MESOPOTAMIA NEWS : PRINCE HARRY gaga „THE WELTRETTER“ OF WINDSOR & MOUNTBATTEN / ZEITZEICHEN & WAHNWELTEN
Harry und Oprah : Heilung für die ganze Welt
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Von Novina Göhlsdorf FAZ – -Aktualisiert am 06.06.2021- Oprah Winfrey hat einen neuen Patensohn: Harry.
Nach intensiver therapeutischer Arbeit an sich selbst ist Prinz Harry zum Botschafter für „mental health“ geworden. Was das bedeutet, kann man in der Fernsehshow „The Me You Can’t See“ mit Oprah Winfrey analysieren.
Die Maske muss abgenommen werden“, sagt Prince Harry zu Beginn von „The Me You Can’t See“. Damit beschreibt er das Leitmotiv und Grundprinzip der fünfteiligen Dokumentarserie, die am 21. Mai auf der Streaming-Plattform Apple tv+ veröffentlicht wurde. Prince Harry ist ein Gegner der Maske, unter der das Ich, das in unserer Gesellschaft vermeintlich nicht gesehen wird, verborgen bleibt: das psychisch leidende Ich.
Und er macht vor, wie Demaskierung geht. Eine der Masken, die er in dieser Serie zuallererst abnimmt, ist sein Prinzentitel. Hier ist er einfach nur „Harry“, einer von vielen; er trägt keinen Titel, sondern eine Wunde. Außer im Abspann der Serie, da wird Prince Harry, the Duke of Essex, nämlich als ihr Ko-Produzent aufgeführt.
„The Me You Can’t See“ hat er zusammen mit Oprah Winfrey produziert, und in der Serie treten beide auf als sogenannte Gastgeber, aber auch als Angehörige der Gemeinde derer, die hier ihr versehrtes Ich zeigen. Zwiegespräche zwischen Oprah und Harry, von Sessel zu Sessel, bilden den Rahmen und roten Faden aller Folgen. Natürlich sind es keine Zwiegespräche. Sie erzeugen einen scheinbar vertraulichen Raum, dessen heimelige Intimität sich an ein Millionenpublikum richtet.
Auch darin schließen sie an das bereits monumental gewordene Interview an, das Harry und Meghan Markle Oprah Anfang März gegeben haben, über die Gründe für ihren Rücktritt als Senior Royals. Wie in etlichen anderen Interviews, die Oprah in den letzten vier Jahrzehnten geführt hat, bringt sie in den Sessel-Gesprächen mit Harry ihr Gegenüber mit direkten Fragen dazu, Persönliches preiszugeben, und knüpft daran ungefragt eigene private Einlassungen an. Im ersten dieser Gespräche geht es um das Trauma, das Harry, wie er sagt, durch den Tod seiner Mutter davongetragen und dem er sich erst in jüngerer Zeit gestellt hat.
Erzählt Oprah von sich oder tut seelenkundliches Grundlagenwissen kund (was oft ununterscheidbar ist), gibt Harry sich als guter, aber stiller Zuhörer, der verständnisvoll und ein bisschen ehrfürchtig nickt, wie ein Kind, das sich von seiner Mutter die Welt erklären lässt. Oprah, die in der Serie mehrmals von „ihren Mädchen“ spricht, die sie im Lauf vieler Jahre als eine Art Patin versorgt hat, hat diesmal, scheint es, einen Jungen unter ihre Fittiche genommen. Er heißt Harry, und er hat, das wussten wir schon vorher, ein neues amerikanisches Zuhause.
Mit der Serie wird endgültig klar, dass er auch einen neuen Job hat, einen Self-made-Job im wahrsten Sinne. Nach intensiver therapeutischer Arbeit an sich selbst ist er nun zum internationalen Botschafter dafür geworden, „mental health“ – psychische Gesundheit – zum öffentlichen Thema zu machen. Sie sei, beteuert er, das größte Problem unserer Zeit. Neben dem Klimawandel.
„The Me You Can’t See“ hat ein starkes Sendungsbewusstsein. Die Serie will über mentale Störungen aufklären und dazu beitragen, ihnen das Stigma zu nehmen, mit dem sie noch belegt seien. Sie will das Bewusstsein dafür erhöhen, wie verbreitet diese Störungen sind und dass es an Mitteln zu ihrer Prävention und Behandlung fehlt. Nicht zuletzt will sie erste Hilfe leisten für Betroffene, die vielleicht noch gar nicht ahnen, dass sie es sind.
Glaubt man den mitunter begeisterten Kritiken, gelingt ihr das. Was ihr in jedem Fall glückt, ist, das in Szene zu setzen, was Harry besorgt diagnostiziert: „Global pain“ – Schmerz weltweit. Spätestens durch Corona seien wir alle zu hundert Prozent traumatisiert, durch Isolation, Ängste, Trauer. Was derzeit so mancher befürchtet, erklärt Harry kurzerhand zur Tatsache: Die Covid-Pandemie hat noch eine andere, nachhaltigere Pandemie hervorgerufen, indem sie die psychische Gesundheit aller angeschlagen hat. Die Serie und er, Harry, ganz persönlich, möchten nicht weniger, als die ganze Welt zu heilen. „The Me You Can’t See“ soll eine Art Miniatur dieser Welt abbilden und die Heilung einleiten.
Jede Folge lässt etwa fünf Menschen von ihren seelischen Zusammenbrüchen erzählen, ihren Symptomen, Syndromen und Therapien. Viele von ihnen, angefangen mit Harry und Oprah selbst, sind Prominente, die offenlegen, wie sie mit ihrem Leben und nicht selten um ihr Leben kämpfen oder gekämpft haben.
Sie lassen also ihre Masken fallen oder tun dies, wenn sie ihre Erkrankungen und Krisen schon zuvor öffentlich gemacht haben, für die Serie ein weiteres Mal, nun als Teil eines betont diversen Ensembles, dadurch verbunden, dass sämtliche Mitglieder sich als psychisch erkrankt oder belastet identifizieren. Die Serie ist eine Kompilation von Fallgeschichten, die sehr unterschiedlich sind, sich aber harmonisch einander anschmiegen.
Lady Gaga in „The Me You Can’t See“ : Bild: Courtesy of Apple