MESOPOTAMIA SCHLÖSSER IN DEUTCHLAND ALS ROT CHINESISCHE KADERSCHMIEDE IN SÜDBADEN
Kleinstadt im Krieg: In der Stadt Heitersheim in Südbaden tun sich tiefe Gräben auf: Soll aus dem Malteserschloss, dem Wahrzeichen des Orts, eine Privatschule in deutsch-chinesischem Besitz werden oder nicht? Der Zwist wird zum Sinnbild der Zerrissenheit deutscher China-Politik. NEUE ZÜRCHER ZEITUNG 27 Mai 2021
Ein deutsches Schloss. Investoren aus China, die kaufen wollen. Und Bürger, die erbittert dagegen kämpfen
Wer hat Angst vor dem roten Geld? Wie ein südbadischer Kleinstadt-Krieg zum Sinnbild der Zerrissenheit deutscher China-Politik wurde. – Katrin Büchenbacher, Text; Annick Ramp, Bilder, Heitersheim NZZ – 27.05.2021,
Christian Hodeige lässt sich auf den schwarzen Ledersessel seines Wohnzimmers fallen, hinter ihm tut sich ganz Freiburg auf. Auf der Terrasse kreischen die Sonnensittiche, in der «Badischen Zeitung» steht: «Aus für das Schulprojekt im Heitersheimer Schloss». Hodeige sagt: «Getroffen hat mich die Art und Weise der Auseinandersetzung.»
Heitersheim: 6000 Einwohner, 47 Vereine, 14 Weingüter. Ein Politikum.
Soll aus dem Malteserschloss, dem Wahrzeichen des Orts, eine Privatschule in deutsch-chinesischem Besitz werden? Die einen sagten: Eine Jahrhundertchance! Die andern: Ein Ausverkauf an die Chinesen! Aus beiden Lagern berichteten die Leute, man könne nachts nicht mehr ruhig schlafen. Beide sagten, sie fühlten sich von den anderen verunglimpft, verleumdet, ungehört und unverstanden. Es tue weh, vom Nachbarn, ehemaligen Schulkameraden oder Vereinskollegen nicht mehr gegrüsst zu werden auf der Strasse.
Dabei ist Südbaden, die Ecke Deutschlands nahe der Schweiz und Frankreich, seit vielen Jahren eng verbunden mit China. Das China-Netzwerk Baden-Württemberg, die Deutsch-Chinesische Gesellschaft Südbaden oder das China-Forum Freiburg zeugen davon. Die Universität Freiburg kooperiert zurzeit mit dreizehn Hochschulen in China, Hongkong und Taiwan, so viele wie keine andere Universität in Deutschland.
Die Region war lange beliebt bei chinesischen Geschäftsleuten. Sie erwarben Anteile an Leiterplatten- und Maschinenbaufirmen, kauften Wohnungen, Spitäler, Hotels. Doch heute befindet sich Deutschland in einem lähmenden Malaise in seinem Verhältnis zu China, seinem wichtigsten Handelspartner. In einer Zerrissenheit zwischen Wirtschaft und Werten.
Im kleinen Heitersheim war in den vergangenen Jahren genau diese Zerrissenheit zu beobachten. Auch dort taten sich tiefe Gräben auf zwischen Pragmatikern, die vor allem die gemeinsamen Interessen zwischen der Stadt Heitersheim und den Investoren aus China im Auge hatten, und den Ideologen, die auf unterschiedliche Werte pochten.
Zsolt Pekker zählt zu den Ideologen.
Der chinesische Schloss-Interessent ist Teil des Regimes
Die Schlagzeile «Aus für das Schulprojekt im Heitersheimer Schloss» war für Pekker eine Freudenbotschaft. Nachdem er sie an einem Donnerstagabend Ende April gelesen habe, habe er sich ein Glas Wein eingeschenkt, erzählt er.
Der Mann, der die Chinesen aus Heitersheim verjagt hat: Zsolt Pekker sagte, er sei stutzig geworden, als er erfahren hatte, dass das Heitersheimer Schloss an eine deutsch-chinesische Investorengruppe verkauft werden soll.
Pekker ist Journalist, steht auf seiner Website. Im Gespräch in seinem Büro am Rande von Heitersheim winkt er ab, er texte vor allem für Unternehmen. Aber das journalistische Handwerk beherrsche er. Recherchieren, mit Worten jonglieren. Er hat eine tiefe Fernsehstimme, die vibriert, wenn er sagt: «Niederträchtig.»
«Peking–Hongkong–Heitersheim» ist der Titel einer seiner Broschüren, für die er nächtelang recherchiert hat. Im Fazit steht: Die geplante «Eliteschule» in Heitersheim passe perfekt zu Xi Jinpings «Masterplan», die Macht Pekings in der gesamten Welt zu stärken durch Einfluss auf Kultur und Bildung in anderen Ländern.
Pekker serviert Oolong-Tee aus Taiwan, sagt, er lese den chinesischen Philosophen Laotse, lerne chinesische Schriftzeichen, unterrichte Qigong. In die Rassismus-Ecke lasse er sich nicht drängen. Das hätten seine Gegner von Anfang an versucht, eben, «niederträchtig» sei das. Aber als er im März 2019 erfahren hatte, dass das Malteserschloss an eine deutsch-chinesische Investorengruppe verkauft werden solle, sei er stutzig geworden. Erst recht, als er und seine Leute herausfanden: Wang Jiapeng, einer der Hauptinvestoren, ist ein Delegierter des chinesischen Volkskongresses.
Wang Jiapeng ist erst 39 Jahre alt, aber über sein Leben gibt es bereits einen Dokumentarfilm, eine Fernsehserie, ein Musical und eine Autobiografie. Sie erzählen die folgende Geschichte: Als 12-jähriger Bub überlebte Wang einen Flugzeugabsturz. Wegen seines Unfalls verpasste er den Anschluss ans chinesische Schulsystem. Dank einem Stipendium für das United World College (UWC) in Norwegen konnte er das internationale Abitur machen und studieren. Seither setzt er sich für die Rechte Behinderter in China ein.
Am United World College in Norwegen lernte Wang Hodeige kennen. Auf die Bemühungen von Hodeige und Wang eröffnete 2014 eine solche «Weltschule» in Freiburg, 2015 in Changshu, China.
Zusammen mit anderen chinesischen Investoren erwarb Wang im Jahr 2019 das Stoke College im englischen Suffolk. Die neuen chinesischen Besitzer gaben Baupläne bekannt, um Platz für 350 Schüler zu schaffen, und stellten neues Personal ein. Der neue Schuldirektor hatte zuletzt in China gearbeitet. In einem Video auf Twitter lehrte er seinen Schülern ein paar Begrüssungsworte auf Chinesisch.
Die Chinesen sehen das Schloss und «sinken in die Knie»
Als Wang Jiapeng im Jahr 2018 zum ersten Mal nach Heitersheim reiste, war er gerade frisch zum Delegierten in den nationalen Volkskongress gewählt worden. Wang wurde von seinem Geschäftspartner Hodeige begleitet.
Es sei ein strahlender Frühlingstag gewesen, erzählt Hodeige. Das Malteserschloss aus der Barockzeit tat sich in aller Pracht vor ihnen auf. Es ist eine der grössten Schlossanlagen in der Umgebung, mit mehreren Wohnhäusern, Türmen, einem Schlossgarten, Innenhöfen, einer Kirche. Auf fast 50 000 Quadratmetern erstreckt sich das Gelände. Noch gehört es dem katholischen Orden der Vinzentinerinnen, doch nur noch 41 Schwestern leben dort, Altersdurchschnitt: über 80.
Das Schloss ist wie vorbestimmt für eine Schule mit Internat, waren sich Ordensvertreter und Investoren einig. Hodeige erzählt: Die Chinesen seien «in die Knie gesunken.»
Sie sahen schon die Teenager im Schlosshof herumspringen, über 300 Schüler würden Platz finden, aus Asien, aber auch Expat-Kinder aus Basel, Freiburg und aller Welt. Hodeige sagt: «Wir dachten, die Heitersheimer würden uns um den Hals fallen.»
Christian Hodeige war als Verleger der «Badischen Zeitung» bis Ende 2019 eine lokale Grösse, als Träger des Bundesverdienstkreuzes ein nationaler Held, als Weltaufsichtsratsvorsitzender des United World College ein Weltbürger. Hodeige gehört zu den klassischen Wirtschaftsvertretern, die Deutschlands Wohlstand als ein direktes Resultat der Exporte nach China sehen. Er glaubt an Chinas Erfolgsgeschichte, an «Wandel durch Annäherung», an den Dialog mit China.
Heitersheimer Widerstand: Das Schloss soll der Stadt gehören
Doch als Hodeige mit seinen chinesischen Geschäftspartnern über den Schlosshof spazierte, hatte Deutschland den Zenit der goldenen China-Jahre bereits überschritten. Der damalige amerikanische Präsident Donald Trump führte seinen Handelskrieg gegen China. Die Kanzlerin Angela Merkel setzte sich weiter ein für die Einbindung Chinas in die internationale Ordnung.
Dann ein Weckruf: Unter den 155 deutschen Unternehmen, die in den Jahren 2016 bis 2018 in chinesische Hände gegangen waren, war auch das Robotikunternehmen Kuka. Der deutsche Staat begann fortan, ausländische Investitionen und Übernahmen stärker zu kontrollieren.
Heitersheimer Widerstand: Das Schloss soll der Stadt gehören
Als im Frühjahr 2019 die Heitersheimer Bevölkerung von den Plänen der deutsch-chinesischen Investoren erfuhren, formte sich unmittelbar eine Gruppe des Widerstands. Sie gründeten eine Bürgerinitiative zum Politikum «Malteserschloss», mit Pekker als Sprecher.
Der Initiative schlossen sich Menschen an, die wollten, dass auch andere Ideen für das Schloss besser geprüft würden. Schliesslich hatte die Stadt das Vorkaufsrecht. Verwaltungsgebäude, ein Café, Pflegeeinrichtungen könnten entstehen, das Schloss Teil des Stadtlebens werden. CDU-Politiker, Grüne und die historische Gesellschaft, die das Museum im Schloss betreibt, wurden Mitglied der Initiative. Lehrerinnen, alleinerziehende Mütter, Landwirte, Bauunternehmer.
Das Heitersheimer Schloss den Heitersheimern: Dafür kämpft die «Bürgerinitiative Malteserschloss».
Sie begannen, Bücher wie «Lautlose Eroberung – wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet» zu lesen. Sie teilten China-kritische Medienberichte in ihrer Facebook-Gruppe. Immer stärker wuchs die Überzeugung: Heitersheim muss eine internationale «Eliteschule» mit der Beteiligung Wangs, eines «Vertreters eines diktatorischen Regimes», unbedingt verhindern.
Im Jahr 2019 gingen die chinesischen Investitionen in Deutschland massiv zurück. Es ist das Jahr, in dem der Bundesverband der Deutschen Industrie China erstmals in einem Grundsatzpapier zum «systemischen Wettbewerber» und Partner erklärte. Auch die EU veröffentlichte ein Strategiepapier zu China, in dem sie das Land als Partner, aber auch Konkurrenten und strategischen Rivalen definierte.
Eine Mehrheit ist für die chinesisch-deutsche Privatschule
Anfang Oktober 2019 stellten sich die Investoren und der Orden den Fragen der Heitersheimer Bevölkerung. Eine Bürgerversammlung wurde einberufen, sie fand in der Turnhalle statt. Auf der Bühne sassen ein Ordensvertreter, der damalige Bürgermeister, Wang, Hodeige und seine Frau. Auf den Holzstühlen sassen 500 Bürgerinnen und Bürger.
Der Bürgermeister versprach, so steht es danach in der «Badischen Zeitung», die Stadt werde ordentlich von der Privatschule profitieren. Wang sprach von Weltfrieden, Völkerverständigung. Hodeige erklärte, dass sich die Schule im Schloss nach den Standards des International Baccalaureate richten werde, einer Organisation in Genf. Aus dem Publikum sagte jemand: Heitersheim sei ein weiterer Puzzlestein in Chinas «neuer Seidenstrasse».
Stadtrat und ehemaliger Winzer: Bernhard Walz war gegen eine Privatschule im Schloss.
Vier Tage nach der Einwohnerversammlung lehnte der Gemeinderat den städtebaulichen Vertrag zum Schulprojekt im Schloss ab. Mit dabei war auch Bernhard Walz, Stadtrat und Mitglied der Bürgerinitiative. Er schaffte es, die 10 Stimmen, die es für die Mehrheit braucht, von der CDU und den Grünen zu holen. Die Idee der Privatschule im Schloss schien gestorben. Walz, Pekker und die andern Mitglieder der «Bürgerinitiative Malteserschloss» hatten sich bei Walz auf dem Bauernhof getroffen, erzählen sie später, bis tief in die Nacht getrunken und getanzt.
Doch Walz hatte nicht mit seinem Rivalen Edmund Weiss gerechnet.
Weiss und Walz haben vieles gemeinsam, vielleicht zu viel: Beide sind Bauern, beide Kommunalpolitiker, beide Vereinsmenschen. Weiss ist Winzer und ehemaliger Stadtrat, Walz ist Stadtrat und ehemaliger Winzer. Weiss sagt: Die Stadt würde sich das eigene finanzielle Grab schaufeln, kaufte sie das Schloss, es wären jahrelange Schulden für die nächste Generation. Walz sagt: Verkaufe Heitersheim das Schloss an Investoren aus China, verliere die nächste Generation ihre Wurzeln.
Winzer und ehemaliger Stadtrat: Edmund Weiss gründete den Verein «Schule im Schloss», weil er die Idee einer internationalen Privatschule gut fand.
Weiss gründete einen Verein, nannte ihn «Schule im Schloss» und sammelte genug Unterschriften, um einen Bürgerentscheid zu erzwingen. «Ja zur Schule, ja zur Vielfalt», stand auf Weiss’ Plakaten. «Nein!!!», auf Walz’ Plakaten.
Weiss gewann. 55 Prozent der Bürger stimmten für den städtebaulichen Vertrag und damit für die Privatschule der chinesischen Investoren.
Dann kam Corona.
Trumpscher Populismus oder Aufklärung?
Die Pandemie hat Deutschlands Abhängigkeit von China verdeutlicht, sei es als Importeur von Masken, Produktionsstandort oder Absatzmarkt. 2020 wurde China zum wichtigsten Handelspartner der EU. Merkel trieb das Investitionsabkommen der EU mit China voran. Kurz darauf verhängte die EU Sanktionen über China wegen Xinjiang – und China schlug mit noch viel stärkeren Sanktionen zurück. Die Kanzlerin blieb auffallend still.
Merkel wandert seit vielen Jahren auf dem immer schmaler werdenden Grat zwischen wirtschaftlichen Interessen und Werten, sie tat es auch bei ihren letzten Regierungskoalitionen mit China und wird es bei ihrer letzten geplanten China-Reise im Sommer tun. Dann geht sie, und mit ihr auch die Merkelsche China-Politik.
Eine kritische Grundhaltung gegenüber China hat sich schon heute unter Politikern, Experten und in der Bevölkerung verbreitet, bis hin zum kleinen Heitersheim. Dort hatte die «Bürgerinitiative Malteserschloss» auch nach dem verlorenen Bürgerentscheid gegen den Verkauf des Schlosses an chinesische Investoren gekämpft, mit ihren Broschüren und Facebook-Posts. «Aufdeckung der engen Verflechtung der Investoren mit Staat und Partei in China», nannten sie es. Für die Investoren waren es «Xenophobie und Polemik gegen China nach ‹bester› trumpscher Manier».
Ob Aufklärung oder Populismus – es funktionierte. Hodeige und Wang haben sich Ende April vom Vertrag zurückgezogen.
«Aus für das Schulprojekt im Heitersheimer Schloss». Wenige Tage ist es her, seit Christian Hodeige in der «Badischen Zeitung», die er bis vor kurzem noch selbst herausgegeben hatte, von seinem Misserfolg lesen musste. Wegen Corona, dem politischen Zeitgeist, und Menschen wie Zsolt Pekker. Hodeige fragt: «Stellen wir jetzt alle Chinesen unter Generalverdacht?» Er blickt zur Terrasse. Die Sonnensittiche schweigen.