Teil II) MESOPOTAMIA NEWS : Zeichen der Intoleranz – Von Luise Weidlich, Heidelberg / DIE VERBANNUNG DES EGON FLAIG

Zu dem Artikel „Was ist so ,menschenverachtend‘ an Egon Flaigs Thesen?“ (F.A.Z. vom 15. April): Als ich den Kommentar des ehemaligen Bildungs- und Finanzministers Mecklenburg-Vorpommerns Mathias Brodkorb las, war meine erste Reaktion ein fassungsloses Kopfschütteln über die Forderungen nach einem Vortragsverbot für den Althistoriker Egon Flaig. Dabei war es keineswegs Brodkorb selbst, der eine Ausladung Flaigs für den geplanten Online-Vortrag „Die Grenzen von Machtkonzepten“ an der Universität Osnabrück forderte, sondern vielmehr die Allgemeine Studentenvertretung der Universität.

Eine Institution also, die auch mich persönlich als Studentin der Soziologie im 4. Fachsemester repräsentieren würde, ich studierte in Osnabrück, nicht in Heidelberg. Ich habe daher das dringende Bedürfnis, meinem Unmut und der Verärgerung über eine derartig unreflektierte Forderung Luft zu machen. Es ist zwar nicht meine eigene Studentenvertretung, dennoch bin ich der Meinung, dass jeder Student aufhorchen sollte, wenn es darum geht, welche Meinung in seinem Namen vertreten wird. Der Asta fordert ein Auftrittsverbot, um zu verhindern, dass diskriminierende, verletzende Aussagen des „rechtsintellektuellen“ Egon Flaig unreflektiert eine Bühne gegeben wird. In einer Stellungnahme vom 19. April werden ihm Rassismus, Diskriminierung und „menschenverachtende Thesen“ vorgeworfen. Bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Der Asta selbst versucht mit seinen Forderungen ganz klar den Diskurs zu canceln, indem sie den Referenten bereits im Voraus disqualifiziert.

Ist es aber nicht gerade ein Zeichen von Toleranz, auch andere Meinungen anzunehmen und eventuell zu diskutieren, ob Flaigs Thesen wirklich „menschenverachtend“ sind? Meiner Meinung nach kann man sich einer Meinung nicht ohne Weiteres verschließen und gleichzeitig von sich behaupten, tolerant zu sein! Die anscheinend ernst gemeinten Forderungen des Asta sind somit ein deutliches Zeichen der Intoleranz und Inbegriff einer aus den Vereinigten Staaten stammenden Cancel Culture höchstpersönlich. Die Auswirkung des Auftrittsverbots würden den gesellschaftlichen Diskurs verstummen lassen. Des weiteren sind sie selbst ein Zeichen der Intoleranz, getarnt durch eine Überlegenheit, im Namen des moralisch Richtigen zu handeln. Mir selbst ist die Cancel Culture das erste Mal auf einem Europäischen Salonabend der „Europäer im Gespräch“ im Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) begegnet. Die Gründerin des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“, Sandra Kostner, hielt einen Vortrag über die Identitätspolitik in Amerika und die Gefahren der Cancel Culture für unsere liberale Gesellschaft. Einerseits wurde hier mein Bewusstsein für eine solche Verbreitung von Intoleranz und sozialem Ausschluss gegenüber Andersdenkenden geweckt. Andererseits habe ich persönlich gemerkt, wie wichtig es ist, diesem Trend entgegenzuwirken. Seither engagiere ich mich bei den Europäern im Gespräch. Einer Organisation, die für genau das offene Gespräch steht, welches der Asta in Osnabrück zu unterbinden versucht. Es ist naiv zu glauben, dass durch den Abbruch des Gesprächs alle Probleme gelöst seien.

Luise Weidlich, Heidelberg