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Abzug der Truppen aus Afghanistan – Die große Illusion
Ein Kommentar von Christoph Reuter DER SPIEGEL – Das deutsche Scheitern in Afghanistan berührt ein tieferes Problem: das Unvermögen der westlichen Welt, Regime nicht nur zu stürzen, sondern auch eine neue, demokratische Ordnung aufzubauen, die selbsttragend überlebt. 01.07.2021, 19.30 Uhr
Soldaten vor dem Abflug aus Masar-i-Scharif: So unsichtbar ihr Abzug war, so unsichtbar war die Bundeswehr zuletzt auch in Afghanistan
Die letzte Maschine der Luftwaffe verließ Afghanistan am Dienstagabend. Ein diskreter Abschied, Stunden früher als ursprünglich geplant, mit ausgeschalteten Transpondern, um schlechter ortbar zu sein. Er fügt sich ins Bild der vergangenen Jahre. Denn im Grunde hat die Bundeswehr Afghanistan schon vor Jahren verlassen. So unsichtbar wie ihr finaler Aufbruch war lange zuvor schon die Präsenz der Truppe im Land geworden. Bis zum Ausbruch der Coronapandemie wurden noch afghanische Sicherheitskräfte in Camp Marmal ausgebildet, seither lief auch das Training nur noch online. Dass die Bundeswehrsoldaten sich tatsächlich in Afghanistan aufhielten, spielte für die letzten Restposten der ursprünglichen Mission kaum mehr eine Rolle.
Der Abzug aus Afghanistan, es war eher die Aufgabe einer Raumstation, die sonst wo hätte existieren können, als der Abschied von einem Land.
Als in den frühen Nullerjahren die Verantwortungsgebiete innerhalb der Nato-Stabilisierungsmission aufgeteilt wurden, übernahmen die Deutschen die Nordostprovinzen. Diese sind in den vergangenen Jahren immer stärker unter Kontrolle der Taliban geraten. Allen voran Kunduz, das sich während der deutschen Mandatszeit von einer verschlafenen Provinzhauptstadt in eine No-go-Zone verwandelte, zweifach überrannt und auch nach der letzten Rückeroberung unterwandert von den Taliban.
In sämtlichen anderen Provinzen, wo einst die Bundeswehr präsent war, wurden in den vergangenen Wochen reihenweise Bezirke von den Taliban eingenommen, wird die Zone um die Provinzhauptstädte kleiner und kleiner, ist auch deren Fall eine Frage der Zeit.
Chancenlos gescheitert
Ist die Bundeswehr an ihrem Anspruch gescheitert, Afghanistan als ein stabiles, demokratisches Land zu verlassen? Zweifellos ja.
Hätte sie die Chance gehabt, im Rahmen der Nato-Mission erfolgreich zu sein? Kaum.
Den Absturz der Regierung, den Wiederaufstieg der Taliban im Zeitlupentempo haben weder die US-Truppen noch die Verbände Großbritanniens, Kanadas, Spaniens, Italiens, Polens, Dänemarks und anderer Staaten aufhalten können.
Die Kernbotschaft der Nato-Mission blieb über 20 Jahre in Afghanistan: Wir sind ja bald weg.
Das Scheitern der Afghanistan-Intervention nach zwei Jahrzehnten berührt ein tieferes Problem: das Unvermögen der westlichen Welt, Regime wie das der Taliban in Afghanistan 2001, das von Saddam Hussein im Irak 2003 nicht nur zu stürzen, sondern anschließend auch eine neue, demokratische Ordnung aufzubauen, die selbsttragend überlebt.
Bei allen Unterschieden zwischen den Ländern gibt es einige wiederkehrende Fehler, die trotz aller waffentechnischen, finanziellen Überlegenheit zum Scheitern beitragen: Mit knapp bemessenem zeitlichen Mandat sollen politische Systeme umgekrempelt werden, ohne vorher zu klären, welches Personal im besetzten Land dafür vorhanden ist, wie Veränderung funktionieren kann. Die Mandate zur Entsendung werden dann meist verlängert, aber es bleibt ihnen stets der Makel kurzer Haltbarkeit.
Die Taliban brauchten nur abzuwarten
Im Falle Afghanistans hieß das, die alten Warlords an die Macht zu hieven, deren Gräuel vor 30 Jahren die beste Werbung für die Taliban waren. Es war Washingtons Idee, aber Deutschland ist ihr gefolgt. Und die Kernbotschaft der Nato-Mission blieb über 20 Jahre: Wir sind ja bald weg.
Die Taliban brauchten nur abzuwarten.
Dazu kommt das Dilemma der Erwartungen: Eine hochgerüstete Truppe landet in Kunduz oder sonst wo. Wird sie aber angegriffen und erleidet Verluste, beginnt der Rückzug: erst hinter immer mehr Betonwälle, schließlich aus dem Land. Militärische Gegenreaktionen werden brutaler, treffen auch Zivilistinnen und Zivilisten. Das Stigma der ausländischen Truppen, nur Eroberer und Besatzer zu sein, lässt den Widerstand gegen sie anwachsen.
Das Ergebnis im Fall Afghanistans ist doppelt fatal: Die Bundeswehr und andere Truppen verlassen hastig wie Verlierer das Land. Und geben preis, was sie 20 Jahre lang aufbauen wollten.
Dazu kam die systemische Verantwortungslosigkeit des Westens: Keine Regierung wollte ein Scheitern eingestehen. Stattdessen reichte man es von Legislaturperiode zu Legislaturperiode einfach weiter, verbreitete Schönfärberei, anstatt frühzeitig Bilanz zu ziehen.
Das Ergebnis im Fall Afghanistans ist doppelt fatal: Die Bundeswehr und andere Truppen verlassen hastig wie Verlierer das Land. Und geben preis, was sie 20 Jahre lang aufbauen wollten: eine Generation von Afghanen und Afghaninnen mit gleichen Rechten, die groß geworden sind in der Blase einer Illusion.