MESOPOTAMIA NEWS : USA / SA / SS ! – DAUER-SCHLACHTRUF DER FRÜHEREN DEUTSCHEN LINKEN GEGEN AMERIKA (und nun?) – Marionette mit zu heller Haut

TV-Kritik: Hart aber fair : Warum der Appell an amerikanische Werte ein Irrweg ist

  • Von Frank Lübberding  FAZ -Aktualisiert am 25.08.2020-05:40  – Frank Plasberg will von seinen Gästen wissen, ob Amerika an Donald Trump zerbricht. Ein Vertreter der Republikaner fühlt sich genötigt, die öffentlich-rechtlichen Sender an ihren Programmauftrag zu erinnern.

In der deutschen Amerika-Publizistik gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert eine Konstante. Dem Land der Freiheit seine Doppelmoral und kulturelle Rückständigkeit vorzuwerfen. Das änderte sich zwar nach dem Zweiten Weltkrieg, aber das blieb nur von kurzer Dauer. Mit dem Vietnamkrieg wurden die Vereinigten Staaten gerade in der Perspektive vieler Linken wieder zu einem Staat über den man viel zu sagen hatte, aber selten etwas Gutes. Außer natürlich, wenn es gerade nicht  um die weitgehende Übernahme des amerikanischen Lebensstils gegangen sein sollte. Linke Antiamerikaner waren immer amerikanisch sozialisiert. Es hatte damit ein Rollentausch stattgefunden, weil der Antiamerikanismus bis 1945 vor allem im rechten Lager zu finden war. Das wurde aber nach 1945 zum wichtigsten Unterstützer des transatlantischen Bündnisses.

Vor diesem historischen Hintergrund sollte man diese bemerkenswerte Sendung betrachten. Es ging um den „Wahlkampf mit allen Mitteln – zerbricht Amerika an Donald Trump?“ Daran lassen die meisten unserer Kommentatoren bekanntlich keinen Zweifel. Sie sehen es wie der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden als einen „Kampf gegen die Finsternis“. Die hätte der frühere Präsident Ronald Reagan zweifellos noch in der damaligen Sowjetunion vermutet, unter lebhaften Protest der westdeutschen Presse. Die Kritik am manichäischen Denken amerikanischer Konservativer gehörte zu deren Allgemeingut. Insofern ist Christiane Meier durchaus repräsentativ für unsere gegenwärtige Publizistik: Die Leiterin des ARD-Studios in New York sieht den derzeitigen Präsidenten in einem fundamentalen Gegensatz zu den amerikanischen Werten. Diese erfreuen sich einer erstaunlichen Renaissance. Linksradikale riefen früher auf ihren Demonstrationen „USA, SA, SS“, um ihr Verständnis des amerikanischen Wertesystems auszudrücken. Heute gilt der Faschismus-Vorwurf nicht mehr dem Land, sondern nur noch ihrem Präsidenten.

Angriff auf die freie Presse

Das könnte man für einen Fortschritt halten, aber verdeckt wohl die eigentlichen Konflikte. Dabei geht es keineswegs um George Weinberg, der bei Frank Plasberg die Republikaner vertrat. Er begründete seine Unterstützung für Donald Trump sachlich und ohne jede Aggressivität. Dass ihm dessen lautsprecherisches Auftreten nicht gefiel, wurde durch seine Reaktion auf das beharrliche Nachfragen des Moderators deutlich. Er bevorzugte das beredte Schweigen. Natürlich wollte er sich nicht im Wahlkampf von Trump distanzieren. Trotzdem wirkte Weinberg nicht wie ein Vertreter der Finsternis, der in den Vereinigten Staaten die Demokratie abschaffen will. Wie polarisiert die Debatte ist, wurde aber durchaus deutlich. So kritisierte Weinberg die einseitige Berichterstattung in den klassischen Medien. Die meisten Journalisten seien links und definierten sich als pro-demokratisch. Dann erinnerte er Frau Meyer sogar noch an den Programmauftrag unserer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die sie zu Ausgewogenheit und fairer Berichterstattung verpflichteten. Diese harmlose Kritik interpretierte die ARD-Korrespondentin so: Hier zeige sich, mit welcher „Brachialität die freie Presse angegriffen wird“. Dazu gehöre „auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk.“ Um das zu übersetzen: Weinberg hat sich zwar den Vorwurf anzuhören, die amerikanische Demokratie mit seiner Unterstützung für Trump zu gefährden. Aber die Kritik an dieser Sichtweise wird gleichzeitig als „Angriff auf die freie Presse“ definiert.

Zum Glück bewahrte uns Zuschauer Ansgar Graw davor, damit in einem intellektuellen schwarzen Loch zu verschwinden. Der Herausgeber des „European“ beschrieb Trump als eine Art radikalen Konstruktivisten. Dazu gehöre bei Trump die Lüge. Was sollten Journalisten, unabhängig von ihrer politischen Überzeugung, schließlich sagen, wenn ihnen bei Trumps Amtseinführung ernsthaft erzählt wird, dort habe es mehr Zuschauer gegeben als bei der Obamas im Jahr 2009? Das sei  „nachweislich falsch gewesen“. Es war bekanntlich die Geburtsstunde der „alternativen Fakten“, die zum running gag dieser Präsidentschaft geworden sind. Aber Graw sprach zugleich von der Fähigkeit zur „Autosuggestion“ bei Trump.  Nur ist jemand noch ein Lügner, wenn er diese selber glaubt? Trotzdem sah Graw in Trumps Wiederwahl keine Gefahr für die amerikanische Demokratie. Als Begründung verwies er auf die Stabilität der amerikanischen Institutionen. In der Beziehung war es sich mit dem einzigen Politiker in der Sendung einig. Die „checks and balances funktionieren“, so Norbert Röttgen (CDU). Allerdings fürchtete der Kandidat für den CDU-Parteivorsitz, dass bei Trump nach einer Wiederwahl „alle Hemmungen fallen könnten“. Gerade das System der „checks and balances“ verhinderte das aber bisher in der amerikanischen Geschichte. Warum soll das nach der Wahl plötzlich anders sein? Es hätte sich gelohnt, diesen Widerspruch zu diskutieren.

Licht ins Dunkle

Das zeigte sich auch an der Debatte über die Reaktion Trumps auf eine mögliche Niederlage. Graw sah wenig Rückhalt für eine Art Staatsstreich, um den Amtsverlust zu verhindern. Gleichzeitig war er aber erstaunt über Trumps Unvermögen, das Selbstverständliche zu formulieren: Nämlich eine Wahlniederlage einfach zu akzeptieren. Tatsächlich müsste Trump bei einem solchen Vorhaben wohl weniger seine politischen Gegner  fürchten, sondern eher seine Unterstützer wie Weinberg. Dieser machte eine aufschlussreiche Bemerkung. Er nannte Trump den erfolgreichsten Präsidenten seit Abraham Lincoln. Über diese Einordnung kann man trefflich streiten, vorsichtig formuliert. Aber Lincoln hatte im amerikanischen Bürgerkrieg die Einheit des Landes und die Verfassung verteidigt. Wenn Trump eine Wahlniederlage nicht akzeptieren sollte, gerät er somit zwangsläufig in Widerspruch zur Partei Lincolns, deren offizieller Kandidat er seit gestern ist. So machte dieser Vergleich Sinn, obwohl er sich erst einmal absurd anhörte. Die Republikaner im Kongress müssten zweifellos von allen guten Geistern verlassen sein, denen Lincolns, um sich und die Vereinigten Staaten von einem Wahlverlierer in einen solchen Abgrund stoßen zu lassen.

So brachte diese Sendung gewissermaßen Licht ins Dunkle. Die Vereinigten Staaten werden von den meisten Deutschen nämlich immer noch aus einer europäischen Perspektive betrachtet. Es ist für sie eine fremde Welt, wie beim Thema  Waffenrecht erkennbar wurde. Europäer sehen das wie Röttgen: Das Gewaltmonopol gehöre „in die Hände des Staates“. Für die meisten Amerikaner ist der Waffenbesitz dagegen ein unveräußerliches Recht auf Selbstverteidigung, selbst wenn sie für ein Verbot vollautomatischer Gewehre sein sollten. Das gehörte immer schon zu den von Frau Meyer so hoch gehaltenen amerikanischen Werten. Und an diesem Punkt sorgte die gebürtige Amerikanerin Tamika Campbell beim Zuschauer sicherlich für Irritationen. Die schwarze Comedian unterstützte Biden als das kleinere Übel, und machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Dieser sei kein „Politiker des Lichts. Warum auch?“ Sehr lange werde es Biden zudem nicht machen, so ihr wenig schmeichelhafter Hinweis auf das Alter des Präsidentschaftskandidaten. Ihn unterscheide aber die fehlende „Arschlöchigkeit“ vom „stinkreichen“ Präsidenten, der den Armen einrede, er sei einer von ihnen. Für die amerikanischen Werte hatte Frau Campbell wenig übrig, das Land sei „auf dem Rassismus aufgebaut“. In Deutschland erlebe sie dagegen „viel weniger Rassismus, wenn überhaupt“. Das wird nicht jeder gern gehört haben, so ist zu vermuten. Den früheren Präsidenten Barack Obama nannte sie „eine Marionette“ und dabei „noch nicht einmal sehr dunkel“. Die, sie meinte das Establishment, nähmen „immer einen, der sie (also die afroamerikanische Minderheit) kontrollieren kann“. Den Vorwurf des Rassismus räumte sie unumwunden ein. Es entsprach schließlich nur ihrer Perspektive auf ein rassistisches Land.

Marionette mit zu heller Haut

Eine Debatte fand darüber nicht statt. Noch nicht einmal Weinberg sah sich genötigt, ihr zu widersprechen. Frau Meyer hielt es offenbar auch für in Ordnung, den bei uns so hoch verehrten Obama als Marionette mit zu heller Haut abzuqualifizieren. Dabei hatte Frau Campbell in ihrer Philippika eigentlich nur eins zum Ausdruck gebracht: Das Land ist nicht mehr ihr Land. Sie hat sprichwörtlich ihren Glauben an die frühere neue Welt verloren. Das hätte man thematisieren müssen anstatt Frau Campbell einfach zu ignorieren. Dann wäre vielleicht aufgefallen, dass dieser Appell an die vermeintlichen „amerikanischen Werte“ ein Irrweg ist. Dazu gehörte schon immer eine hohe Gewaltbereitschaft und der Rassismus, aber genauso die Nächstenliebe und das soziale Engagement der Bürgergesellschaft. Welche Werte teilten in der Vergangenheit ein fundamentalistischer Christ aus dem mittleren Westen mit einem liberalen Ostküsten-Intellektuellen? Keine einzigen. Das einzige, was die Vereinigten Staaten bis heute zusammengehalten hat, war der Glaube an die Verfassung als Minimalkonsens in einer ansonsten höchst widersprüchlichen Gesellschaft. Das haben die meisten Europäer zwar noch nie verstanden, aber damit konnten die Amerikaner bisher ganz gut leben. Nach dieser sehenswerten Sendung stellt sich eine andere Frage: Ob die Amerikaner das mittlerweile selber vergessen haben? Sie hätten damit den Glauben an sich selbst verloren.