Teil I) MESOPOTAMIA NEWS : WEISSER ELEFANT – Die Vertreibung des Althistorikers Egon Flaig vom akademischen Podium der Universität / Geschichtswissenschaft ist Identität & Ideologie
Von Mathias Brodkorb (FAZ) 29 April 2021
Daß Althistoriker auch mehr als ein Jahr nach Beginn der Pandemie Probleme mit moderner Technik haben, konnte man unlängst an der Universi tät Osnabrück beobachten. Bevor Egon Flaig auf Einladung seiner Kollegin Christiane Kunst mit seinem Vortrag „Die Grenzen von Machtkonzepten” vor rund 40 Zuhörern begann, werkelten beide minutenlang vergeblich an den Mikrofoneinstellungen herum: Sabotage!
Caro, Hanna, Lisa, Marco, Thore und Till vom örtlichen Asta, der die Veranstaltung eigentlich verhindern wollte, befanden sich ebenfalls unter den Zuhörern. Zu Wort gemeldet haben sie sich nach Angaben Kunsts allerdings nicht.
Während die Uni-Präsidentin der Veranstaltung im Namen der Wissenschaftsfreiheit den Rücken freihielt, regte sich zunehmend Widerstand beim akademischen Personal der Universität Osnabrück. Technisch pannenfrei begann zur gleichen Zeit ein vom Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung ausgerichtetes digitales Gegenkolloquium. Mit rund 90 Teilnehmern wäre es das größte Kolloquium gewesen, das „wir jemals hatten”, so Christoph Rass stolz und euphorisiert.
Wer sich allerdings eher zufällig in die öffentliche Veranstaltung verirrt hatte, dürfte kaum verstanden haben, worum es eigentlich ging. Denn eine Auseinandersetzung mit den Thesen Flaigs’ blieb trotz’ der vom Veranstalter eingeforderten „sachlichen und offenen Auseinandersetzung” vollständig aus. Stattdessen beschränkte sich Rass auf die Bemerkung, dass gerade “Schreckliches” an der eigenen Universität geschehe.
Und dieses Schreckliche heißt Egon Flaig. Während Flaig andernorts in seinem Vortrag zu begründen versuchte, dass es der Sinn von Geschichtswissenschaft sei, historische Vorgänge zunächst zu verstehen, um in einem zweiten Schritt ihr Zustandekommen erklären zu können, und dies auch für Althistoriker ohne eine politische Soziologie der Macht nicht gehe, versicherten sich die vier Diskutanten der Gegenveranstaltung ihres ganz eigenen Begriffs der Wissenschaft von der Geschichte. Deren Aufgabe sei es nämlich nicht, historische Vorgänge zu erklären, sondern dafür Sorge zu tragen, dass sich alle Menschen, insbesondere Minderheiten, im öffentlichen Bewusstsein angemessen „repräsentiert” fühlten. Es gehe in der Geschichtswissenschaft darum, „Identitäten” weiterzugeben.
Immer wieder kam die Juniorprofessorin und Geschichtsdidaktikerin Yale Yildirim darauf zu sprechen, dass sich Kinder mit Migrationshintergrund in den deutschen Schulbüchern nicht wiederfänden. Schuld daran seien „Machtstrukturen”, die kritisch reflektiert und aufgebrochen werden müssten. Thomas Vogtherr, Leiter des Historischen Seminars an der Universität Osnabrück, freute sich angesichts des Diskussionsverlaufs über den Nachweis, wie „differenziert” Historiker „gegen die schrecklichen Vereinfacher überzeugend Position” beziehen könnten.
Indes scheint Vogtherr seinen Kollegen die im Gegenkolloquium vielbeschworene „Pluralität” mehr zuzutrauen als diese sich selbst. Auf mehrere Anfragen dieser Zeitung antworteten Yildirim und Rass bis Redaktionsschluss nicht.
- Aber nicht nur Althistoriker haben mehr als ein Jahr nach der Pandemie noch immer Probleme mit der Technik. Als mitten im Gegenkolloquium plötzlich ein Countdown am oberen Rand des Bildschirms erschien, ging den Organisatoren ein Licht auf: Man hatte das Ende der Veranstaltung auf 17.30 Uhr programmiert, was sich im Laufe der Sitzung nicht mehr ändern ließ. Rass bemühte sich zwar redlich, in den noch verbleibenden Sekunden Diskussionsteilnehmer und Gäste würdevoll zu verabschieden, aber das System schaltete sich kompromisslos ab. Unterdessen beantwortete Egon Flaig noch eine halbe Stunde lang geduldig die an ihn gestellten Fragen.
Der Autor war Wissenschafts- und Finanz-minister in Mecklenburg-Vorpommem und ist Aufsichtsratsvorsitzender der Uni-versitätsmedizin Rostock und Greifswald.