MESOPOTAMIA NEWS NEUSTE KONSTRUKTION a la Francaise : Islamo-Gauchismus“ ist antikapitalistisch, antikolonialistisch und antizionistisch!“
Marx, Macron und Mobutu
Frankreich erlebt einen „Bürgerkrieg der Ideen“. Im Zentrum steht der Streit um den „Islamo-Gauchismus“.
Von Jürg Altwegg, Genf – 8 April 2021 – FAZ – Aufruhr im Nachbarland: Demonstranten fordern den Rücktritt vom Frédérique Vidal. Ein Gespenst geht um in Frankreich, es nennt sich „Islamo-Gauchismus“. Hunderte von Intellektuellen fordern den Rücktritt von Forschungsministerin Frédérique Vidal: Eine „Hexenjagd“ habe sie mit der Anordnung einer Untersuchung in den Universitäten ausgelöst. „Der ,islamo-gauchisme‘ ist keine wissenschaftliche Realität“, replizierte das Forschungsinstitut CNRS, das Vidal mit der Enquete beauftragen wollte (F.A.Z. vom 24. Februar).
Der Begriff wurde zu Beginn des Jahrtausends von Pierre-André Taguieff geprägt. Der Politologe bezeichnet mit ihm die Allianz zwischen Islamisten und extremer Linker. Geschlossen wurde sie im Namen der Palästinenser.
In Israel hatte die zweite Intifada begonnen; in den französischen Banlieues wurde Bin Ladin als Held gefeiert. 2002 kam Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl gegen Jacques Chirac, der den weltweiten Widerstand gegen den Einmarsch im Irak anführte.
Taguieff definiert den „Islamo-Gauchismus“ als antikapitalistisch, antikolonialistisch und antizionistisch. Der Antisemitismus, den die extreme Rechte und die katholische Kirche verkörperten, wurde zum Merkmal der Linksradikalen und der Islamisten. Sie halten Taguieff „Islamophobie“ entgegen. Ihr Schulterschluss entspricht der von Tariq Ramadan verfolgten Strategie der Muslimbrüder. Der Linken eröffnete er die Erneuerung revolutionärer Hoffnungen. „Der Kampf gegen die Islamophobie ist für die Islamisten und die ,Gauchistes‘ die Mutter aller Schlachten“, sagt Pierre-André Taguieff.
Vidal: Der „Islamo-Gauchismus vergiftet die Gesellschaft“, sagte die Ministerin und löst damit den Konflikt aus.
Heute würde er den Begriff anders bilden: „Islamo-Dekolonialismus“. Über die „Intersektionalität“ haben der „rassische Pseudo-Antirassismus“, den Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut für rassistisch halten, der „kriegerische Feminismus“ (Elisabeth Badinter) und die Genderimperative in einer neuen Ideologie Einzug gehalten. Der Soziologe Shmuel Trigano beschreibt sie in „La nouvelle idéologie dominante“ nach den Kriterien von Karl Mannheim als „Postmodernismus“. Er führt sie auf die „Dekonstruktion“ zurück. Sie ist eine Synthese der „French Theory“, der „fortschrittlichen amerikanischen Ideen“, von denen die „New York Times“ schrieb, dass Frankreich sie als Bedrohung seiner Republik empfinde.
Der Artikel dort ist die leicht hämische Antwort auf Macron, der nach der Enthauptung des Lehrers Samuel Paty durch Islamisten der „New York Times“ mangelndes Verständnis für den Laizismus in Frankreich vorgeworfen hatte. Die Zeitung zitiert den „Experten für Islamophobie“, Abdellali Hajjat, der von Paris nach Brüssel umgezogen ist, wo die akademische Freiheit größer sei. In Frankreich werde die Islamophobie verleugnet und jeder, der sich mit ihr befasse, der geistigen Komplizenschaft mit den Terroristen bezichtigt. Die „Attacken auf die amerikanischen Universitäten werden von männlichen weißen Intellektuellen geführt“, die Angst vor „schwarzen und muslimischen Intellektuellen“ hätten, erklärt der Pariser Soziologe Eric Fassin den Lesern der „New York Times“: „Für Macron sind nicht die rassistischen Gewohnheiten der Institutionen das Problem, sondern jene, die sie anprangern.“
Wie in Nordkorea?
Vidalkündigte die Untersuchung nach dem Erscheinen des Artikels an. Dadurch wurde der wenig geläufige Begriff zum politischen Kampfbegriff. Hundertdreißig Intellektuelle unterstützen die Ministerin, darunter die Islam-Experten Gilles Kepel und Bernard Rougier sowie der Historiker Pierre Nora. Die Enquete sei eine Notwendigkeit, doch dem CNRS fehle die Glaubwürdigkeit. Sie zitieren aus einem Vorwort des CNRS-Vorsitzenden Antoine Petit, der sich – in inklusiver Schreibweise – zu Rasse und Gender als „Deutungsschema und Lesart“ bekennt und es für einen Fortschritt der Wissenschaft hält, wenn sich „das Soziale hinter der Rasse verflüchtigt“.
Ein Professor der Sciences Po gibt Studenten, die sich an die Gender-Grammatik halten, bessere Noten. Auch der Kampf um die Nachfolge von Olivier Duhamel, der wegen der Vergewaltigung seines Stiefsohns zurücktrat, steht im Zeichen des „Islamo-Gauchismus“. Gegen die Kandidatin Nonna Mayer läuft eine Kampagne der Gender-Gegner und Anti-Dekolonialen. Ihre Anhänger wiederum unterstellen der Kaderschmiede der Elite ein Wahlverfahren „wie in Nordkorea“. Die einflussreiche linke Studentengewerkschaft Unef führt „nichtgemischte“ Veranstaltungen durch, zu denen Weißen der Zutritt verboten ist. Unterrichtsminister Jean-Michel Blanquer fürchtet eine „Entwicklung der sogenannt ,Fortschrittlichen‘ in Richtung Faschismus“. Die Spitzenkandidatin der Sozialisten bei der anstehenden Regionalwahl in Paris, die Journalistin Audrey Pulvar, hat sich zu ihnen bekannt.
Als „Faschisten“ wurden auf Graffiti in Grenoble zwei „islamfeindliche“ Professoren denunziert. Samuel Paty wurde wegen Mohammed-Karikaturen enthauptet. Wird fortan die Islamophobie zum Vorwand für Attentate? Dann hätten die Islamisten ein Ziel ihres Kulturkampfs erreicht. Mohamed Sifaoui beschreibt die Unterwanderung der Universitäten in „Die Totengräber der Republik“. Endlich, kommentiert er die Äußerungen der Minister Vidal und Blanquer, „nennt die Politik das Problem beim Namen“.
Wider totalitäre Tendenzen
Der „Islamo-Gauchismus“ ist kein Hirngespinst der Rechtsextremisten. Von einem „Verschwörungsthema“ ist in der Rücktrittsforderung der sechshundert Intellektuellen die Rede. Sie sehen sich als Opfer einer „Hexenjagd“, schreibt Johann Chapoutot in „Libération“. Er ist Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus. Der Historiker bringt um das Jahr 1600 verbrannte Hexen mit dem Buchdruck, der Reformation, dem Aufkommen des modernen Staats und der politischen Philosophie in Verbindung. Auch heute bekämpfen düstere Mächte den zivilisatorischen Fortschritt – anders kann man Chapoutots Gleichnis zum „Islamo-Gauchismus“ nicht auslegen.
Der Sciences-Po-Professor Guillaume Lachenal rückt Macron in die Nähe eines afrikanischen Diktators: „Von Mobutu bis Vidal wird mit obszönen und absurden Worten die Wirklichkeit umgeschrieben.“ Lachenal beschreibt die von belgischen Katholiken in Kongo begründete Université Lovanium wie folgt: Die Studenten haben Frantz Fanon gelesen, Antikolonialisten aus aller Welt schwärmten von der Hochschule. Dann wurde das Konzept „Afrikanisierung“ entwickelt und die Universität als „Oase des Kolonialismus“ empfunden. Mobutu, der nach dem Ende der Kolonialherrschaft die Macht an sich gerissen hatte, nahm das zum Vorwand für die Abwicklung der Universität: „Er ließ die dreitausend Studenten in Lastwagen abführen“ und steckte sie als Zwangssoldaten in Militärlager, schreibt Lachenal und fährt fort: „Von Mobutus Methode hat unsere Regierung bereits den Hang zur Einschüchterung der öffentlichen Meinung übernommen.“ Er wisse nicht, „ob ich lachen oder auf die Lastwagen warten soll“.
Die Philosophin Sandra Laugier überschreibt ihre Kolumne in „Libération“: „Intellektuelle aller Länder, enTRUMPelt euch!“ Nach der Wahl von Donald Trump 2016 drehten sich die Debatten um den Einfluss von Alain de Benoists „Nouvelle Droite“, die in ihren Anfängen faschistisch und rassistisch war, auf „Alt Right“ und die weißen Suprematisten in Amerika. Trumps Ideologe Steve Bannon lobte Jean Raspails Roman „Heerlager der Heiligen“, lud Marion Maréchal-Le Pen nach Amerika ein und kam zum Parteitag des „Rassemblement National“. Er versprach, die EU zu zerstören und in Europa Populisten an die Macht zu bringen.
Die transatlantischen Debatten nach Trumps Abwahl zeigen, dass es mit der seit 2002 beklagten Hegemonie der Neuen Rechten in Frankreich nicht mehr ganz so weit her ist. Für Pierre-André Taguieff ist der „Islamo-Gauchismus“ eine Utopie. Shmuel Trigano bescheinigt dem Postmodernismus eine „messianische“ Dimension und nennt ihn eine „Metastase des Marxismus“, der bis in die siebziger Jahre die Kultur und die Linke beherrscht hatte. Nach seinem Niedergang war der Kampf gegen den Faschismus und dessen „Wiederkehr“ ihre absolute Priorität. Sie gilt nicht mehr: Längst haben Intellektuelle erklärt, sie würden gegen Marine Le Pen nicht mehr Macron wählen. Dank des „Islamo-Gauchismus“ kann sich das „Rassemblement National“, wie immer man seine Distanzierung von Jean-Marie Le Pens Antisemitismus einschätzen mag, als Widerstand gegen eine totalitäre Tendenz profilieren, die den linken Universalismus verrät.
Renaissance der Utopie, Rückkehr der engagierten Linksintellektuellen: In Frankreich hat der neue „Krieg der Ideen“ begonnen. Eugénie Bastié, eine junge Journalistin beim „Figaro“ und Ikone der Konservativen, beschreibt ihn in „La guerre des idées“. Die radikalsten Vertreter der „French Theory“ – Eric Fassin, der Judith Butler nach Frankreich vermittelte, und Didier Eribon – verweigerten den Dialog, dem sie die Denunziation vorzögen, und befürworteten Zensur. Die Wissenschaft, so Bastié, wird in den Dienst des Kampfs der Minderheiten gegen ihre Unterdrückung durch „die Macht“ gestellt. Gleichzeitig zeichnet die Autorin das Porträt einer äußerst lebendigen intellektuellen Szene. Eugénie Bastié vergleicht sie mit den Zeiten des Kalten Kriegs und des Strukturalismus, als die ganze Welt nach Frankreich blickte: „Unser Land ist in vielen Bereichen abgehängt worden. Aber es ist auch das Theater des intellektuellen Widerstands.“