MESOPOTAMIA NEWS : …. SCHON FRIEDRICH II. WAR NAZI ?   – DIE SYSTEMISCHE AUSLÖSCHUNG EINER KULTUR & IHRER POPULATION

„Es ist unübersehbar, dass sich der Wissenschaftsrat am Namen des preussischen Kulturbesitzes furchtbar stört, dem er als «Markenidentität» flugs die Eignung abspricht. Klartext: Preussen soll als kulturhistorischer Bezugspunkt abgeschafft werden.“

Der Preussische Patient. Sind die Deutschen eine Kulturnation?

Mit dem Preussischen Kulturbesitz würde mehr als eine Stiftung aufgelöst. Es wäre damit eine Tradition der Preussenfeindlichkeit fortgeschrieben, die jene historische Epoche auf die deutsche Schuld verkürzt.

Claudia Schwartz – 29 Juli 2020 – NEUE ZÜRCHER ZEITUNG –

Bei Siegfried Lenz trägt es sich zu, dass zwei mit ihren Pferdeschlitten auf einem schmalen Waldweg aufeinandertreffen. Keiner will weichen, so dass die Männer samt Pferden fortan aus ihren Dörfern mit Kohlrouladen, Hafer, Durchhalteparolen und Streicheleinheiten versorgt werden, bis eines Tages der notwendige Bau einer Kleinbahn dem Spektakel ein Ende bereitet und ein Kran sie abtransportiert. Lenz suchte im ostpreussischen Masuren («So zärtlich war Suleyken») seine an Kultur reiche, vom Fortschritt verschonte und im Personal verschrobene Heimat. Das heutige Deutschland hat seine Stiftung Preussischer Kulturbesitz (SPK).Das eine erinnert jedenfalls ans andere, liest man das Gutachten des Wissenschaftsrates über die Verfasstheit der grössten deutschen Kultureinrichtung, die Sammlungen von Weltrang vereint: Die Rede ist von der Notwendigkeit, ein «gemeinsames Selbstverständnis» zu entwickeln, von «unnötigen Abstimmungsprozessen», Reibungsverlusten, monatelang sich dahinziehenden Personalentscheiden. Währenddessen weist die «Hauptverwaltung» (!) ein Dutzend Mitarbeiter für Kommunikation aus, ohne dass hier angeblich einer jemals den Draht zu den sozialen Netzwerken gefunden hätte, um Ausstellungen zu bewerben oder über die Pionierarbeit in der Provenienzforschung zu informieren.

Zwischen Spätbyzanz und DDR

Die Diagnose überrascht kaum, eher schon erstaunt, dass jetzt plötzlich jemand etwas gegen diese Schwindsucht unternehmen will. Die SPK hütet einen der weltweit grössten Kulturschätze unter ihrem Dach, aber sie gilt traditionell als geistig träge, in den Strukturen als entwicklungsresistent, in den Hierarchien als verkrustet.Erinnerungen werden wach an den heftigen Streit in den neunziger Jahren, als es darum ging, die beiden staatlichen Berliner Bibliotheken Unter den Linden (Ost) und am Kulturforum (West) unter einen Hut zu bringen. Die damaligen Kämpfe muteten wie ein Stellvertreterkrieg für deutsch-deutsche Animositäten an, die seelische Stimmungslage schaukelte sich hoch zwischen spätbyzantinischer Besitzstandswahrung hüben und sozialistischem Versorgungsanspruch drüben.

Hat sich in dem Vierteljahrhundert seither etwas verändert? Was die Staatsbibliothek anbelange, Ja, sagt der Wissenschaftsrat und verbucht die gerade in ihrem Stammhaus Unter den Linden fertig sanierte, grösste wissenschaftliche Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum in seiner rund 300 Seiten umfassenden Anamnese als Erfolgsgeschichte: Die Stabi sei heute gut auf Nutzer eingestellt, baue auf ein Selbstverständnis als Wissenschafts- wie als Forschungsbibliothek und meistere die digitale Transformation.

Ganz anders sieht es bei den Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) aus, jenen Häusern also, die Ruhm und Glanz des preussischen Kulturerbes erst in die weite Welt hinaustragen könnten, vorausgesetzt, man darf so etwas in Zeiten der Kolonialismusdebatte überhaupt noch sagen. Und vorausgesetzt natürlich, es findet sich in der preussischen Hauptstadtmetropole noch im Laufe der zwanziger Jahre jemand, der das Twittern kunstfertig beherrscht.

Welten zusammenführen

Natürlich wäre solcher Spott billig, würde man nicht würdigen, was die SPK seit der Wiedervereinigung alles geschultert hat. Keine andere Kultureinrichtung der Welt musste über den Normalbetrieb hinaus eine solche Herkulesaufgabe stemmen. Neben der Zusammenlegung der Staatsbibliothek waren auch die Bestände jener 15 (auf 19 Standorte verteilten) Museumssammlungen neu zu ordnen. Die etappenweise Restaurierung der Berliner Museumsinsel, seit 1999 Unesco-Weltkulturerbe, brachte die Institution mehr als einmal an den Rand ihrer Kräfte; als letztes Haus wird derzeit das Pergamonmuseum grundsaniert.

In den neunziger Jahren hatten die Museumsangestellten alle Hände voll zu tun, die Wassereimer zu leeren und wieder sorgsam zu platzieren, wo es in Schinkels und Stülers Baujuwelen von der Decke tropfte. Die DDR hatte ganze Arbeit geleistet, wenn es um das unliebsame preussische Erbe in Berlins historischer Mitte ging. Was sich eben nicht nur in der Sprengung des Schlosses als Symbol des Feudalismus niederschlug, sondern auch in der bewussten jahrzehntelangen Vernachlässigung der weltberühmten, 1841 vom preussischen König Wilhelm IV. als Freistätte für Kunst und Wissenschaft entworfenen Museumsinsel.

Das Gutachten würdigt daher die Arbeit der 1957 zur Bewahrung des preussischen Kulturerbes gegründeten SPK ausdrücklich, die seit der Wiedervereinigung «unterschiedliche institutionelle Kulturen und Organisationsformen», sprich: Welten zusammenführte. Die Klage, dass die Berliner Museen nicht die Strahlkraft des Louvre oder der National Gallery in London hätten, greift also zu kurz. Während man in Berlin noch die Bilder rettete, die Löcher in der Decke stopfte und die Deutschen versöhnte, nahmen die Museen der Welt längst ihren Weg in die Zukunft, entstaubten ihr Leitbild, wandelten sich von klassischen Bildungsstätten zu zeitgemäss geführten Unternehmen mit modernen virtuellen und interaktiven Präsentationsformen. In Berlin is det allet nüscht.

Den Grund dafür sehen die Experten in mangelnder Flexibilität und Handlungskompetenz – Folgen einer schwerfälligen Dachorganisation. Da die Fähigkeit zu Strategie und Leistung auf der Strecke geblieben ist, lautet die Empfehlung deshalb: Die SPK aufzulösen und vier eigenständige Institutionen zu bilden, neben der Staatsbibliothek das Geheime Staatsarchiv, das Ibero-Amerikanische Institut (alle unter Ägide des Bundes) sowie die SMB (unter der Führung eines Generalintendanten, gemeinsam getragen vom Bund und vom Land Berlin). Die Erfahrung in Berlin hat gezeigt, dass es nur einigermassen läuft, wenn sich der Bund bei der Hauptstadtkultur stärker engagiert. Der Vorschlag, bei den Museen das Land Berlin weiterhin in der Mitverantwortung zu halten, erscheint deshalb wenig schlüssig, weil Berlin in der Vergangenheit nicht selten als Bremsklotz wirkte, wenn der Bund der Stiftung mehr Geld sprechen wollte.

«Forschungsermöglichungsraum»

In der Idee eines Forschungscampus Dahlem, von der man seit einer gefühlten Ewigkeit reden hört, als wäre es eine geritzte Sache, sehen die Experten allenfalls «Entwicklungspotenzial», betonen aber, dass die bauliche Planung «nicht losgelöst von den inhaltlichen Zielen» erfolgen dürfe. Gut, dass das einmal festgehalten wird in dem Land, wo sich die Politik für über 600 Millionen Euro zuerst ein Hohenzollern-Schloss gönnte, um dann unter dem weitläufigen Namen eines Humboldt-Forums ein Bespielungskonzept zusammenzuschustern. Der im Dahlemer Kontext beschworene «Forschungsermöglichungsraum» erinnert indes schon wieder fatal an jene so berühmten wie selbstgenügsamen «Bemühenszusagen» der Berliner Politik, aus denen immer nie etwas wird.

Während das Gutachten bis anhin erstaunlich wenig Diskussionen auslöste, stellte der Kunstmäzen Peter Raue in der Berliner Lokalpresse schon einmal die wichtige Frage, wo das Geld etwa für mehr Personal eigentlich herkommen solle. Er verweist auf den Berliner Ausstellungsetat mit gerade einmal 1,6 Millionen Euro jährlich für 15 Museen, was diese «praktisch zur Untätigkeit» verurteile. Es lässt sich also nicht mehr verbergen, welchen Krater das wiederaufgebaute Berliner Schloss in die deutsche Kulturlandschaft reisst. Hier wird das neue Beratergremium kreativ gefordert sein, das den derzeit der föderalen Trägerschaft geschuldeten, sprich: politisch besetzten Stiftungsrat ersetzen soll. Was ja grundsätzlich keine schlechte Idee wäre, wenn ein paar Leute da sitzen, die auch von der Sache etwas verstehen.

Bis dahin dürfte es allerdings Jahre dauern; Monika Grütters hat die SPK-Reform in den Koalitionsvertrag schreiben lassen. Es werden harte Verhandlungen folgen, und ob die Länder auf ihre kulturelle Einflussnahme in der deutschen Hauptstadt verzichten wollen, steht in den Sternen.

Im Namen Preussens

Neben diesem gross angedachten Eingriff ins kulturpolitische Machtgefüge birgt das Gutachten noch ordentlich ideologischen Sprengstoff in der Frage, ob und wie sich die Deutschen denn eigentlich drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung als Kulturnation verstehen wollen. Es ist unübersehbar, dass sich der Wissenschaftsrat am Namen des preussischen Kulturbesitzes furchtbar stört, dem er als «Markenidentität» flugs die Eignung abspricht. Klartext: Preussen soll als kulturhistorischer Bezugspunkt abgeschafft werden.

Es mag dem Besucher der Museumsinsel tatsächlich wurscht sein, wie diese einzigartige Kulturlandschaft im Herzen Berlins in ihrer klaren Formensprache, in der Abkehr vom Pomp das bürgerliche Ideal des selbstbestimmten Lebens, die Werte der Aufklärung und Toleranz hochhält. Es geht um die identitätsstiftende Frage, wie viel und welches Preussen sich mit dem Selbstverständnis der Deutschen noch verbindet. Dieser Streit wurde nicht zufällig immer dann an die Oberfläche der historischen Debatte gespült, wenn die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit aufbrach – in den achtziger Jahren und nach der Wende. Oder andersherum gefragt: Welche Tradition kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bliebe der deutschen politischen Kultur dann noch ausser dem Pflichtstoff von 12 Jahren NS-Schreckensherrschaft?

Man kann natürlich immer alles abschaffen, auch die Preussen-Erinnerung. «Die Zeit» erkennt im Tilgungsvorschlag einen Auswuchs jener moralischen Debatte unserer Gegenwart, die «sich immer schwerer tut mit Vergangenheiten, die moralisch nicht ticken wie sie selbst». Zumindest aber wäre damit eine Tradition der Preussenfeindlichkeit fortgeschrieben, die jene historische Epoche auf «eine teleologische Betrachtungsweise der deutschen Schuld verkürzt» (Christopher Clark).

Da war Deutschland eigentlich schon einmal weiter. So nutzt die Bundespolitik in Berlin seit zwei Generationen wieder jene monumentalen Architekturen, welche die Nationalsozialisten bauten. Was Walter Benjamins kritischem Geschichtsbegriff entspricht, der besagt: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne ein solches der Barbarei zu sein.»

Der frühere SMB-Generaldirektor Peter-Klaus Schuster wies gerne auf das nationale Pathos der Inschrift unter dem Giebel der Alten Nationalgalerie hin – «Der Deutschen Kunst». Womit Preussen bereits 1865, also Jahre vor der im Politischen realisierten Einheit, ein Zeichen der deutschen Kulturnation setzte. Man kann vom Namen Preussen absehen, aber die kulturelle Heimat einer Nation liegt immer im Rücken der Geschichte.