MESOPOTAMIA NEWS : SELECTED LANGUAGE & FORBIDDEN WORDS / DIE DIALEKTIK DER RE-ETHNISIERUNG DER MENSCHHEIT
Der Fluch der bösen Wörter
Wo statt der Dinge die Wörter für das Schlechte verantwortlich gemacht werden, lässt sich dieses nicht mehr bekämpfen. Über die neue Sprachmagie und ihre Tabuzonen.
Von Christoph Türcke 17 Juni 2021 FAZ
Worte können sehr böse sein und tief verletzen, aber das tun sie vornehmlich, wenn sie in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise gezielt auf bestimmte Gruppen oder Individuen gerichtet werden. Seit das lateinische Wort für „schwarz“ (neger) nicht nur mit dunkler Hautfarbe, sondern nahezu automatisch auch mit Wildheit, Tierähnlichkeit, Zähmungsbedürftigkeit assoziiert wird, ist der Brauch, bestimmte Menschen mit diesem Wort anzureden, als menschenfeindlich zu meiden und anzuprangern.
Anprangern freilich kann man nichts, ohne es auch zu benennen. Daran zeigt sich: Worte sind nicht identisch mit ihrem jeweiligen Gebrauch. Man kann sie auch anders gebrauchen. Sie können abgrundböse sein, aber auch Abgrundböses brandmarken. Wer sie zu absoluter Eindeutigkeit zwingen will, verheddert sich. Das Wort „Mord“ ist nicht die Mordtat, es bezeichnet sie lediglich. Es kann zu ihr auffordern, wenn weitere Worte bejahend hinzutreten. Aber es deswegen aus der Sprache zu tilgen wäre absurd. Wie soll man Mord ahnden, wenn man ihn nicht benennen kann?
Unter der Überschrift political correctness erleben wir jedoch eine zunehmende Ontologisierung von Reizwörtern, als wären sie selbst gute oder böse Dinge. Die guten, etwa Diversität, gehören verstärkt, die bösen, wie das N-Wort oder das R-Wort (Rasse), eliminiert.
Man könnte auch sagen: tabuisiert. Wo Worte für unberührbar erklärt werden, als seien sie selbst Sachverhalte oder Dinge, an denen man sich direkt anstecken kann, da kehrt etwas Uraltes wieder: Sprachmagie. Ihre neueste Verkleidung besteht in einer hochmodernen, angeblich ultrakritischen Erkenntnistheorie: der konstruktivistischen. Auf den ersten Blick spricht alles für sie. Wir nehmen unsere Umgebung nicht wahr, wie sie an sich ist, sondern nur, wie sie sich uns darstellt – gefiltert durch unsere Sinnesorgane, benannt und ausgelegt durch Worte. Man kann dieses Filter- und Auslegungsprodukt auch eine Konstruktion nennen, solange man nicht vergisst, dass keine Konstruktion ohne Baumaterial funktioniert; weder bei der Hauskonstruktion noch bei der Weltkonstruktion.
Im Reizklima der Sprachmagie
Wo das Baumaterial ausgeblendet wird, wird die Konstruktion zur Kreation. Meine Gedanken und Worte erschaffen meine Welt, deine Gedanken und Worte deine Welt – gewissermaßen aus nichts. Bösen Worten verschafft dieser Kreationismus eine geradezu metaphysische Aufladung: die Aura des Dämonischen. Als würden Krankheit, Behinderung, Zurückgebliebenheit, geistige Unterlegenheit durch die Worte, die sie benennen, allererst hervorgebracht. Deshalb darf man sie nicht aussprechen. Auch Hautfarben lieber nicht. Black people: das ist schon grenzwertig, lässt es doch durchschimmern, dass es lediglich die Übersetzung des lateinischen N-Wortes ins Englische darstellt. Besser ist es, wolkig von „Farbigen“ zu reden (people of color). Und dass man die Weißen damit für „farblos“ erklärt und ihnen einmal mehr eine Sonderstellung einräumt? Das muss man dann eben durch critical whiteness kompensieren: durch Gesten der Buße für das eigene Weißsein und die Privilegien, die es jahrhundertelang verschafft hat.
Politisch korrekte Weiße geraten im neuen Reizklima der Sprachmagie in Dauerverlegenheit.
Wie sollen sie überhaupt noch zu anderen oder über andere sprechen, ohne permanent irgendjemandem auf den Schlips zu treten? Wenn sie von „Schwarzen“ sprechen, sind sie dann nicht schon zu dicht am N-Wort? Und umgekehrt: Was ist, wenn sie Bestimmtes nicht aussprechen? Wenn sie zwar alle gewünschten weiblichen Endungen stets hinzufügen, aber die Diversen nicht eigens nennen, oder wenn, dann nur pauschal, nicht jede ihrer Arten einzeln, und erst recht nicht die vielen nicht-weißen ethnischen und religiösen Communities, die wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Konfession in Europa und Nordamerika Nachteile haben?
Wenn Worte dasjenige, was sie benennen, überhaupt erst hervorbringen, dann ist die Nicht-Nennung von Gruppen so viel wie die Aberkennung ihrer Existenz: ein Akt der symbolischen Vernichtung. Zu den Konditionen konstruktivistischer Sprachmagie kann es gar nicht ausbleiben, dass nahezu jede Wortwahl, die sich nicht sogleich mit Vorbehalten, Einschränkungen, Entschuldigungen umgibt, von irgendjemandem als nahezu physischer Angriff aufgefasst wird. Je „achtsamer“ der Sprachgebrauch, desto mehr Fettnäpfchen tun sich ihm auf.
Unbestimmtes „Black lives matter“
Aber besteht die Überwindung „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) nicht gerade darin, dass man endlich aufhört, die Würde und den Wert von Menschen nach ihrer Hautfarbe, Abstammung, Herkunft oder ihrem Geschlecht zu beurteilen? Die Parole black lives matter setzt einen anderen Akzent. Sie hat nach dem skandalösen Mord an George Floyd weltweite Akzeptanz gewonnen. Und wer wollte ihr widersprechen? Natürlich zählen Schwarze. Aber in welcher Weise? Genauso wie alle andern? Mehr als andere? Das lässt die Parole bewusst offen. „Auch Schwarze zählen“: Das ist ihren Verfechtern zu wenig. Verständlicherweise. Das hätte nämlich den Tenor: Hallo, uns gibt es auch noch. Da wären die Schwarzen sogleich wieder den Weißen nachgeordnet. Aber „Nur Schwarze zählen“ oder „Schwarze zählen mehr als andere“: Das mag man auch nicht sagen. Damit spräche man sich explizit gegen Gleichheit aus und stellte jegliche Bündnisfähigkeit mit Nicht-Schwarzen in Frage. Daher also das unbestimmte black lives matter. Da kann man sich vieles hinzudenken: nachholende Gerechtigkeit; Wiedergutmachung; den Lichtkegel der Weltöffentlichkeit auf die black lives richten; die Welt nunmehr von ihnen aus denken.
So oder so aber besagt black lives matter: Das Grundfalsche des Eurozentrismus war nicht, dass er Menschen nach Hautfarben einteilte, sondern dass er das mit falschen Prioritäten tat. Nun müssen die richtigen gesetzt werden. Rethinking color ist angesagt: Farbe neu denken. Wie unter umgekehrten Vorzeichen ein Hautfarben-Revival anläuft, so in gewisser Weise auch ein Rassen-Revival. „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, heißt es in Artikel 3 des Grundgesetzes. Die „Rasse“ soll hier jetzt verschwinden. Eigentlich kein Problem. Warum das umstrittene Wort „Rasse“ beibehalten? Die Nennung von Abstammung und Herkunft genügt doch.
Der Haken ist nur: Als das Wort „Rassismus“ in den 1920er Jahren aufkam, meinte es genau dies: jemanden wegen seiner Rasse bevorzugen oder benachteiligen. Es setzte die Existenz von Menschenrassen selbstverständlich voraus. Wenn aber gar keine existieren, hat es keinen Gegenstand mehr. Es müsste genauso entfallen. Von ethnischer Diffamierung zu reden würde genügen. Wir erleben aber das Gegenteil. Das R-Wort wird tabu, während Rassismus zum Weltmissstand Nummer eins aufsteigt. Er wird diagnostiziert, wann immer aus einer Gruppe etwas Hämisches über andere ertönt; in allen Poren und Winkeln der Gesellschaft wird er aufgespürt und als kolonialistischer, antisemitischer, antimuslimischer, sexistischer, sensorischer, struktureller Rassismus, zur Not gar als Rassismus ohne Rassen identifiziert. Überall sollen ihm Rassismusbeauftragte Einhalt gebieten. Das tabuisierte R-Wort feiert in Gestalt eines inflationierten Rassismusbegriffs Wiederauferstehung, wie das tabuisierte N-Wort in Gestalt einer neuen Schwarz-Weiß-Interpretation der Weltlage.
Tabus und Sprechverbote
Die Logik des Tabus wird hier offenkundig. Warum das so nachdrückliche Verbot bestimmter Worte? Weil sie hoch attraktiv sind. Das Verbotene ist das verleugnete Ersehnte. Nach den Jahrzehnten, in denen es um Kapitalismus und Sozialismus ging, geht es nun wieder um Rasse und Hautfarbe. Allerdings auf neue Weise: im Modus der Verneinung. Diejenigen, die darauf dringen, das N-Wort und R-Wort auszumerzen, weisen strikt von sich, dass sie die Absicht hätten, die Weltlage durch eine Hautfarben- und Rassentheorie zu begreifen. Aber sie klammern sich förmlich an das Wort Rassismus, das ständig die Erinnerung an ebendie Kategorie „Rasse“ wach hält, die es gar nicht geben und die daher auch aus dem Sprachgebrauch verschwinden soll.
Weitere Sprechverbote befinden sich in der Erprobungsphase. Bitte nur noch von menstruierenden Personen sprechen, nicht mehr von Frauen, sonst beleidigt man Menschen, die zwar allmonatlich ihre Menstruation haben, sich aber nicht als Frauen fühlen. Bitte nur noch von Elternteil und Co-Elternteil sprechen, nicht mehr von Vater und Mutter, sonst stigmatisiert man Menschen, die nach der Zeugung oder Geburt von Kindern das Geschlecht gewechselt haben. Auch hier ist konstruktivistische Sprachmagie auf dem Vormarsch. Geschlecht soll pure Konstruktion sein, etwas vollkommen Fluides, was jeder bestimmen kann, wie er will. Aber niemand soll von Mann und Frau, Vater und Mutter sprechen dürfen. Die physische Zweigeschlechtlichkeit, ohne die es die bestehende Artenvielfalt inklusive Menschheit nicht gäbe, gehört ausgeblendet.
Das Gemeinsame der Worte, die da unter Verbot geraten, ist, dass sie an Natur erinnern. Natur an sich soll es jedoch nicht mehr geben. Sie ist ja bloß eine Konstruktion. Diese Naturverleugnung unterliegt allerdings einer Naturgesetzmäßigkeit, von der die menschliche Psyche nicht loskommt: der Wiederkehr des Verdrängten. Wenn es Natur an sich nicht gibt, weil alles Konstruktion ist, weil sich alle Natursachverhalte in Diskurse verflüchtigen, dann sind Diskurse von Natursachverhalten auch nicht mehr verschieden. Diskurs ist selbst Natur. Wort ist selbst Ding.
Die Verflüchtigung der Natur in Konstruktion führt zur Renaturalisierung der Worte (Sprachmagie), zur Übersubstantialisierung der Sexualität (jede sexuelle Orientierung soll ein eigenes Geschlecht sein), zur Refetischisierung der Hautfarben (colors matter) und zur Reethnisierung der Menschheit. Und das Internet, das doch zur Direktverbindung aller mit allen führen sollte, fungiert als Treibhaus dieser Wiederkehr.
Der Autor ist emeritierter Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.