MESOPOTAMIA NEWS TENDENZ : TÜRKISCHE ÖKONOMIE STABILISIERT SICH, DOCH ERDOGANS UNGEDULD IST GEFÄHRLICH
Die Türkei wird durch einen Kurswechsel wieder interessant für Investoren – so lange Erdogan sich nicht einmischt
Christoph Damm BUSINESS INSIDER – 06 Feb 2021
Die Wirtschaft in der Türkei stabilisiert sich, seitdem die Notenbank seit November zweimal den Leitzins angehoben hat.
Investorengeld kommt ins Land und die Währung hat sich erholt — die unabhängige Strategie von Notenbankchef Naci Agbal zahlt sich aus.
Allerdings schwelt eine Gefahr: Präsident Erdogan hat in den vergangenen zwei Jahren bereits zweimal den Notenbankchef ausgetauscht — weil er sinkende Zinsen fordert.
Seit vielen Jahren kannte die Türkische Lira nur den Weg nach unten. Gegenüber dem US-Dollar hat die Währung in den vergangenen fünf Jahren fast 60 Prozent an Wert verloren. Die fehlende Unabhängigkeit der Zentralbank war das größte Problem des Landes. Damit verbunden: Die Einmischung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Was er sagte, war über Jahre Gesetz für die Chef-Notenbanker. Wer sich nicht daran hielt, wurde entlassen.
Die Türkei leidet seit Jahren unter hohen Inflationsraten. Aktuell liegt sie bei etwa 15 Prozent, was für die Bevölkerung mit deutlich steigenden Preisen einhergeht. Die Preissteigerung zu kontrollieren und im Zaum zu halten ist dabei die Hauptaufgabe einer Notenbank, wofür sie einige Instrumente hat.
Das wichtigste ist der Leitzins. Doch das Problem in der Türkei: Entgegen der gängigen Wirtschaftslehre ist Erdogan der Auffassung, dass ein hoher Leitzins die Inflation nicht bekämpft, sondern antreibt. Darum hat er sich immer wieder für ein Absenken des Leitzinses ausgesprochen und die Notenbanker dahingehend unter Druck gesetzt.
Türkei: Notenbankchef-Wechsel zahlt sich aus
Doch mit dem Wechsel an der Spitze der türkischen Zentralbank im November des vergangenen Jahres begann eine Zeitenwende. Mit Naci Agbal, der bis 2018 Finanzminister der Türkei war, sitzt ein Technokrat an der Spitze der Notenbank. Direkt nach dem Amtsantritt stieg bei Beobachtern bereits die Hoffnung auf mehr Unabhängigkeit der Zentralbank, was sich nun bereits bestätigt hat. „Die Strategie von Naci Agbal trägt Früchte“, sagt Sören Hettler, Devisen-Analyst bei der DZ Bank, im Gespräch mit Business Insider. „Es war genau richtig, dass er im November und Dezember jeweils den Leitzins auf mittlerweile 17 Prozent angehoben hat. Nur so kann die Türkei die hohen Inflationsraten in den Griff bekommen.“
Nachdem Agbal den Leitzins im November um 4,75 Prozent angehoben hatte, folgte im Januar eine Anhebung um weitere zwei Prozent. Aus zwei Gründen ein wichtiges Signal für internationale Investoren: Erstens hebt die Zentralbank den Zins, obwohl Präsident Erdogan sich öffentlich gegen diese Strategie stellt, was die Unabhängigkeit der Notenbank signalisiert. Zweitens lohnt es sich nun wieder, Geld in der Türkei zu investieren. „Mit einem Leitzins von 17 Prozent und einer Inflationsrate von etwa 15 Prozent ergibt sich ein realer Leitzins von rund zwei Prozent. Im aktuellen globalen Zinsumfeld ist das für internationale Investoren attraktiv genug, um Gelder anzuziehen“, sagt Hettler.
Auf diesem Weg stabilisiert sich auch die Lira. Seit dem Tag der Leitzinsanhebung im November hat sich die türkische Währung deutlich erholt. Für Unternehmen ist der Wechselkurs von großer Bedeutung, weil sie häufig in Fremdwährungen verschuldet sind und die fälligen Raten teilweise nur noch schwer bedient werden konnten.