MESOPOTAMIA NEWS : MIT DRAGHI AN DER SPITZE WERDEN GANGSTER ZU VOLKSHELDEN – ITALIEN 2021
Neapels kriminelle Banden : Scheinheilige
Ein Kommentar von Karen Krüger – FAZ – 20.03.2021-13:43 – Leere Uferstraße: Während in Neapel Ausgangssperren verhängt werden, wird die Mafia immer stärker. Im süditalienischen Neapel sind sie aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken: Wandgemälde von verstorbenen Kriminellen. Die Stadt will dagegen jetzt vorgehen. Dabei wächst das Bedürfnis nach dieser Art des Gedenkens.
Neapel ist bekannt für seine Wandgemälde von Banksy und Jorit Agoch. Aber auch die Welt des Verbrechens hat sich ihnen verschrieben. An Dutzenden Hauswänden, besonders in heruntergekommenen Vierteln des Stadtzentrums und der Peripherie, wo die Kriminalität hoch ist, gibt es sie: riesige Porträts von Ermordeten aus dem kriminellen Milieu. Sie sind dort, wo die Taten verübt wurden oder das Opfer lebte und jeder die Angehörigen kennt.
Die Banden und Clans demonstrieren mit den Wandgemälden: Die eigenen „Soldaten“, die „an der Front“ gefallen sind, werden nicht vergessen.
Es ist eine profane Märtyrer-Ikonographie. Sie macht die Ermordeten zu Schutzheiligen des Verbrechens und womöglich zu Vorbildern. Mit den Malereien wird aber auch ein Territorium markiert – wirtschaftliche Kontrolle und Gewalt allein reichen auf Dauer nicht aus. Es braucht Symbole und Zeichen, die den Menschen täglich begegnen und die Geschichte des Viertels und dessen Alltag visuell mit Bedeutung aufladen. Die Wandgemälde sind wie eine Überschrift, die man über ihr Leben dort setzt.
Besonders jetzt, da die Camorristi immer jünger werden und mit ihnen das Generationsmerkmal der Selbstfindung durch persönliche Zurschaustellung auf Facebook, Instagram und Tiktok Einzug in die Welt des Verbrechens gehalten haben, scheint das Bedürfnis nach solchen Bildern zu wachsen. Denn es werden ständig mehr. Die Wandgemälde der wahren Helden hingegen, derjenigen, die ihren Kampf gegen die organisierte Kriminalität mit dem Leben bezahlten, werden bei Nacht und Nebel entfernt oder zerstört.
Die Stadt übertüncht nur die eigene Niederlage
Das jüngste Beispiel ist das Porträt des jungen Journalisten Giancarlo Sinai, der Verbindungen zwischen Camorra und Politik öffentlich machte und 1985 mit zehn Schüssen in den Kopf getötet wurde. In Neapel ist ein Krieg der Bilder ausgebrochen, und deshalb hat der Stadtrat entschieden: Die Gemälde der Kriminellen müssen weg, ebenso Gedenkplaketten und für sie errichteten Mini-Altäre. Es ist der klägliche Versuch, im Kampf gegen einen Lebensstil, der auf Regeln und Gesetze des Staates pfeift, wenigstens visuell die Oberhand zu gewinnen. Den Kern des Problems wird man damit nicht beseitigen. Die Stadt übertüncht so nur die eigene Niederlage.
Wie überall auf der Welt wurzelt auch in Neapel die Kriminalität und deren Akzeptanz großteils in Armut, Ignoranz, Ausgrenzung und dem Gefühl, vergessen worden zu sein. Die Gesichter an den Wänden und deren Geschichten erzählen die Folgen, sie sind nicht die Ursache. Es gibt so viele Wände in dieser Stadt und viel zu viele junge Menschen, die von krummen Geschäften leben und dabei sterben. Mit Farbe und Pinsel ist dem nicht beizukommen, vor allem, da Waffengleichheit besteht.
Tote mit Porträts in den Straßen zu ehren ist überdies ein alter Brauch in Italien, den man nicht von heute auf morgen abstellen können wird. Die Wandgemälde werden erst dann weniger werden, wenn es weniger Tote gibt. Der Staat muss wieder dorthin vorrücken, von wo er vertrieben wurde oder vielleicht nie wirklich war. Er muss mehr Schulen, mehr Möglichkeiten für Arbeit und Sport, mehr Dienstleistungsangebote und damit Perspektiven schaffen. Die Korrekturen müssen nicht an Wänden vorgenommen werden, sondern an bereits geschriebenen Schicksalen.