MESOPOTAMIA NEWS THEORIE : Wer den strukturellen Rassismus leugnet, muss selbst ein Rassist sein – Analyse eines gefährlichen Denkfehlers
An amerikanischen Universitäten werden Geisteswissenschaften immer stärker moralisch aufgeladen. Die neue aktivistische Wissenschaft beginnt nun auch in Europa Fuss zu fassen. Neuestes Beispiel: Rassismusforschung, die ohne alle empirische Basis auskommt. Sandra Kostner NEUE ZÜRCHER ZEITUNG 1. 12. 2020
Die Türen der Universitäten stehen allen offen, doch inzwischen engen sie mancherorts das Denken ein, statt es auszuweiten. – Adam Glanzman / Bloomberg
Warum starb George Floyd? Weil er schwarz war. Das zumindest stand für Antirassismusaktivisten von Anbeginn zweifelsfrei und unverrückbar fest. Für sie ist das die einzig mögliche und – noch entscheidender – die einzig zulässige Erklärung. Schon deren Infragestellung führt umgehend zu einem Rassismusvorwurf. Ganz nach dem Motto: Wer sich der Rassismusdiagnose nicht anschliesst, bei dem kann es sich nur um einen Rassisten oder einen Rassismusleugner handeln.
Nur wenige Politiker, Journalisten und Wissenschafter getrauten sich unter diesen Umständen, darauf hinzuweisen, dass die von einer Passantin gefilmte Szene, die das Knie eines weissen Polizisten auf dem Hals eines am Boden liegenden Afroamerikaners zeigt, nicht offenbart, ob für den Polizisten Rassismus ein handlungsleitendes Motiv war. Die meisten beeilten sich, den Tod Floyds als rassistisch motivierten Mord zu verurteilen: Manche taten dies aus Überzeugung, andere, um nicht selbst ins Visier der äusserst kampagnenstarken Aktivisten zu geraten.
Zahlreiche Institutionen – allen voran Universitäten – gingen noch einen Schritt weiter. Sie übten sich in kollektiven Selbstbezichtigungen und gelobten öffentlichkeitswirksam Besserung. Die institutionelle Selbstanklage war immer gleichlautend: Unsere Institution ist rassistisch, weil ihre Strukturen rassistisch sind. Und warum sind die Strukturen rassistisch? Weil sie von Weissen geschaffen wurden. Belege für diese Behauptung sind an Universitäten in den USA anscheinend nicht mehr notwendig.
Ideologie statt Empirie
Exemplarisch dafür steht die Ankündigung von Vincent Price, dem Präsidenten der Duke University, dass seine Institution ein umfassendes Programm auflegen werde, um die rassistischen Strukturen zu beseitigen, die die Erfahrungen nichtweisser Hochschulangehöriger prägten. Wie viele sich ähnlich äussernde Universitätspräsidenten liess Price offen, wie genau sich der angeblich so tief in die Strukturen eingeschriebene Rassismus auf Hochschulangehörige auswirkt.
Allerdings: Wäre er konkret geworden, hätte Price sich fragen lassen müssen, wie es sein kann, dass er wusste, dass an seiner Universität rassistische Strukturen vorherrschen, und er dennoch bis dato nichts dagegen unternahm. Zumal er damit zugegeben hätte, gegen die Antidiskriminierungsgesetzgebung verstossen zu haben. Price musste jedoch gar nicht befürchten, dass er aufgefordert würde, seine Aussagen zu konkretisieren. Denn: Alle wissen, dass es bei diesen Aussagen nicht darum geht, durch die Benennung konkreter Fälle möglichst exakte Ansatzpunkte für die Bekämpfung von Rassismus zu gewinnen, sondern darum, die Aktivisten unter den Hochschulangehörigen durch performative Schuldbekenntnisse und Besserungsgelöbnisse zu besänftigen.
Dass im Jahr 2020 ein solches Appeasement-Klima an amerikanischen Universitäten vorherrscht, ist eng mit dem Siegeszug der an der Harvard Law School in den 1980er Jahren entwickelten Critical Race Theory (CRT) verbunden. Das schlagkräftigste Schwert, das sie hervorgebracht hat, heisst struktureller Rassismus.
Die Schlagkraft ergibt sich daraus, dass es CRT-Vertretern gelungen ist, Wissenschaft in den Dienst einer Gerechtigkeitsvision zu stellen, deren Ziel Wiedergutmachung für rassistisches Unrecht lautet. Dementsprechend streben sie nicht nach Erkenntnis, sondern sehen ihre Aufgabe darin, ein geeignetes Instrumentarium für eine interventionistische Politik zu entwickeln, mit deren Hilfe Gerechtigkeit für BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) erreicht werden soll.
Der Begriff struktureller Rassismus dient dazu, staatliche Interventionen als unabdingbare Notwendigkeit zu begründen. «Rassismus» erfüllt dabei eine moralische Funktion; «strukturell» wird verwendet, um Rassismus auf eine abstrakte – und damit nicht greif- und belegbare – Ebene zu verlagern.
Solange Rassismus konkreten menschlichen Handlungen zugeordnet werden kann, ist er belegbar. Lassen sich solche Handlungen nicht in hinreichend grosser Zahl nachweisen, entfällt der moralische Druck auf die Institutionen, sich für die Ziele der Aktivisten zu öffnen.
Der strategische Vorteil eines Rassismusbegriffs, der nicht von individuellen Handlungen abhängig ist, liegt auf der Hand. Und genau dieser Vorteil eröffnet sich mit dem Adjektiv «strukturell». Denn «strukturell» heisst im Vokabular der Critical Race Theory nichts anderes, als dass eine von der weissen Mehrheit geprägte Gesellschaftsordnung und somit auch alle von ihr gegründeten Institutionen automatisch diese Mehrheit privilegieren. Wie genau das vonstattengeht, diese Antwort bleibt man schuldig.
Ergebnis- statt Chancengleichheit
Die CRT-Vertreter sind sich dieses empirischen Mankos natürlich bewusst. Um ihr schärfstes Schwert vor dem Abstumpfen zu bewahren, wenden sie einen Taschenspielertrick an. Dieser geht so: Jeder statistische Unterschied zwischen Weissen und BIPoC beim Bildungserwerb, bei der Arbeitsmarktplatzierung, bei der Zusammensetzung von Regierungen, Parlamenten und Gremien, der zugunsten von Weissen ausfällt, wird als Beleg für strukturellen Rassismus gewertet.
Andere Erklärungsfaktoren werden nicht geduldet bzw. ebenfalls als rassistisch motiviert abgebügelt, unabhängig davon, wie gut sie empirisch abgesichert sind. Gleichermassen wird mit unauflösbaren Widersprüchen verfahren, wie der Tatsache, dass es mittlerweile viele sehr erfolgreiche Afroamerikaner gibt. Oder dem Fakt, dass insbesondere asiatische, aber auch afrikanische Migranten und deren Nachkommen offensichtlich mehr von den Strukturen profitieren als Weisse, da sie höhere Bildungsabschlüsse und Einkommen erzielen.
Um diesen narrativgefährdenden Widerspruch zu neutralisieren, entwickelten die CRT-Vertreter ein moralisches «Gegengift». Sie beschuldigen erfolgreiche BIPoC des «Acting White». Mit Acting White ist gemeint: Wer als BIPoC erfolgreich ist, der denkt und handelt wie ein Weisser. Indem er das tut, unterstützt er die Aufrechterhaltung von rassistischen Strukturen, womit er den Kampf gegen Rassismus konterkariert und die Chance für andere BIPoC auf Gerechtigkeit unterminiert.
Eigentlich müsste das Konzept struktureller Rassismus, das sich der Überprüfbarkeit entzieht und das zudem deutliche Merkmale eines Verschwörungsnarrativs trägt, im Wissenschaftsbetrieb chancenlos sein. Dass genau das Gegenteil der Fall ist, zeigt an, wie weit insbesondere an Hochschulen in den USA die moralische Instrumentalisierung von Wissenschaft bereits fortgeschritten ist.
Längst sind nicht mehr nur die Universitäten von der moralischen Wirkmächtigkeit des CRT-Instrumentariums betroffen. Mit den Absolventen CRT-lastiger Studiengänge hielten die einschlägigen Konzepte und Begrifflichkeiten Einzug in den öffentlichen Dienst, in die Medien, Parteien und neuerdings auch die Privatwirtschaft. Zunächst geschah dies in den USA. Mittlerweile beeinflusst das Verschwörungsnarrativ des strukturellen Rassismus auch in Europa das Handeln von Politik und Institutionen. Dazu ein aktuelles Beispiel.
Lieber spät als nie: Deutschland
Die deutsche Bundesregierung setzte im März 2020 einen Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus ein. Dieser legte im Mai einen ersten Bericht vor, in dem Rassismusbekämpfung und gleiche Teilhabechancen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte verknüpft werden. Damit hat die Regierung, der Doktrin des strukturellen Rassismus folgend, die Tür dafür geöffnet, dass Ergebnisgleichheit zum Massstab für erfolgreiche Rassismusbekämpfung avanciert. Es wäre fatal, wenn sie diese Verknüpfung in politische Massnahmen überführte. Denn sie würde sich so in eine Lage manövrieren, in der es Aktivisten leichtfiele, sie mit dem Hinweis auf bestehende Teilhabeunterschiede moralisch dauerhaft unter Druck zu setzen.
Das Fatalste daran wäre jedoch, dass die Regierung auf diese Weise der Bekämpfung von Rassismus einen Bärendienst erwiese. Erstens, weil die Annahme, dass Rassismus strukturell bedingt sei, Individuen zu sehr von der Verantwortung für ihr Handeln befreit. Wer aber zielgerichtet und nachhaltig Rassismus bekämpfen will, muss Individuen in die Pflicht nehmen, anstatt sich auf ein ideologisch motiviertes Phantom zu fokussieren, das aus strategischen Gründen von Aktivisten ersonnen wurde.
Und zweitens, weil die Verbindung von Rassismusbekämpfung und Teilhabechancen den Rückhalt für Erstere in der Bevölkerung gefährdet. Würden, wie von zahlreichen Migrantenselbstorganisationen gefordert, positive Massnahmen eingeführt, also Möglichkeiten, Menschen mit Einwanderungsgeschichte bei der Besetzung von Stellen, Gremien und Wahllisten zu bevorzugen, müsste die Mehrheit Benachteiligungen im Namen der Rassismusbekämpfung hinnehmen. Dergestalt werden Ressentiments geschürt statt abgebaut.
Sandra Kostner ist promovierte Historikerin und Migrationsforscherin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Zuletzt hat sie den Band «Identitätslinke Läuterungsagenda. Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften» im Ibidem-Verlag herausgebracht.