit sein könnte. Und ob der Weg zu ihr vielleicht über die Unwahrheit führt. Am Montag ist der grosse Philosoph 93-jährig gestorben.
Thomas Ribi 14.03.2023, 16.30 Uhr NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – In der Philosophie gibt es kein gesichertes Wissen: Ernst Tugendhat in einer Aufnahme aus dem Jahr 2005.
Wie man eigentlich leben müsste? Er wisse es nicht, hat Ernst Tugendhat in einem Interview einmal gesagt. Er habe nur die Sorge, dass er die Hauptsache verpasst haben könnte. Damals war er schon weit über siebzig, ein renommierter Philosoph, der in seiner akademischen Karriere alles erreicht hatte, was man erreichen kann. Als emeritierter Professor der Freien Universität Berlin und gefragter Gastdozent war er über Deutschland hinaus einer der wichtigsten Denker, einzelne seiner Bücher waren Standardwerke geworden. Und doch, sagte er, helfe ihm der Gedanke, «dass man nicht so relevant ist».
Das war nicht Ausdruck von Koketterie, sondern eine Art von höherer Einsicht in das, was am Anfang des Denkens steht: das Staunen über das Sein und die Welt und darüber, dass es diese Welt überhaupt gibt. Die Hauptsache, die er verpasst zu haben fürchtete – Ernst Tugendhat hätte vermutlich gezögert, zu präzisieren, was genau das wäre. Oder hätte vielmehr energisch dafür plädiert, die Frage offenzulassen. Für die Möglichkeit, dass die eigenen Ansichten unwahr sind.
Das Bedürfnis nach Gewissheit
Dass es in der Philosophie kein gesichertes Wissen gebe, war eine der wenigen Gewissheiten, auf die sich Ernst Tugendhat zu stützen wagte. Das Bedürfnis nach Gewissheit hielt er für ein Überbleibsel eines autoritären Bewusstseins, «ein Relikt jener Zeiten, als man glaubte, von den Göttern alles Wesentliche durch Offenbarung zu erhalten». In der Arbeit, mit der er sich 1966 in Heidelberg habilitierte, hatte er energisch dagegen argumentiert, die Frage nach dem Sein in den Mittelpunkt des Denkens zu stellen.
Statt zu fragen, was etwas ist, sollten wir uns damit zufriedengeben, zu begreifen, wie etwas zu verstehen sei, forderte Tugendhat. Die Sachen, heisst das, sind für uns nur über die Sätze zu erreichen, die wir über sie bilden. Weg vom Sein also, hin zur Sprache. Damit verpflichtete Tugendhat die Philosophie auf die Sprachanalyse, die er in den 1960er Jahren bei einem Studienaufenthalt in den USA kennengelernt hatte.
Dass die Philosophie in dem Bewusstsein gründen müsse, das der Mensch von sich selbst hat, wie Descartes statuiert hatte, hielt er für irrig. Wer in sich blickt, sieht nicht viel. Nicht weil es dort nichts zu sehen gäbe, sondern weil kein Mensch in der Lage sei, «sein Inneres anzuschauen», wie er sagte. Was wir über uns selbst zu wissen glauben, ruht auf sprachlich geprägten, gesellschaftlich vermittelten Vorstellungen, von denen wir unser Denken nicht lösen können.
Deutsche Tiefsinnigkeiten
Er habe seine Aufgabe als deutscher Professor darin gesehen, «gegenüber den deutschen Tiefsinnigkeiten für Klarheit zu sorgen», hat Ernst Tugendhat einmal gesagt. Das war vor allem gegen Heidegger gewendet. Den Denker, der Tugendhat für die Philosophie begeistert hatte. Als er fünfzehn war, gab ihm seine Mutter «Sein und Zeit» zu lesen. In Venezuela, wohin seine Eltern wegen ihrer jüdischen Herkunft vor dem Naziregime flüchten mussten. Das Buch liess ihn nicht mehr los. Vielleicht sein ganzes Leben lang nicht.
Nach dem Krieg ging Tugendhat nach Freiburg im Breisgau, um Altphilologie und Philosophie zu studieren. Er nahm an den Seminaren teil, die Heidegger hielt, nachdem dessen Lehrverbot aufgehoben worden war. Jahre später machte er sich selbst Vorwürfe wegen dieser «Versöhnungsgeste» gegenüber Deutschland und dem einst begeisterten Nationalsozialisten Heidegger, den er als verlogen empfand, menschlich wie philosophisch.
Er habe sich in Deutschland lange als Ausländer gefühlt, sagte Tugendhat. Erst die Studentenbewegung von 1968 habe ihn dazu gebracht, sich mit dem Land zu versöhnen. Und vielleicht auch dazu, sich politisch zu engagieren. Für die Liberalisierung des Asylrechts, für die Friedensbewegung und für ethnische Minderheiten. Am Montag ist Ernst Tugendhat 93-jährig gestorben. In Freiburg im Breisgau, wo er seit einigen Jahren wieder lebte.