MESOPOTAMIA NEWS NARZISSTISCH-GEMÜTLICHES  OPFERDASEIN UNTER DER REGENBOGENFAHNE

Kolumne – Hurra, wir sind diskriminiert!

Dank reichlich Sensibilisierung darf sich heute jede und jeder diskriminiert fühlen und von Staat und Gesellschaft Genugtuung einfordern. Doch ist in einer Gesellschaft, in der sich alle diskriminiert fühlen, überhaupt noch jemand diskriminiert?

«Diskriminierung» kommt von lateinisch discriminare, was so viel heisst wie trennen, unterscheiden oder absondern. Nebst der modernen negativen Bedeutung dieses Begriffs hat sich im Englischen auch der ursprüngliche, neutrale Wortsinn erhalten. Für den ambitionierten Zuschauer einer Hundeschau zum Beispiel ist es wichtig, zwischen vielen Hunderassen unterscheiden zu können (to discriminate between dozens of dog breeds), während sich der discriminating music lover durch einen anspruchsvollen Musikgeschmack auszeichnet.

Claudia Wirz ist freie Publizistin und Redaktorin beim «Nebelspalter». 8 Juli 2021

Im Deutschen hat Diskriminierung indes eine (fast) ausschliesslich negative Konnotation. Das Wort steht für eine unrechtmässige Ungleichbehandlung gegenüber Personen oder Personengruppen, es sei denn, die nämliche Diskriminierung diene dem Abbau bestehender Ungerechtigkeiten, die ihrerseits auf Diskriminierungen beruhen.

Dann spricht man von «positiver Diskriminierung». Sie gilt als «gerecht», obwohl auch sie Opfer hervorbringt. Man denke etwa an die Frauenquote in den Teppichetagen. Männer, die ob solcher Diskriminierung das Nachsehen haben, können sich bestenfalls mit dem Gedanken trösten, einen heldenhaften Dienst an der Gerechtigkeit zu leisten. Die Unternehmen wiederum opfern auf dem Altar der Gerechtigkeit nichts Geringeres als ihre Souveränität in Personalfragen.

Die positive Diskriminierung zugunsten der Frauen ist auf dem Arbeitsmarkt nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Damit gewichtet der Staat ein gesellschaftspolitisches Planziel beziehungsweise das Interesse eines Kollektivs höher als dasjenige des Individuums.

Das ist nichts anderes als angewandte Identitätspolitik. Dass diese Politik vor allem im satt gewordenen Umverteilungsstaat ihre Blüten treibt, zeigt, um was es hier wirklich geht. Um Gerechtigkeit jedenfalls geht es nicht, umso mehr aber um Geld und Pfründen. Wir erleben gerade eine Art Renaissance der voraufklärerischen Privilegienwirtschaft. Wie einst in der Ständegesellschaft werden Menschen nicht mehr aufgrund ihrer individuellen Leistungen beurteilt, sondern in Kasten und Gruppen sortiert und entsprechend mit Vorrechten ausgestattet – oder eben nicht.

Im modernen Wohlfahrtsstaat hat sich das Motiv der Diskriminierung damit zu einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. Inmitten von Wohlstand, Rechtsstaat und sozialer Überversorgung fühlen sich heute so viele Leute diskriminiert wie nie zuvor. Frauen, Männer, Buben, Mädchen, Queere, Junge, Alte, Dicke, Dünne, Grosse, Kleine, Arme, Reiche, die mit Migrationshintergrund und die ohne, Raucher, Nichtraucher, Städter, Dörfler, Autofahrer, Velofahrer – sie alle dürfen sich heute benachteiligt fühlen und von Staat und Gesellschaft aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit Genugtuung einfordern.

Dies ist nicht der Königsweg in eine bessere Welt. Zwar könnte man zur Ansicht gelangen, dass in einer Gesellschaft, in der alle diskriminiert sind, tatsächlich irgendwie Gerechtigkeit herrscht. Nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und gutem Miteinander aber tönt das nicht, sondern vielmehr nach Trennung und Fragmentierung – eben ganz im Sinne des lateinischen discriminare.