PROTESTE IN MINSK:Lukaschenka-Gegnerin Kolesnikowa offenbar verschleppt
MESOPOTAMIA NEWS : DIE GROSSE SCHLACHT IST ERÖFFNET / EU SOLLTE SONDERMITTEL FÜR BELARUS VERFÜGBAR MACHEN
- VON FRIEDRICH SCHMIDT, MOSKAU -AKTUALISIERT AM 09.2020-11:43 – FAZ -Die belarussische Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa ist vermutlich festgenommen worden. Sie sei in der Innenstadt von Minsk von nicht identifizierten Personen in einen Kleinbus gezerrt worden, berichtet eine Zeugin.
In Minsk werden Marija Kolesnikowa, ein führendes Mitglied des Koordinationsrats der Gegner von Diktator Alexandr Lukaschenka, und weitere Mitglieder des Gremiums vermisst. Vermutet wird, dass Sicherheitskräfte in Zivil sie festgenommen haben. Eine Augenzeugin berichtete dem belarussischen Newsportal Tut.by, sie habe Kolesnikowa am Montagmorgen im Zentrum der Hauptstadt gesehen und sich umgedreht, als sie gehört habe, wie ein Telefon auf den Asphalt gefallen sei. „Leute in Zivil“ hätten Kolesnikowa in einen Kleinbus gezerrt, der die Aufschrift „Swjas“, „Verbindung“, getragen habe. Einer von ihnen habe das Telefon aufgehoben, sei in das Fahrzeug gesprungen, das dann davongefahren sei.
Der Pressesprecher des Koordinationsrats, Anton Rodnenkow, bestätigte Tut.by, dass Kolesnikowa allein unterwegs gewesen sei; wenig später ging Rodnenkow indes selbst nicht mehr ans Telefon. Gleiches galt für den Sekretär des Koordinationsrats, Iwan Krawzow. Pawel Latuschko, ein Mitglied des Koordinationsrats, bestätigte der russischen Nachrichtenagentur Interfax, dass Kolesnikowa „vermutlich festgenommen“ worden sei. Latuschko hatte vorige Woche unter Druck des Regimes Belarus verlassen.
Die Minsker Polizei teilte der russischen Nachrichtenagentur Interfax mit, sie habe Kolesnikowa nicht festgenommen. Auch das Ermittlungskomitee und das für Wirtschafsdelikte zuständige Staatskontrollkomitee gaben an, Kolesnikowa nicht in Gewahrsam genommen zu haben. Allerdings kommen auch andere Behörden wie der Geheimdienst KGB in Betracht, zumal die Häscher in Zivil auftraten.
Kolesnikowa, eine Mitstreiterin des vom Regime verhinderten und seit Juni inhaftierten Präsidentschaftskandidaten Viktor Babariko, ist die letzte des Frauen-Trios um die Kandidatin Swetlana Tichanowskaja, die noch in Belarus ist. Tichanowskaja war kurz nach der Präsidentenwahl, deren Sieg sie beansprucht, vom Regime nach Litauen gebracht worden. Veronika Zepkalo, die Ehefrau eines weiteren verhinderten Kandidaten, war ihrem von Strafverfolgung bedrohten Mann ins Exil gefolgt.
Der Koordinationsrat strebt eine friedliche Machtübergabe und Neuwahlen an. Er will Dialog mit dem Regime, den Lukaschenka aber ablehnt. Gegen das Gremium läuft ein Strafverfahren, in dessen Rahmen schon etliche Mitglieder wie die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und auch Marija Kolesnikowa als „Zeugen“ vorgeladen worden sind. Latuschko sagte, das Regime versuche „alles, um die Arbeit des Rats möglichst zu verhindern“. Erst am Wochenende war die zu zwei Arreststrafen verurteilte Tichanowskaja-Mistreiterin Olga Kowalkowa zur polnischen Grenze gebracht worden, von wo sie nach Warschau reiste.
Scheiben gehen zu Bruch
Kolesnikowa war bei den Großdemonstrationen der vergangenen Sonntage dabei, hatte mehrfach die Demonstranten aufgefordert, den Sicherheitskräften nicht zu nahe zu kommen und sich nicht provozieren zu lassen, um dem Regime keinen Anlass für noch mehr Gewalt zu geben. Auch am vergangenen Sonntag, als nach Schätzungen mehr als 100.000 Menschen in Minsk zu Lukaschenkas Residenz zogen und den Rückzug des Diktators forderten, marschierte die 38 Jahre Musikerin mit.
Im Anschluss an die friedliche Massendemonstration hatten Schläger in Zivil Demonstranten gejagt und dabei auch die Scheibe eines Cafés zerschlagen; später kam heraus, dass es Polizisten in Zivil waren. Laut offiziellen Angaben wurden bei den Protesten in vielen Städten in Belarus 633 Personen festgenommen und 363 von ihnen in Erwartung eines Prozesses in Gewahrsam behalten.