MESOPOTAMIA NEWS : ÜBERLEBEN IS POSSIBLE ! – Neue Geschäftsmöglichkeiten : Wenn Thomas Bernhard Maske trüge
- Ein Kommentar von Hannes Hintermeier – 04.2020 FAZ
In Munderfing werden die Gedichte des österreichischen Dichters Thomas Bernhard gedruckt und vertrieben. Warum der Verleger Heiner Gann jetzt auch „individualisierte Gesichtsschilder“ verkauft.
Munderfing, an den westlichen Ausläufern des Kobernaußer Waldes gelegen, ist nicht gerade eine Perle des Innviertels. Aber neben den Produktionsstätten eines weltbekannten Motorrad- und Fahrradherstellers, dem Swingerclub Treff bei Herbert und Maria, einem Zierfischkeller und einer Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten ist dieses Mischgebiet auch die Heimat der Firma Aumayer Druck und Verlag. Und wann immer dieser Name ins Spiel kommt, wissen Anhänger des postum zum österreichischen Staatsdichter erhobenen Thomas Bernhard, dass sie genau hinsehen müssen. Denn der Druckereibesitzer und Geschäftsführer Heiner Gann ist nicht nur Mitglied der Internationalen Thomas-Bernhard-Gesellschaft, er hat den Meister noch persönlich gekannt.
Und er gestattet sich seit fünf Jahren als Hobby einen eigenen Verlag, den Korrektur Verlag, der sich hauptsächlich der Pflege des Erbes Bernhards widmet. Für die Inhalte zeichnet Raimund Fellinger, langjähriger Bernhard-Lektor bei Suhrkamp, verantwortlich. Nun erreicht uns eine Aussendung der Akzidenzdruckerei: Man habe sich mit einem in der Nachbarstadt Mattighofen produzierenden, renommierten Hersteller von Sport- und Motorradschutzbrillen zusammengetan und biete ab sofort „individualisierte Gesichtsschilder“ an, das Stück ab 14,50 Euro. Man muss sich das so vorstellen wie das dicke Band einer Skibrille, das wie ein Stirnband getragen wird, vorne eine Polsterwulst, von der aus eine annähernd rechteckige, an den Kanten gerundete Plexiglas-, pardon: Anti-Fog-Sichtschutzmaske bis weit unter das Kinn das Gesicht abdeckt
Ob Thomas Bernhard wohl das neue Produkt seines Verlegers tragen würde?
Nicht gerade radikaler Chic, aber als transparentes Visier weniger irritierend als eine Atemschutzmaske. Auf Band und Stirnhalter kann man Logos drucken lassen, etwa „Polizei“, wenn man von der Polizei ist, den eigenen Namen, den Firmennamen. Das birgt auch Chancen für den Kulturbereich, für Sänger, Schauspieler, Schriftsteller und andere Brillenträger. Auch wenn Bernhard in seinem Stück „Der Theatermacher“ den Staatsschauspieler Bruscon sagen lässt: „In Mattighofen zergrunzten die Schweine alles, das Schweinegrunzen ruinierte das ganze Stück“ – für diese handfeste Ad-hoc-Geschäftstüchtigkeit hätte er Verständnis gehabt.
Unvergessen seine Meisterschaft, seinen Verleger Siegfried Unseld in Geldangelegenheiten in den Wahnsinn zu treiben; unvergessen aber auch seine 1972 im Tagebuch von Karl Ignaz Hennetmair festgehaltene Ankündigung, im Fall seines Todes sei sein Hof anzuzünden – „das Prasseln der Flammen solle die Trauermusik zu seinem Begräbnis sein“.
Der Aufforderung wurde zum Glück nicht Folge geleistet, gewiss nicht nur aus Gründen der Geschäftstüchtigkeit.